Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — 8.1873

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Zu A. Rosenberg's Aufsatz über das Paris-Urtheil.

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e- »reisenden Engländers" finden, der sie ankauft und so auch
a, >» dieser Richtung dem Wettstreite einen Abschluß giebt.
>g Um Jhnen ein vollkommenes Bild hiesigen Kunst-
eg iebens zu geben, erübrigt mir noch eine Atelierschau zu
t-° halten. Daß es Einem nach allem Gesagten nichi ge-
lüstet, in die Werkstätten hinabzusteigen, in denen alle
n djese Herrlichkeiten geschaffen werden, ist leicht erklärlich.
id Entschließt man sich dennoch, ein Atelier zu besucheu,
Und findet einen tüchtigen Künstler, so ist mau um so
r- angenehmer überrascht. Dieses Gefühl hat der Wan-
!- derer, der Nerly's Atelier besucht, eines Landsman-
e, Nes, der in der Frembe nicht nur eiu guter Deutscher,
h sondern auch ein braver Maler geblieben ist. Nach fünf-
unddreißig Jahren Aufenthaltes im jetzigen Venedig seine

- künstlerische Jndividualität intakt erhallen zu haben, ist
heut zu Tage eine Seltenheit. Nerly ist bekanntlich ein

ß sehr tüchtiger Architekturmaler älterer Schule, dessen ge-
t Wissenhaft gezeichnete, geschmackvoll komponirte Bilder
e sehr erfreulich sind.

r Jn sämmtlichen Ateliers der Akademie wird gar

- nichts geleistet, was der Rede werth wäre. Abgesehen
von den Lasurmaiereien der verschiedenen angehenden
Tiziaue genießt die Schule Molmenti's einen gewissen

> Ruf, und der obgenannte Favretto gilt als das beste
Talent der Schule. Er vollendete soeben ein Altarblatt
sür eine Missionskirche in Australien. Das Bild ist sehr
geqnält und unmalerisch behandelt, doch hat es das eine
Verdienst, keine landläusige Nachahmung alter Meister
ZU sein. Favretto hat Talent, sieht die Natur durch kei-
nerlei Brilleu und arbeitet selbständig. Unter günstigeren
simständen, wenn es dem jungen Manne nicht so ganz an
Anregung in dieser Richtung mangelte, könnte er sich zu
einer Bedeutung emporschwingen, die er so schwerlich er-
veichen wird.

Favretlo's und seiner MitschülerLehrer Molmenti
arbeitet seit ich weiß nicht wieviel Jahrzehuten an einem
Bilde: „Othello sich die Gurgel abschneidend." Er
sucht auch in dicsem Bilde Piloty'schen Einfluß zu ver-
dauen, desseu Wirken in Venedig seine eigene Geschichte
hat. Vor einigen Jahren war Prof. Piloty mit mehre-
ren Schülern einige Monate lang und später zu wieder-
holtenmalen hier in Venedig. Die Akademie räumte ihm
Arbeitslokale ein, und Piloty war hier sehr fleißig, obwohl
Er stets nur „zur Erholung" gekommen war. Die Wirth-
schaft an der hiesigen Akademie mußte ihm natürlich ein
Treuel sein. So griff er denn durch Rath und werk'
ihätiges Beispiel ein in den verrotteten Mechanismus
und brachte frischeres Leben und rascheren Pulsschlag in
Alles. Doch konnten sich die Spuren von Piloty's An-
regung und Thätigkeit auf so sterilem Boden, wie der des
heutigen Venedig, nicht lange erhalten. Die Schule
träuntt nur noch davon, und Molmenti hat zu wenig Ta-
^ent, um die Eindrücke lebendig zu erhalwn.

Erwähnenswerth ist von den jüngeren Malern, die
unabhängig von der Akademie wirken, Kirchmayer, der
seine Ausbildung theilweise in München fand. Er ar-
beitet an einem guten Bilde mit zwei lebensgroßen Halb-
siguren: „Chiosoten in einer Weinschenke".

Rotta's Arbeiten kennen Sie. Sein Einfluß auf
die hiestgen Kunstbestrebungen ist gleich Null, außer wenn
sich irgend ein Jüngling hie und da seine sentimentalen
Moralpredigten auf Leinwand zu Herzen nimmt, was ein
recht klägliches Resultat giebt, wenn die minutiöse Aus-
führung Rotta's nicht dabei ist.

Viel gesprochen wird hier von Zauetti; er malt
„schöne" Pagen und weibliche „'Ideale", und zwar sehr
süß. Und so geht es fort. Die Atelierschau tröstet wenig
über die Unbill der Ausstellung.

Wenn man tüchtige Arbeiten sehen will, um einigen
Trost zu haben, so kann man sich an den Kopien erfreuen,
die für die französtsche Kopiengalerie hergestellt werden.
Carpaccio, Paris Bordone, Pordenone und Veronese in
der Akademie und dem Dogenpalast werden gauz trefflich
reproducirt, ebenso das großeBildBellini's in S. Zaccaria.
Natürlich sind unter den Kopisten keine Venetianer. Vene-
dig ist trotz seines Reichthums an Werken seiner alten
Meister als Kunststadt ebenso gründlich zu Grunde gegan-
gen, wie als Republik, und wenu Napoleon I. dem Löwen
von S. Marco die diamantenen Augen herausnehmen
ließ, „damit er den Verfall der Republik nicht sehe", so
kann sich der arme Löwe jetzt nur gratuliren, daß er die
Werke seiner Schutzbefohlenen, der Epigonen Giov. Bel-
lini's und Tizian's auch nicht mehr sehen kann!

Schließlich noch einiges Kunstgeschichtliche und Archi-
tektonische: Gcheimrath vr. Prosch aus Schwerin, der
eine Monographie über Tizian vorbereitet, weilt auf sei-
uer Rückreise aus Jtalien in Venedig, um Studien für
diese Arbeit zu machen. — Die Buden, welche die Basis
des Markusthurmes verunzierten, werden in Kurzem
weggeräumt. Die Basts soll mit einer entsprechenden
architektonischen Berzierung versehen und zwei Gedenk-
tafeln daselbst angebracht werden, die eine zur Erinnerung
an das Plebiscit und die andere zu Ehrenderfür's Vater-
land Gefallenen. -— Das Jnnere der Kirche St. Giorgio
Maggiore wird restaurirt, ebenso das der Frari, da sich
stellenweise große Sprünge in beidenBauten vorgefunden
haben. vr. Jsidor.

Lu A. Nosenberg's Aufsah über das
Paris-Urtheil.

(Kunstchronik, Nr. 23.)

Eine interessante Darstellung des Paris-Urtheils
im mittelalterlichen Stil enthält ein Manuscript mit
Miniaturen in der königlichen Bibliothek im Haag:
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