Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — 8.1873

Page: 103_104
DOI article: DOI article: DOI Page: Citation link: 
https://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/kunstchronik1873/0057
License: Free access  - all rights reserved Use / Order
0.5
1 cm
facsimile
Kuustliteralur.

U,>

I ttl!

Tracht von heut vor hnndert Jahren, die edle Lernbegier,
das feine Verständniß der jungen Jtaliener, die sprechende
Handbewegung des Lehrers, die den Schülern sagt: „Ja,
sehen Sie, da haben Sie's getroffen!" und die tiefe, so
hoffnnngslose Neigung der schönen Frau zu dem Geist-
lichen in dem Alter, wo Frauen die letzte und danu die
stärkste Leidenschaft erleben — alle diese gespannten Asfekte
verbinden sich niit einer Technik, die z. B. in der Spie-
gelung des eleganten Marmortisches auf eine Höhe geführt
ist, wie sie selten erreicht wird. Dazu das Gegenstück:
Graf Alfieri, jung und feurig, deklamirt seine Mhrrha
der Gräfin Albany und einem Abbate, während auch der
noch ganz kleine Massimo d'Azeglio zuhört. Die Gruppe
der Hörenden sitzt auf einem Sopha, der Tragiker steht
vor ihnen. Hier bereitet sich ein Herzensverhältniß vor,
das ebenfalls durch große Schmerzen gegangen ist, aber
zwei bedeutende Aienschen znletzt beglückt hat: nicht ohne
Rührung siehl man zu Florenz in S. Croce daö Monu-
ment Canova's, welches die vereinigte Asche der dentschen
Fürstin und des italienischen Republikauers umschließt.
Dieses Bild übertrifft vielleicht »och sein Gegenstück
darin, daß es bei gleicher Schönheit und Harmonie der
Farbe weniger mit der Technik prahlt. Der ärgste Ver
ächter der modernen Kunst würde in dem kleinen Kabiuet,
wo diese zwei Bilder neben einander hingen, doch zuge-
standen haben, daß Werke von so warmem Herzschlag
unter so eleganter Robe keiner frühern Knnstzeit möglich
gewesen. Nehme ich endlich noch einige Humoresken
heraus, z. B. die unvergleichliche Charge von Luigi Ro ss i
in Mailand, wo die Bedienten eines großen Hauses im
Salon beim besten Wein aus dem Keller ihre Herrschaft
karrikiren („In Ä886iii!n clsi pnclroni", Nr. 384), oder
gemülhvolle Volksscenen der Armuth, wie die beiden Bil-
der aus armen Hütten von Gaetano Chierici aus Reggio
(Nr. 7 I l, 712), so wird der Kreis der Stofse, die auf
der Ausstellnng vorwalteten, ziemlich umschrieben sein.

Jm Ganzen war das Bild, das man von dieser
nationalen Genieprobe mitnahm, ein erfreuliches. Wer
noch ans den vierziger Jahren her der akademischen Lang-
weiligkeit italienischer Malerei, ihrer blnt- und seelenlosen
Farben und der Enge ihres Gesichtskreises in der Stoff
wahl sich mit Schaudern erinnert, der muß sich sagen, daß
ein neuer, fröhlicher und Labei ernster Geist, wie beides
der Kunst wohl thut, durch die verjüngte Nation geht.
Es ist, als ob der Italiener von Geist jetzt erst freudig
seine reiche Landschaft anschaute, die schöne Naturnienschheit
seines Volkes begriffe und Augen gewönne für die Wirk-
lichkeit des praktischen Lebens. Das alte politische Jveal
Dante's, durch all die langen Jahrhunderte von jeder
edlen Natur im heißen Herzen getragen, ist in diesem
Geschlecht zur Thatsache geworden — und wie die Resul-
tate eines langeu stillen Reifens zuletzt alle unter einander
ähnlich sind wie Birnen von einem Baum, so erkennt man

in der italienischen Kunst dasselbe Bestreben, zwar das
Reale jetzt mit jugenvlichem Feucr zu ergreifen, dasselbe
Reale aber nicht frivol und lüoerlich bloß zu photogra-
phiren, sondern mit der schwungvollen Wärme des Ge-
müthes zu durchdringen, welche über die Form, auch die
modernste, einen Hauch des Jdeals wehen läßt.

