Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — 8.1873

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Nekroioge: Eduard Bitterlich.

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Eduard Bitterlich -j-. „Wenn die Blätter fallen in
des Äahres Kreise, wenn zu Grabe wallen entnervte
Greise, da gehorcht die Natnr ruhig nnr ihrem alten
Gesetze, ihrem ewigen Brauch; da ist nichts, was den
Menschen entsetze. Aber in sein stygisches Boot raffet
der Tod auch der Ängend blühendes Leben!" — So
klagen die Gefährten Manuel's in Schiller's „Braut von
Messina" über den frühen Tod des geliebten Führers.
So bittere Klage durften auch wir erheben, als am
23. Mai d. I. mit den von lieben Händen gespendeten
Blumen, mit der Handvoll Erde und schweren Thränen-
tropfen die letzten Grüße hinunterfielen auf den Sarg
des früh dahingegangenen EduardBitterlich, — Klage
um den ausgezeichneten Künstler, um den im Glauben,
Hoffen und Lieben niemals wankenden Sohn unserer
deutschen Nation, um den mit großen Geistes- und
Herzensgaben ausgerüsteten Mann, den besten Freund
und aufopfernden Vater seiner Familie.

Bitterlich's Äugendgeschichte ist kurz. Vor 38 Jahren
wurde er zu Stupnicka in Galizien, wo sein Vater, ein
österr. Rittmeister - Auditor, stationirt war, von einer
polnischen Mutter geboren. Des Vaters Blut war stärker
als das der Mutter, somit wurde Bitterlich ein deutscher
Mann. Freilich kam ihm dabei zu statten, daß seine
Familie das österreichische Sibirien für immer verließ,
um nach Wien überzusiedeln. Hier sollte Bitterlich
nun studiren, um sich für ein Staatsamt vorzubereiten.
Nach dem Wunsche der Familie besuchtc cr das Schotten-
gymnasium vier Äahre lang. Aber inzwischen wurde
der Künstlergeist mündig in ihm und verlangte stürmisch
eine Aenderung der Studien. Trotz des Widerspruches
der Eltern verließ er das Gymnasium und trat bei
Waldmüller, der damals in Wien eine vielbesuchte
Privatschule für Malerei eröffnet hatte, in's Atelier.
Waldmüller's Sache war es nicht, auf die Kunstrichtung
seiner Schüler bestimmend einzuwirken. Er ließ jeder
Jndividualität völlig freien Lauf und begnügte sich
hauptsächlich damit, seine Schüler daran zu gewöhnen,
die Natur mit künstlerischem Auge anzuschauen und für
ihr Studium zu verwerthen. Das war nun allerdings
für den jungen Künstler von Nutzen, aber sonderbar!
Bitterlich, der sich später nur monumentalen Aufgaben
gegenüber eigentlich wohl gefühlt hat, gerieth in Wald-
müller's Schule ganz in die Miniaturmalerei. Dieser
Richtung folgte er selbst noch einige Zeit nach seinem
baldigen Austritt aus Waldmüller's Meisterschule (1854)
im Laufe seines autodidaktischen Studiums. Bald er-
langte er als Miniaturmaler und noch mehr als vorzüg-
licher Zeichner einen Ruf, und dieser Ruf erwirkte ihm
einen Auftrag, der ihn 1855 nach Veuedig führte, um
an Ort und Stelle die Meisterwerke in den Galerien
und Kirchen Venedigs für das Bilderwerk des österr.
Lloyd zu kopiren. Die Venetianer, die er schon in Wien
rührig zu studiren angefaugen hatte, waren ein neues
Lebenselement für seinen dürstenden, wachsenden Geist.
Än der Zeit seines Aufenthaltes in der Lagunenstadt —
ße hatte mit kurzen Unterbrechungen mehr als zwei Jahre
gedauert — aß und trank er kaum und vergaß uicht
ielten im Vergnügen des Anschauens seine Pflicht. Ueber
Venedig ist Bitterlich nie hinausgekommen. Bald nach
seiner Rückkehr vermählte er sich mit Fräulein Marie
Singer v. Wyssogurski und trat bald darauf bei seinem

