Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — 8.1873

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Der Berüner Gypspapst. — Ein Denkmal mittelalterlicher Plastik.

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zum Verständniß heranzubilden, und die wir in Folge
dessen überall dahin streben, diesen Erfolg durch Er-
leichterung des Museenbesuches in jeder Weise zu fördern
und sicher zu stellen, pflegen dem Publikum die einfach-
sten und gewöhnlichsten Aufschlüsse über die ausgestellten
Werke auf die mundgerechteste Weise vorzulegen, damit
dasselbe soweit wie irgend möglich ohne eigene Mühe-
waltung sich der Dinge bemächtigen kann. So war es
denn auch in der Gypssammlung, bis Herr Bötticher
an's Ruder kam. Jedes Bildwerk war mit einem kleinen
gedruckten Zettel versehen, auf welchem die Nummer des
Saales, die laufende Nummer des Kunstwerkes, resp.
des Kataloges, ferner die Bedeutung des Werkes und
der Aufenthalt des Originales, wo es möglich war auch
der Meister angegeben war; also etwa: „V. 14. Me-
diceische Venus. Kleomenes. Original Florenz." Diese
Zettel waren klein, im Laufe der Zeit etwas schmutzig
geworden, die Angaben noch zu dürftig, aber es war
doch wenigstens der gute Wille da, und für einen sehr
großen Theil des Publikmns genügte das Gegebene al-
lenfalls. Diese sämmtlichen Zettel hat aber Herr Böt-
ticher entfernt, und wer nun von irgend einem Werke
Auskunft haben will, wer nur zwischen zwei einander
sehr ähnlichen Torsen oder Statuen sich herausfinden
will, der muß Herrn Bötticher's Katalog kaufen.

Noch mehr. Jn jeder anständig geleitetenKunstsamm-
lung, deren Bestand einer neuen Aufstellung, Numerirung
und Katalogisirung unterworfen wird, läßt man wegen
der im Umlaufe befindlichen älteren Kataloge, wegen
der Anführungen in wissenschaftlichen Werken, wegen der
Gewöhnung des Publikums u. s. w. die alten Nume-
rirungen und Bezeichnungen noch jahrelang ueben den
neuen an den aufgestellten Werken fortbestehen. Unter
Herren Bötticher's Regimente davon keine Spur; sondern
wer die Preisarbeit durch jahrelange Bemühungen fertig
bekommen hat, sich in dem labyrinthischen früheren Böt-
ticher'schen Kataloge zurechtzusinden, steht jetzt mit dem
theuer erstandenen Führer, den benutzen zu lerncn ihm
noch viel theurer zu stehen gekommen, vollkoinmen rath-
los in der neu geordneten Sammlung, und muß sich wohl
oder übel Herren Bötticher's neuen Katalog kaufen.

So macht man's in Berlin, der Vaterstadt der
Hoff und Daubitz! — Jch kann mir wohl denken, daß
Lübke und Rosenberg Bedenken getragen haben, diesen
Punkt zu erwähnen, da sie sich an der Stelle des Ber-
liner Gypspapstes, wie Lübke den Professor Bötticher
sehr treffend getauft hat, geschämt haben. Aber bei ge-
wissen Dingen hört Alles und zunächst einmal die Rück-
sicht und Schonung auf, und so habe ich es für meine
Pflicht gehalten, Jhrer Auffordernng entsprechend über
den Stand dieser Angelegenheit mich gründlich auszu-
sprechen.

Wenn es etwas länger geworden ist, als man einer

solchen traurigen Begebenheit gern die Aufmerksamkcit
zuwendet, so entschuldigcn Sie es damit, daß man hier
gegen ein persönliches Vorurtheil anzukämpfen hat, und
daß leider die Berliner Zustände so verfahren sind und
andauernd bleiben, daß man einen überall sonst unmög-
lich gewordenen Mann wie den Professor Bötticher in
seiner Stellung als Direktor der Berliner Skulpturen-
galerie noch ernsthaft als Gegenstand der Kritik nehmen
muß. Biclleicht gelingt es eben auf solchem Wege, we-
nigstens die Jnstanz für die Sache zu interessiren, an
welche sich auch Rosenberg gewendct hat, und welche auf
die Dauer diejenige ist, deren Bedürfnisse und Wünschc
sich nicht ignoriren lassen.

Es ist eine ganz unahweisbare Nothwendigkeit, daß,
bevor irgend etwas Weiteres mit der Skulpturensamm-
lung geschieht (ich weiß, daß unter Anderem ein sehr
großartiger Plan für die Bereicherung der Sammlung
von mittelalterlichen und Renaissance-Skulpturen vorliegt,
dessen Annahme und Durchführung sehr wünschenswerth
wäre), der Direktor Bötticher von seinem Posten cntfernt
und durch eine berufene und fähige Persönlichkeit er-
setzt wird.

Jch schließe, indem ich von der sonst wenig vor-
bildlichen Form Bötticher's in seiner Broschüre gegen
Conze den hübschen Gebrauch entlehne, mit einem dra-
stischen Citate das Ganze zu bekrönen. Das meinige
ist leider nicht so klassisch wie das Bötticher's, dafür hat
es aber den Vorzug, treffender und dabei nicht so anma-
ßend und so beleidigend zu sein, wie das seinige. Jch
schließe, indem ich Herrn Bötticher einen Ausspruch Jo-
hannes Scherr's an's Herz lege:

„Das Reden der Jungen ist zwar manchmal Blech,
aber das Schweigen der Alten ist immer Gold."

Ein Denkmal mittetalterlicher Plajtik.

Kissingen, 17. August.

Es ist eine kunstgeschichtliche Thatsache, daß mit
dem Beginn des 13. Jahrhunderts die plastische Kunst-
übung im Umkreise der christlich-germanischen Welt ihren
höchsten Ausdruck in den Bildhauerschnlen fand, welche
damals in Sachsen und Franken blühten, und daß selbst
die gleichzeitige Skulptur Jtaliens und Frankreichs kauin
Leistungen aufzuweisen hat, die den Arbeiten an der
Goldnen Pforte zu Freiberg, an der Kanzel zu Wechsel-
burg und an den Portalen und Chorschranken des Domes
zu Bamberg ebenbürtig an die Seite treten. Allcs,
was den kunsthistorischen Thatbestand nach dieser Rich-
tung hin zu mehren und zu sichern im Stande ist, soll
darum der Freund vaterländischer Kunst dringend sich
angelegen sein lassen. Jn diesem Sinne sei mittelst
dieser Zeilen auf ein Denkmal hingewiesen, bas sowohl
durch den Gegenstand der Darstellung als auch durch
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