Gottfried Kinkel.

Liiiistlitrratnr.

Der Dom zu Köln, seine Konstruktion und Aus-

stattung, gezeichnet und herausgegeben von Franz

Schmitz, Architekt. Köln undNeuß, 1871 u. 1872.

Lieferung 13 bis 16.

Zuletzt sind in dieser Zeitschrift von dem großen
Domwerke des Architekten Franz Schmitz die Lieferungen
11 und 12 besprochen worden. Seitdem sind von dieser
pracht- und verdienstvollen Publikation wieder vier 8ie
serungen, 13 bis 16 incl., erschienen. Alle Freunde und
Bewunderer des Kölner Domes mnß es in hohem Grade
freuen, daß cs denjenigen, welche ein Jnteresse daran
hatten, die Weiterführung dieses Werkes zu hiutcrlreiben,
Irotz Aufbietung aller Jntriguen, juristischen und admini-
strativen Blittel nicht gelungen ist, den Herausgeber ein-
zuschüchtern uud zur Einstcllung seines schönen, aber
kostspieligen Itnternehmens zu veraulassen. Man hätte
erwarten sollen, daß das preußische Ministerium, nachdem
der richterliche Sprnch die Grund- und Haltlosigkeit sämmt-
licher Einwendungen, mit welchen die Dombauverwaltung
die llnterdrückung des genannlen Werkes dnrchzusetzen
eifrig und angelegenllich bemüht war, in das klarste Lickt
gestellt hat, sich entschlossen hätte, den an seiner Ehre in
so schwerer und unverantwortlicher Weise gekränkten
Herausgeber durch einen öffentlichen und augensälligen
Akt der Billigkeit und Gerechtigkeit zu rehabilitiren und
tmrch eine Staatsunterstützung demselben die Vollendung
des die Geldmittel eines Privaten allzu sehr in Anspruch
nehmenden Werkes zu ermöglichen. Doch diese Er-
wartnng hat sich nicht erfüllt, und es wird nun Sache
des kunstliebenden Publikums sein, burch zahlreiche Sub-
scription den Herrn Schmitz in Stand ;u setzen, die noch
sehlenden »eun Lieferungen ferlig stelle» zu können.

Die vier letzten Lieferungen enthalten: Glasmalerei
im hohen Chor, obere Hälfte des driiten Fensters der
südlichen Wand. Grundriß und Längenschnitt Ler Sakristei,
östliche und nördliche Ansicht der Sakristei, Details der
Sakristei, Grundriß der Thürmc, Lrittes Stockwerk. Glas-
malerei im hohen Chore, untere Hälfte Les dritten Fen-
sters der südlichcn Wand, Details der Chorstühle (zwei
Blätter), Grnndriß vom südwestlicheu Eckpfeiler des süd-
lichen Thurmes, Sockel und Kapitäle der Pfeiler im
Chore, Grnudriß vom südwestlichen Eckpfeiler des süd-
lichen Thurmes (3. Stockwerk, 2. Abtheilung), Glasmalerei
in der Dreikönigen-Kapelle, Grundrisse des 3. Strebe-
systems an der nördlichen Chorwand, Grundrisse des
Nordportals, Grabmal des Erzbischofs Philipp von
Heinsberg in der Maternus-Kapelle, Grabmal des Erz-
bischofs Conrad von Hochsteden in der Johannis-Kapelle,
drittesStrebesystem ander nördlichen Chorwand,Grundriß
des Chorschlusses, östliche Ansicht der Chorkapellen, innere
Ansichlder Chorkapellen, Baldachin-Pyramide an den Chor-
kapellen undWasserspeier an denStrebepfeilern des Chores.
loading ...