zweiten Meister ein, den er bis zum Tode desselben nicht
mehr verließ. Bon Rahl begann damals der große
Bann eben zu schwinden, in welchen der allerdings ge-
fährliche Mann von den Unfehlbaren der Kunst gethan
worden war, und an dem namentlich die unvergleich-
lichen Entwürfe für die Arsenalfresken gescheitert sind.
Jetzt kamen und häuften sich sogar die Aufträge für mo-
numentale Darstellungen. Bitterlich's eminentes Zeich-
nungstalent und feiner Geschmack in der Ausführung
waren für Rahl von nicht geringem Nutzen. Die kleinen
Farbenskizzen und die Kartons zu den monumentalen
Kompositionen Nahl's sind, von der dritten Umarbeitung
für die Arsenalfresken abgesehen, fast ausnahmslos
von Bitterlich, so die Kartons für den athenischen
Universitätsfries, zu den Äahreszeiten und Künsten im
Sina-Palaste, zu den Künsten an der Vorderseite des
Heinrichshofes, zu den Fresken im Stiegenhause des
Waffenmuseums, znr Paris-Mythe und den übrigen
Fresken im Todesko'schen Hause, endlich die Farben-
skizzen und Kartons für den Bilderschmuck an der
Decke des Zuschauerraums, am Proscenium und am Bor-
hange des neuen Opernhauses in Wien.

Ueberdies sind noch die Zeichnungen zur Argonauten-
sage (20 Blätter) für den Grafen Wmpffen und die
Farbcnskizzen zur Mythe der Venus für den Großherzog
von Oldenburg zu erwähnen, Entwürfe, welche unaus-
geführt geblieben sind. (Bankier Epstein interessirt
sich gegenwärtig für die Rahl'sche Liebesmythe und will
sie in seinem Palaste am Burgring malen lassen.)

Unter Rahl's Leitung erlangte Bitterlich als Künst-
ler erst seine männliche Reife. Rahl's schöpferischer
Geist, seine Meisterschaft in der Kunst, im Wissen und
im Können, seine umfassende Bildung, seine Konzen-
trationskraft, sein Patriotismus, alles das wirkte bestim-
mend auf die kunstreichen Gaben und den Charakter
Bitterlich's ein. Dazu hatte Rahl das Zeug, Schwär-
mcr und Ädealisten fest zu hämmern, um sie sür's Leben,
für die That, für die Arbeit tüchtig zu machen. Bitter-
lich war sich des wohlthätigen Einflusses vollkommen be-
wußt. Des Meisters Wort war ihm das Evangelium.
Er hätte sein Leben gelaffen für ihn. Die Gegner
haben die leidenschaftliche Anhänglichkeit Bitterlich's an
seinen Meister öfters nicht zu ihrem Vergnügen kennen
gelernt.

Bitterlich saß mit dem jungen Genelli an der noch
warmen Leiche des Meisters und zeichnete die theuern
Züge, die wieder die schöne Ruhe des Todes angenom-
men hatten, den Kopf, der nach seiner Bemerkung dem
eines griechischen Weisen glich. Diese Zeichnung wurde
von Bitterlich zu ejner Kompositiou für das später von
Hansen auf eigene Kosten auf dem Schmelzer Friedhof er-
richtete schöne Grabmal Rahl's benützt. Der Schatten
Rahl's, im weißen Mantel, wird von dem schönen
Bruder des Schlafes in's Schattenreich hinabgeführt.
Diese Komposition war anfangs zur Ausführung in
Marmorrelief bestimmt, aber der Bildhauer Pilz er-
krankte, und so unterblieb das Projekt. Hansen hat jetzt
die Ausführung in Stucco-lustro-Manier in Aussicht
genommen.

Die Hauptarbeit nach des Meisters Tode war die
Ausführung von Nahl's Entwürfen für das neue Opern-
haus. Die Baukommission fand es selbstverständlich,
daß Niemand die gewaltige Aufgabe so gut bewältigen
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