Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — 8.1873

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Nekrologe. — Sammlungen und Ausstellungen.

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vr. Barack und mehrere Professoren ihre Aufnahme in
den Verein dnrchzusetzen, darunter die Historiker Weiz-
säcker, Brunner nnd Springer.

Nun kam es neulich zur Generalversammlung. Die
Heißsporne des Komitv's, vr.Reuß, der Sohn des deutsch-
gesinnten Professors an der theologischen Fakultät, ein
Schüler von Georg Waitz in Göttingen, und der Franzose
Ristelhuber verlangten die Auflösung des Vereins, da er
nach seiner Verfassung von der verhaßten Regierung ab-
hängig ist. Unter den gemäßigten Elsässern waren jedoch
viele für die Erhaltung des Jnstitutes und außerdem
auch viele von den Ultramontanen mit Rücksicht auf die
Restaurirung ihrer Kirchen. Mit diesen nun vereinbarten
die dentschen Professoren eine Wahlliste für das neue
Komittz, ohne indeß ihre Theilnahme daran besonders
bemerkbar zu machen. Dann fand die Versammlung in
der Mairie statt. Spach referirte und übergab sodann
das Präsidium an Herrn von Schauenbnrg, „nnoien
pnir ckv vrnnos". Hierauf verlas der Kassier, ein Herr
Klotz, den Kassabericht und knüpfte unmittelbar daran im
Einverständnisse mit der Auflösungspartei den Antrag,
das Museum und die Bibliothek der Stadt zu schenken
und das vorhaudene Baarvermögen — etwa 13,000
Franken — zum Ankaufe von Kopien und Bausen uach
deu berühmten, bei der letzten Belagerung verbrannten
Miniaturen der Herrat von Landsberg zu verwenden.
Da dieser Antrag nicht vom Komits ausging und die
Tagesordnung über den Hausen warf, folgte demselben
eine hitzige Debatte. Die Franzosen suchten augenscheiu-
lich die Versammlung zu terrorisiren. Da begehrte
Professor Brunner zu sprechen. Kaum aber hatte er be-
gonnen: „Meine Herren" —fällt ihm der Präsident in's
Wort mit demBedeuten, er hätte hier Französisch zu sprechen.
Darauf der Professor: ,,3'ui Is äroit cle purler ulltzwauä,
vt vous nurs^ la patiouos äs m'soouter!" und so sprach er
für die Aufrechterhaltung der Tagesordnung uud gegen
die Verschleuderung des Vereinsvermögens; freilich unter
dcr allgemeinen Entrüstung der Franzosen und insbeson-
dere einiger Abbes, die ihn fortwährend zu unterbrechen
suchten. So ein Professor aber schreit sich durch, und er
sprach nun äußerst scharf und ungemein „deutsch", oder
wie es ein Franzose, der sich darüber beklagte, über-
setzte: „avss uns vivuvits, ixui u troisss I'as^swblss."
Damit war das Recht deutsch zu reden gewahrt, und es
wurde nicht mehr angefochten, als dann noch Weizsäcker
und Löning das Wort nahmen. Die Gefahr der Auf-
lösung ward nun von dem für die Kunstgeschichte des
Elsaß so wichtigen Vereine abgewendet. Sein Vermögen
ward ihm erhalten; nur ward die, ja sehr löbliche,
Sammlung vou Kopien nach der Herrat von Landsberg,
ohne Bestimmung einer Geldsumme unter die Vereins-
zwecke ausgenommen. Bei der Wahl des Komitäs ging
die deutsche Liste mit zwei Ausnahmen durch. Diese

Ausnahmen sind Klerikale. Dafür sind aber die Stock-
franzosen Reuß uud Ristelhuber hinausge —- wählt;
und der Berein hat nun ein Komits, das der Aufnahme
von Deutschen nicht entgegen ist. Seit der General-
versammlung sind bereits der Oberpräsident Möller und
die Professoren Michaelis, Scherer und Wilmanns als
Mitglieder aufgenommen worven. Was gilts, die Be-
satzung, welche der deutsche Kaiser in's Straßburger
Schloß gelegt hat, hält sich tapfer? Uns aber freut
es, daß ihre ersten Vorpostengefechte deutschen Kunst-
interessen galten.

Diese Kämpfe waren freilich nichts weniger als
blutig und tragisch. Gleichwohl wird es Lem Berichl-
erstatter erlaubt sein, dem obigen Schauspiel uoch ein
kleines Satyrspiel anzufügen. Der zuvorgenauute Herr
von Schauenburg, der das Deutschreden nicht vertragen
kann, hat eine Tochter. Die wollte auch wallfahrten
gehen nach Maria Greuth, wo seit einigen Monaten die
heilige Jungsrau erscheint, um mit Schwertern nach dem
Rhein zu werfen. Um dieser unbefugten Waffenübung
ein Ende zu machen, war eben der kriegerischen h. Iung-
frau eine Kompagnie Sachsen ins Quartier gelegt worden.
Als nun die frumme Baronefse Schauenburg etwas zu
spät heraukam, da wurde selbige — o Graus! von einem
Gensd'armen abgefaßt. Darob beschwerte sich nun Papa
bei unserem Bezirkspräsidenten, der ihn bei dieser Gelegen-
heit fragte, warum er denn jenen Professor nicht habe
wollen deutsch reden lassen? Und schnell gefaßt antwortet
I'unoisn xmir äs H'rullos: „derselbe hätte einen so gräu-
lichen Dialekt gesprochen, daß ihn Niemand verstanden
habe (das hatte er bereits an den zwei Worten „Meine
Herren" erkannt!) und darum habe er den Professor ge-
beten, französisch zu reden" — denn der Franzose ist
immer höflich, wie ÜAnru zeigt.

Nkkrologe.

k. John Frederic Kenselt, ein in Amerika rübmlichst
bekannter Landschaftsmaler, starb am 14. December 1872 an
einer Complication von Herzkrankheit und Lungenentzündung.
Er wurde am 22. März 1818 zu Cheshire, im Slaate
Counecticut, geboren, lernte zuerst die Slahistecherei bei seinem
Onkel Alfred Daggeit, einem Banknotenstecher von Ruf, ging
1840 nach Europa, wo er sieben Jahre lang blieb, und ließ
sich 1847 permanent in New-I)ork nieder. Genosse der
„dlutionril ok OesiAn^ in New-Aork war er seit

1848, ordentliches Mitglied seit 1849. Jm Jahre 1858 wurde
cr zum Mitgliede der Kommission ernannt, welche die künst-
lerische Ausschmllckung des Kapitols in Washington zu über-
wachen hat. Seine Landschaften steht man in den meisten
amerikanischeu Privatgalerien, auch sind manche derselben nach
Europa verkauft worden.

Sammlungkn unö Äusstrllungen.

/X Miinchener Knnstverein. Die nahe bevorstehende
Weltausstellung steigert auch den Wertb der Vereins-Aus-
stellungen: ein guter Theil von den 600 Nummern, welche
die hiesigen Künstler nach Wien schicken, kommt auch hier zur
Ansicht des Publikums. Sogar die strenghistorische Kunst hat
ihre Vertretung gefunden und zwar durch ein sehr bedeut-
sames Werk von L. Thiersch: „Ceres sucht ihre Tochter".
Großartig in der Konzeption, kühn in der Darstellung, ge-
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