Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — 8.1873

Page: 195_196
DOI article: DOI article: DOI Page: Citation link: 
https://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/kunstchronik1873/0103
License: Free access  - all rights reserved Use / Order
0.5
1 cm
facsimile
195

Kunstlitsratur. — Sammlungsn und Ausstellungen.

196

Genrebildern. Der Belgier Jean Bapt. Huysmans I
bringt zwei Pendants, welche durch die Jdee mehr in-
teressiren als durch die übrigens anständige Ausführung.
Das eine Bild: „IIn ooin äo ruo su ^lriPis" zeigt
einen Araber hoch zu Dromedar, welcher sich von seinem
erhabenen Sitze bequemmit einer aus dem kleinen Fensterchen
herausgnckenden, niedlichen Muselmännin unterhält; das
zweite Bild: „llu ooin äo Imrem on ^kriMs" zeigt das
Jnnere eines Haremgemaches; eine niedliche Muselmän-
nin ist auf den Rücken ihres Sclaven gestiegen, um sich
am kleinen Fensterchen mit einem Araber draußen unter-
halten zu können. Henner will uns in seiner trefflich
gemalten,,IäMs"die reizendeZeitzurückrufen, in welcher
die Menschen eben so sehr die unbequeme Kleidung wie die
lästige Arbeit verachteten und sich die Muße mit Flöten-
spielen, Liebesseufzern und Erhörung derselben ausfüllten.
Gustav Guillaumet malte: „1-68 1smms8 äu äouur ü-
lu Kivisrs"; es sind dies algerische Wäscherinnen, welche
durch ihre malerischen Kostüme dem Künstler die zweite
Medaille erringen halfen. Henry Schlesinger, in
Franksurt geboren, an der Wiener Akademie ausgebildet
und seit Kurzem ein naturalisirter Franzose, übrigens
durch eiuige gute Bilder bereits bekanut, hat ein trefflich
gemaltes Bild, ein nettes aus der Kirche kommendes
Landmädchen, welchem eine junge elegante Dame etwas
in's Ohr slüstert, ausgestellt. Das Bild heißt: „?sins
psräus", der Sinn ist mir bis jetzt unklar.

(Fortsetzung folgt.)

Annstlitkraiur.

* Von M. de Voguö's „8^ris vsnlruts« ist soeben
die 30. Lieferung erschienen und damit das vortreffliche Werk,
dem wir durch die Publikation der merkwürdigen Denkmäler
Centralsyriens eine so wesentliche Bereicherung unserer Kennt-
niß der frühchristlichen Architektur verdanken, in seinem künst-
lerischen Theile zum Abschluß gekommen. Ein erklärendes
Verzeichniß der Tafeln, an welchem der Verfasser noch arbeitet,
wird uns für die nächste Zeit in Aussichl gestellt.

Sammtunycn und Äusstrllungen.

It. L. Neuerdings sind im Berliner Museum vier hel-
lenische Vasen aufgestellt, die in mehr als einer Hinsicht das
Jnteresse der Beschauer zu erwecken geeignet sind. Zunächst
wegen der Größe, da Lekythen von solcher Höhe bis jetzt noch
nicht existirten (einige im Barbakion in Athen kommen ihnen
nahe, stehen aber immer noch um ein Beträchtliches zurück),
dann wegen der Farben, mit denen sie ehemals bedeckt waren,
und von denen auch noch heute deutliche Spuren sich erkennen
lassen, und überhaupt wegen der ganzen Technik. Sie wur-
den im Jahre 187t in Athen gefunden und sind bis auf ein
Gefäß, über dessen Verbleib ich Jhnen nichts Näheres sagen
kann,") in's Berliner Museum gekommen. Leider waren sie in
viele Stücke zertrümmert, so daß es wegen der vielen Fugen
schwer ist, beim ersten Anblicke die einzelnen Figuren heraus-
zuerkennen; doch einige Mühe auf ihre Betrachtung verwandt,
läßt auch die Einzelheiien, soweit sie erhalten sind, deuüich
hervortreten, und außerdem erleichtern die über den Vasen
angebrachten getreuen, in Farbe ausgeführten Nachahmungen
bedentend das Erkennen der Gegenstände. Diese sind nicht
wesentlich von denen anderer attischer Lekythen, von denen
Benndorf in seinem Basenwerke eine große Reihe veröffentlicht

*) Dieses fiinfte Gefäh, das weitaus schönste und besterbaltene der
Reche, lam nach Wien in'S Ocfterreichische Muscum. A. d. Herausg.

