Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — 8.1873

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Der Salon von 1872. II.

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Siemering umgiebt sein Monument mit einer um
acht Stufen erhöhten ellipsenförmigen Balustrade; den
schwach verjnngten Sockel verschönern hinten und vorn
Rcliefs. Die Gruppe, eine Germania, welche dem auf Fah-
nen hingesunkenen Helden einen Kranz reicht, ist vorzüglich;
die Schwierigkeit der künstlerisch so ungünstigcn Uniform
ist glücklich durch eine leichte Jdealisirung überwunden.
Könnten wir diese Gruppe auf Knoll's Postament ver-
setzen, so würden wir über unsere Wahl keinen Augen-
blick im Zweifel scin. So aber müssen wir diesen mit
den beiden folgenden Entwürfcn als gleichberechtigt zur
engeren Wahl zulasscn. Doch wollen wir nicht verhehlen,
daß der Schilling'sche Entwurf, welchen wir persönlich
nach reiflicher Ueberlegung auch noch ausscheiden würden,
in der allgemeinen Sympathie, die seine glückliche und
originelle Jdee sich erworben hat, eine mächtige, und wie
wir glauben, für seine Konkurrenten gefährliche Für-
sprachefindet. DasPostamentzeigtdurchdie vielen ein- und
ausspringenden Winkel eine gewisse Unruhe, ein Uebel-
stand, welcher sich bei der Ausführung im Großen wohl
nicht so bemerkbar machemwird. Der Künstler führt uns
in den Gefallenen alle drei Waffengattuugen vor; ein
Engel von wunderbar schöncr Form und Geberde drückt
einen Kuß auf den vom stürzeuden Nosse herabsiukenden
Reiter, hält mit der Rechten über den Kanonier einen
Lorbeerkranz und mit der Linken über den Jnfanteristen
einen Palmenzweig. Diese wahrhaft ergreifcnde Gruppe
fesselt die Seele jedes Beschauers mit unüberwindlicher
Gewalt, und erst langsam, fast widerstrebend gelangt
man dazu, sich über einzelne unläugbare Mängel Nechen-
schaft abzulegen; zu diesen rechnen wir die nicht günstig
wirkenden Linien des zusammenbrechenden Pferdes, so-
dann den Umstand, daß der Kanonier durch dasselbe ver-
deckt wird und nur von der Rückseite aus gesehen werden
kann. Die Rückseite der Gruppe ist aber ein wirres Durch-
einander vielfach geschwungener und gewundener Linien,
ein unschöner Anblick, der bei diesem Entwurfe deßwegcn
kein unbedeutender Mangel ist, weil eben durch einen
wesentlichen Bestaudtheil der Gruppe, den Kanonier,
die Besichtigung Ler Rückseite von dem Künstler selbst
gefordert wird.

Ein vortrefflicher Entwurf von E. Peiffer giebt
nur zu wenigen Ausstellungen Vcranlassung. Seine Ger-
niania von edler Schönheit steht auf einem vorspringen-
Sockel; auf den etwas zurücktretenden niedrigeren Theilen
des Postaments befindet sich links die Geschichte, welche
die Aufmerksamkeit eines Knaben auf die Thaten seiner
Vorfahren hinlenkt, rechts eine Hammonia, welche die
unbekleidete Leiche eines ihrer Heldensöhne in den Armen
hält. Alle Gestalten sind vorzüglich charakterisirt, die
Hammonia von fast erschütternder Wirkung. Wenn wir
etwas zu tadeln hätten, so wäre es der Mangel
einer engeren Beziehung zwischen den drei Figuren; daß

eine solche durch die Arme der Germania herbeigeführt
wäre, welche mit einem Lorbeerkranze auf die Geschichte,
mit einem Palmenzweige auf die trauernde Hammonia
hinunterweist, wird sich kaum mit Fug behaupten lassen.

Die Entscheidung der Kommission ist in diesen Tagen
erfolgt. Sie hat beschlossen, dem Modell von Schilling
in Dresden den ersten Preis zu ertheilen und es zur Ans-
führung zu empfehlen. Dagegen hat sie, über die Erthei-
lung des zweiten Preises zwischen Siemering in Berlin
und Peiffer in Hamburg schwankend, den entschieden
zu billigenden Beschluß gefaßt, beiden einen zweiten
Preis im Betrage von je 400 Thlrn. zuzuerkennen. Wenn
diese Entscheidung auch nicht ganz meinen persönlichen
Ansichten entspricht, so wird sie doch allem Anschein nach
den Beifall der überwiegenden Mehrheit der Einwohner
Hamburgs sinden. Aber auch die Wenigen, welche ihre
Bedenken gegen einzelne Schwächen nicht verhehlen,
sind doch keineswegs blind gegen die vielen und großen
Schönheiten des gekrönten Entwurfs und sehen der Aus-
führung durch Schilling's bewährte Meisterhand mit
freudiger Spannung entgegen. ck. ÜI.

Der Salon von 1872.

ii.

Dic bisher geuannten Bilder warcn „Iiors eoneours".
Es folgen nun einige mit Medaillen ausgezeichnete:
„l/onlövsmsiit äu I'iillackium" vou Paul Jos. Blauc.
Der Naub des für die Troer so wichtigen Talismans
ging nach Herrn Blanc sehr einfach vor sich: Odysseus be-
gab sich in den Tempel, schlug einen Trocr, der dort
zufällig anwesend war, zn Boden und nahm die goldene
Statue der Pallas von ihrem Postamcnte herab; ein
Krieger lauschte am Ausgange, ob die Luft rein sei. Uns
vermochte weder die Darstellung des gewählten Stoffes
noch die koloristische Behandlung ein besonderes Jnteresse
abgewinnen, wenn man auch dem Maler eine tüchtige
Technik njcht absprechen kann; am besten ist noch der zu
Boden gestreckte Troer gelungen, der dem Künstler zu
Liebe nackt im Tempel wachte.

Jean Paul Laurens wählte sich zwei düstere The-
mata, die allerdings nicht ohne dramatische Wirkung sind:
Das Bild: „Llort cku ckuo äRngliion" zeichnet sich durch
sehr gelungene Beleuchtungseffekte aus; es ist nicht der
Tod, sondern es sind die Vorbereitungen zum Tode, was
wir auf dem Gemälde sehen. Ein finsterer Kellergang ist
der Schauplatz; ein TruPP Schergen koinmt aus dem
Hintergrunde hervor, der Anführer trägt eine Laterne und
leuchtet damit dem dicht an der Wand stehendcn Herzog
in's Autlitz. Die Haltung des Herzogs ist gut empfundcn,
der gelbe Lichtschein, den die Laterne über ihn und die
nächsten Partien der Wand hinter ihm ausströmt, wie das
abgestufte Helldunkel, in welchem die in Mantel gehüllten,
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