Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — 8.1873

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VIII. Jahrgang.

Nr. 26.

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L 2>l2 Sgr. für die drei
Mal gespaltene Petit-
zeile werden von jeder
Buch- und Kunsthand-
lung angenommen.

1673.

Beiblatt zur Zeitschrist sür bildende Kunst.

Dies Blatt, jede Woche am Freitag erscheinend, erhalten die Abonnenten der „Zeitschrift für bildende Kunst" xratis; für sich allein bezogen
^ kostet der Jahrgang 3 Thlr. sowohl im Buchhandel wie auch bei den deutschen und österreichischen Postanstalten.

! Jnhalt: Die Baugeschichte Berlins von Alfred Woltmann. — Franks, Oalalo^ue oktllo eollsetion ok rrlass, kormeä k'elix 81a6e. — Blaas,
- Die Proportionen des Kopfes und der Gesichtstheile des Menschen, nach Harleß' Lehrbuch. — Wilhelm Marstrand-f. — Kunstverein zu

. Niga; Barmer Kunstverein. — Auöstellung des Münchener Kunstvereins; Permanente Ausstellung im Wiener Künstlerhaus. — Neue Bilder

von Tidemand und Vautier; Ausgrabung einer Venus-Statue in Pompeji. — Berichte vom Kunstmarkt: Wiener Gemälde-Auktion.
' — Jnserate.

Die Daugeschichte Äertins vsn Mred
Wottmann.

i.

Mitten in das frisch und fröhlich pulsirende Leben
und Treiben der Gegenwart hineinzugreifen und das in
demselben Bestehende, das Gewordene aus dem Prozeß
des Werdens zu erklären, angesichts der stolzen That-
sachen auf die beschcidenen und doch eingehender Betrach-
tung werthen Anfänge hinzuweisen, das ist fürwahr ein
glücklicher Gedanke, der eine Aufgabe in sich schließt und
geradezu dem begünstigten Entdecker aufdrängt, wie sie
kauni dankbarer gedacht werden kann.

Seitdem man sich in Folge der Neugestaltung der
Politischen Verhältnisse Deutschlands daran gewöhnt hat,
iu Berlin als der Kaiserstadt jüngsten Datums den
Mittelpunkt des neuen Reiches zu sehen, natürlich nicht
ini Pariser Sinne als alleiniges Centrum aller geistigen
2nteressen, hat Berlin, früher draußen ini Reich für gar
Dianchen eine tsrrn inooAnitn, die Aufmerksamkeit auch
ber Fernstehenden auf sich gezogen. Man hat sich die
Diühe genommen, das auf Sand gebaute Häuserchaos
uäher anzusehen, und man hat den Anblick trotz mancher
Schattenpartien nicht so ganz übel gefundeu. Die alte
Leschäftig verbreitete Sage, daß dort die Künste beständig
Üieren, hat allmählig eine nebelhaftere Gestaltung ange-
uommen, und Professor A. Woltmann hat in seinem uns
Ichon in einem zweiten Abdrucke vorliegenden Buche*)

Die Baugeschichte Berlins bis auf die Gegenwart.
^iit zahlreichen Holzschnitten. Berlin 1872, Gebr. Paetel. —
Das Buch verdankt seinen Ursprung öffentlichen, im Sommer
^68 an der Berliner Universität gehaltenen Vorlesungen.

den neuerlichen Nachweis geliefert, daß Berlin und seine
Bauwerke den Vergleich mit den anderen Hauptstädten
des Vaterlandes wahrlich nicht zu scheuen brauchen, daß
man „vertrauend auf das Werdende, mit Hoffnung auf
das Zukünftige blicken kann."

Die architeklonische Entwicklung einer Stadt, so-
weit sie sich in den vorhandenen Monumeiiten ver-
folgen läßt, wird zumeist bestimmt durch die Wirksamkeit
charakteristischer Persönlichkeiten, die sich vermöge der
Macht ihres Geistes oder zuweilen auch durch äußere Um-
stände eine dominirende Stellung zu verschaffen wußten
und ihrer Zeit den Stempel ihres Genius aufdrückten.
Jn richtiger Würdigung dieser Thatsachen hat Woltmann
seinem Buche, je mehr es sich vom Mittelalter und den
Kurfürsten entfernt, und je mehr die neuere Zeit das
Hervortreten der küustlerischen Jndividualität begünstigt,
eine vorzugsweise biographische Gestaltung gegeben. Als
besonders anziehend erscheint uns die Berücksichtigung
der kulturgeschichtlichen Verhältnisse, unter deren Einfluß
die Bauthätigkeit in den einzelnen Epochen sich entfaltet.

Die ältesten vorhandenen Baudenkmäler Berlins
gehören der gothischen Periode an: die Nikolai- und die
Marienkirche, aus dem Anfang und der Mitte des drei-
zehnten Jahrhunderts, Hallenkirchen, (mit Seiten- und
Mittelschiffen von gleicher Höhe) in denen sich „derschlichte,
verständige Geist des Bürgerlhums" ausspricht. Für die
ältesten Theile der ersteren lieferten noch die erratischen
Blöcke das Baumaterial. Von ungleich höherer künst-
lerischer Bedeutung ist die Klosterkirche (begonnen 127l
von den Franziskanern), keine Hallenkirche, sondern mit
einem hoch über die Seitenschiffe erhobenen Mittelschiff,
ohne Zweifel zu den „besten Leistungen der norddeutschen
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