hat, verschieden; auf der einen sitzt vor einer Stele, die sich
auf Stufen erhebt und oben !n eine Bekrönung von Akanthus-
blättern ansläuft, ein Mann, mit dem Profil nach rechts, an den
Füßen mit hoch hinauf gegürteten Sandalen bekleidet. Während
er mit der linken Hand zwei Speere HÄlt, streckt er die Rechte wie
etwas demonstrirend vor. Bom Halse hängt ihm den Rücken
hinab ein Himation von violetter Färbung, mit Spuren von
Blau daranf; das eng anliegende Untergewand ist jedoch voll-
ständig verschwunden, bis auf die Blumen, mit welchen es
verziert war, und die jetzt auf den nackten Körper gesetzt zu sein
scheinen. Rechts von ihm stebt ein Mann, nach links gewendet,
der seiner Haltung nach sich auf einen Stock stützt; er hat nämlich
die linke Hand unter die rechte Schulter gelegt und den Ober-
körper etwas nach vorn gebeugt; die rechte Hand streckt er
nach vorn Auch von seinem Gewande ist bis auf zwei
Guirlanden, die es oben und nnten umsäumten, und einige
Pflanzenornamente zwischen beiden, nichts übrig geblieben.
Links von dem sitzenden Mann erblickt man eine Frau, die,
nach rechts blickend, mit der linken Hand zierlich das Gewand an-
faßt, wäbrend sie auf der zurückgeführten Rechten einen flachen
Korb hält mit zwei Kränzen, zwei Lekythen und herabhängenden
Tänien, die jetzt bräunlich gefärbt, gleichfalls Spnren von
Blau zeigen. Nur um weniges verschieden ist die Darstellung
des andern Gefäßes. Vor einer Stele, die nach oben in
Akanthusblätter ausläuft, zwischen denen jedoch hier noch auf
blauem Grunde eine Palmette angebracht ist, sitzt ein Jüngling
nach links, in ein weißes Gewand gehüllt, das die rechte Brust
sammt dem Arme frei läßt: indem er die rechte Hand lässig
über das rechte Knie herabhängen läßt, macht er mit der
linken eine Bewegung nach vorn, zu einem zweiten Jüngling,
der, in ein gelbes Gewand so eingehüllt, daß bloß der Kopf
und rechte Arm frei bleibt, diesen im Gespräch nach vorn
streckt; er steht nach rechts, mit vorgebeugtem Oberkörper auf
einen unter die linke Schulter geschobenen Stock gestützt. Ein
dritter Jüngling zeigt sich rechts von dem sitzenden; mit weißem
Gewande bekleidet, so daß der rechte Arm und die Brust frei
bleiben, läßt er nach der Mitte schauend unthätig beide Arme
herabhängen. Mehr verschieden ist die Darstellung des dritten,
größten Gefäßes. Zwar bildet auch hier eine Stele, die mit
Akanthusblättern bekrönt ist, den Mittelpunkt, und auch der
vor ihr sitzende Jüngling fehlt nicht (sein Gewand ist mit
Epheuranken verziert), aber rechts von ihm, da, wohin sein
Blick sich wendet, steht vor einem Pferde, von dem man nur

den Rücken hinabfallender Chlamys: mit dem Körper en
ssoe wendet er den Kopf dem sitzenben Jüngling zu und hält
hoch greifend mit der Linken zwei krummgebogene Stäbe,
wohl Lanzen bedeutend, während er mit der rechten Hand die
Zügel des Pferdes zu fassen scheint. Links endlich von dem
sitzenden Jüngling steht ein andcrer mit nacktem Oberkörper,
mit der rechten Hand einen Stab aufstützend. Das interessan-
teste von allen ist jedoch das vierte Gemälde, eine Prothesis
vorstellend. Auf einem Ruhebett liegt ein todter Jüngling,
ganz mit einem weißen Tuche zugedeckt, so daß nur der Kopf
fichtbar ist; über ihn beugt sich, hinter der Kline stehend, so
! daß ein Theil der Figur dadurch verdeckt wird. eine Frau,

! indem sie zugleich beide Hände zu Seiten seines Kopfes aus-
streckt. Sie hat als Trauernde ganz kurzes Haar und trägt
über einem graubraunen Chiton mit Aermeln ein Himation
von gelbbrauner Farbe, das sich nnter dem rechten Arme
! durchzieht. Rechts von der Kline steht ein Mann mit violettem
Himation bekleidet, der mit unter die rechte Schulter gesetztem
Stocke sich leise nach vorn beugt und mit der linken Hand
den Kopf des Todten berührt, die rechte dagegen auf seinen
eigenen Kopf legt. Links von der Kline wird noch ein Mäd-
! chen stchtbar, die mit gelbbraunem Chikon ohne Aermel, nach
l rechts gewandt, die Linke nach vorn streckt, wie es scheint, eine
j Tänic haltend; auf der rechten Hand trägt sie einen flachcn
^ Korb. Ueber der Tänie wird noch eine kleine geflügelre Ge-
stalt, die nach rechts schwebt, sichtbar; unter der Kline steht
ein Lekythos nnd ein viereckiger Kasten. — Jn Betreff der Tech-
nik ist nur zu bemerken, daß man hier deutlich sieht, wie zu-
nächst die Körper der einzelnen Figuren in feinen Umrissen
mit einer gelbbraunen Farbe auf den weißen Grund auf-
getragen wurden, und wie sie dann erst mit Gewändern in
verschiedener Färbung versehen worden sind. Freilich gilt dies
im Ganzen bei den meisten Vasen, so z. B. läßt eine Gany-
medesvase des Museo Gregoriano deutlich bei der Figur des
loading ...