Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — 8.1873

Page: 507_508
DOI article: DOI article: DOI Page: Citation link: 
https://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/kunstchronik1873/0259
License: Free access  - all rights reserved Use / Order
0.5
1 cm
facsimile
567

Korrespondenz: Hamburg.

508

zuerst die Nachahmung der Antike ein. 2) Die Malerei.
u. Jn Jtalien gründete Giotti di Bondona (sio) die alt-
florentinische Schule, indem er treuen Ausdruck der Natur
suchte. Die Schattirung vervollkommnete Masaccio,
Angelo (sio) di Fiesole verstand den geistigen Ausdruck
wiederzugeben. b. In Deutschland malte um 1380 Wil-
helm von Köln Porträts. Eine gäuzliche Umgestaltung
bewirkten die Erfinder der Oelmalerei, die Gebrüder
van Eyck (Hubert st 1427, Jan st 1445). Ausgezeichnet
sind Martin Schön aus Colmar (st 1499) und Mich.
Wolgcmut aus Nürnberg (st 1519). Schon vor der
Erfindung der Buchdruckerkunst hatte der Holzschnitt starke
Verbreitung, ihm zur Seite trat zwischen 1430 und 1450
derKupferstich, vondenzuletzt genannten deutschenMeistern
erfunden. 3) Auf die Plastik wirkte das Studium der
Antike günstig. Jn Deutschland sind Adam Kraft und
Peter Vischer zuNürnberg die hervorragendstenKünstler."

Eine Kritik dieser Sätze ist wohl nicht nöthig. Man
drückt sich höflich aus, wenn man sagt, daß es schwer sei,
so viel kunsthistorischen Unsinn in so weuige Zeilen zu-
sammenzupressen. Eine Wissenschaft muß es sich gefallen
lassen, wenn sie da und dort ignorirt wird; sie hat aber
das Recht zu verlangen, daß sie nicht mißbräuchlich ange-
wendet und zurVerpflegung von Jrrthümern benutztwerde.
Wir werden dem Vorwurfe des Pharisäismus nicht ent-
gehen, wenn wir fortfahren, selbstbewußt die Gründlichkeit
unserer Bildung zu betonen und geringschätzig auf andere
Völker in dieser Hinsicht herabzublicken, gleichzeitig aber
in unseren nächsten Kreisen bei dem Jrrthum und der ge-
wöhnlichsten Oberflächlichkeit zu beharren. Es wäre im
Interesse der Sache wünschenswerth, wenn mit der kunst-
historischen Blüthenlese aus unseren gangbarsten Schul-
büchern fortgefahren würde. Vielleicht ließe sich doch
schließlich eine Besserung erreichen. 8.

Korrespondenz.

Hamburg, den ». Mai 187S.

Ein in großen Dimensionen ausgeführtes Altar-
gemäldevon des Coudres inKarlsruhe, dieKreuzigung
vorstellend und sür die Nicolaikirche bestimmt, ist vor der
definitiven Ueberführung an seinen Standort einige Zeit
in der Kunslhalle ausgestellt: eine merkwürdige Arbeit,
die man nur mit gemischten Gefühlen betrachten kann.
Technisch und malerisch ist nichts daran auszusetzen; der
Vortrag ist brillant, die Gruppirung geschickt und gut
gedacht, die Auffassung nicht ohne Originalität. Die
Hauptstgur, der bereits von der Farbe des Todes über-
zogene Leichnam des Gekreuzigten, ist so angeordnet, daß
sie ein weuig rechts vom Mittelpunkt des Bildes fällt, so
daß der eine Schächer links und etwas mehr nach hinten
noch sichtbar ist, während der andere zu weit nach rechts
und vorn fällt, um noch sichtbar zu werden. Zwischen

dem Erlöser, auf dessen Körper aus dem sonst schweren
und schwärzlich grauen Himmel eine helle Lichtglorie fällt,
und dem Schächer links baut sich mit sicherer Berechnung
und Steigerung die Gruppe der klagenden Frauen, theils
knieend, theils zusammensinkend oder halb liegend bis zum
aufrecht stehenden Johannes auf. Auf diesen Theil des
Bildes fällt noch helles Licht, während rechts Dunkel
und Schatten herrscht, so daß man nur die römischen
Kriegsknechte im Mittelgrunde erkennt, deren Geberden
verrathen, daß sie eben mit Ueberraschung Zeugen der
wuuderbaren Naturereignisse sind, welche in dem Moment
des Todes Christi eintreten. Das Hauptinteresse konzen-
trirt sich also auf die linke HLlfte; ein unharmonisches
Ueberwiegen dieses Verhältnisses vermeidet der Künstler.
durch eine rechts vom Kreuze knieende Frauengestalt. Ein
sonderbarer Einfall ist es übrigens, daß alle Frauen
mit rothen oder doch sehr blonden Haaren ausgestattet
sind. Die Zusammenstellung der Farben an den Ge-
wändern ist mit der größten Feinheit berechnet, wie denn
die koloristische Bravour den unleugbaren Borzug des
auch in der Beleuchtung effektvoll behandelten Bildcs
ausmacht. Leider steht der geistige Jnhalt nicht vollkom-
men auf derselben Höhe, und der Gegenstand läßt trotz
oder vielleicht eben wegen der ersichtlichen Berechnung im
Ganzen kalt. Es ist schwer, sich über die Gründe dieseS
Eindruckes genau Rechenschaft abzulegen, die Hauptschulb
daran aber trägt unzweifelhaft die nicht erhaben genug
aufgefaßte Erscheinung des Heilandes. Wir sehen eben
nur einen gerichteten Menschen, und der Heiligenschein
um das Haupt genügt durchaus nicht, um das fehlende
geistige Moment zu ersetzen. Jndem der Maler bemüht
war, durch das Betonen der Nebenumstände, den Heiligen-
schein, das himmlische Licht, die Naturereignisse, auf den
Gottmenschen der Evangelien und der Orthodoxie hinzu-
weisen, war er wohl von dem richtigen Gefühl geleitet, daß
dcr orthodoxe Glaube für die Kunst der dankbarere sei.
Es mißlang ihm aber, eine Persönlichkeit zu schafsen, die sich
über den Jesus der Protestantenvereine *) erhoben hätte,
und so setzte er sich mit der von ihm selber adoptirten,
und mit Recht adoptirten idealeren Auffassung in einen
unlösbaren Widerspruch. Bei aller Hochachtung vor dem
Können des Meisters müssen wir doch bezweifeln, daß es
seinen Gestalten gelingen wird, Andacht zu erregen, falls
es anders wahr ist, was Herder sagt:

Denn was Andacht schuf,

Erwecket Andacht.

Jm Uebrigen war die künstlerische Ausbeute der
letzten Wochen eine ungemein magere. Einige hübsche,
aber unbedeutende italieuische Genrebilder von Jessen,

") Jch verwahre mich hier ansdrückiich gegen jede Aus-
legung meiner Worte in einem für die Rationalisten und
Protestantcnvereine geringschätzigen Sinne.
loading ...