Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — 8.1873

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VIII. JahlMW.

Nr. 49.

Scitriigc

sind anvr. C. l>. LÜKUW
(Wicn, Th-resiaimmg.
2S) od. aii die VcrlagS».
(Lkipsig, KLnigsstr. 8)

19. Srtitember

Znscratc

ü. 21/2 Sgr. für die drei
Mal gespaltene Petitzeile
, werden von jeder Buch-
und Knnsthandlung an-
gettvnnnen.

1873.

Beiblatt znr Zeitschrift sür bildende Kunst.

Dies Blatt, jede Woche arn Freitag erscheinend, erhalren die Abonnenten oer „Zeitschrift für bildende Knnst" xralis; für srch allein bezogen
kostet der Jahrgang 3 Thlr. fowohl inr Buchhandel wie auch bei den deutfchen und österreichischen Postanstalten.

Jnhalt: Skulpturwerke von Adolf Hildebrand. — Der Berliner Gypspapst. (Schlust.) — Ein Denknral rnittelalterlrcher Plastik. — Neue Kupferstiche. —
Julius Bayerle s. — Eine Mintrop'sche Handzeichnung, rn Lichtdruck publrzrrt. — Neuigkeiten des Buchhandels. — Zeitschriften. — Jnferate.

Lkulpturwerke von Ädolf Hildebraud.

Seit einiger Zeit sind im Oesterreichischen Museum
in Wien drei Werke eines jungen deutschen Bildhauers
ausgestellt, welche allgemein die höchste Bewundcrung er-
regen. Wir haben mit dem Ausdrucke derselben absicht-
lich gezögert, um die Nachhaltigkeit der Wirkung, die
^— wir gestehen es offen für uns eine wahrhaft hin-
reißende war, durch 'wiederholtes Anschauen und ruhiges
Erwägen zu prüfcn: der Eindruck ist derselbe geblieben;
hier giebt es keinen Widcrspruch streitender Parteien,
Allcs ist einig darin, daß wir in Adolf Hildebrand,
wenn er das hält, was er in diesen seinen Erstlings-
arbeiten verspricht, eines der edelsten und größten pla-
stischen Talente der Neuzeit zu begrüßen haben.

Schon vor mehreren Monaten machte ein ausge-
zeichneter deutscher Gelehrter von Florenz aus, wo der
Künstler damals lebte, in der Wiener „Deutschen Zei-
tung" auf die bis dahin verborgen gebliebene Thätigkeit
Hildebrand's aufmerksam, der seine Werke anfangs
für die Weltausstellung bestimnck hattc, sic dann aber
zurückzog uud an ihrem jetzigen ruhigeren Standorte
zur Aufstellung brachte. Was bisher an Urtheilen über
dieselben in dcr Presse lautbar ward, rechtfcrtigt im
vollem Umfange die damals erregten Erwartungen. Der
Leipziger Kunstfreund, in dessen Besitz die Werke schon
vor ihrer Absendung aus Jtalien übergegangen waren,
kann sich zu scinem schncllen Zugreifen Glück wünschen.
Jn Wicn wäre ihm der Erwerb streitig gemacht worden.
Wir sind froh, daß diese Blüthen reinster Schönheit
nur nicht etwa über den Ozean davongetragen, sondern
dem Vaterlande erhalten werden.

Es sind zwei Marmorskulpturen und ein Bronze-
werk. Das letztere, eine Statuette von etwa zwei Fuß
Höhe, stellt einen trinkenden Knaben dar. Der
völlig nackt dastehende Kleine führt mit der Rechten die
Schale zum Munde, mit vorgerecktem Halse gierig den
Trank schlürfend. Äede Bewegung, jeder Muskcl ent-
spricht dcm dargestcllten Moment; es ist, als wenn La-
bung die ganze Gestalt durchströmte. "Die Traube,
welche die herabhängende Linke hält, und der Epheukranz
im Haar geben dem Knaben einen satyresken Zug, ent-
rücken ihn damit der Sphäre des Genrehaften, der cr
sonst durch Erfindung und Behandlung angehört. Die
Bchandlung ist nämlich durchaus naturalistisch, aber im
besten Sinne des Wortes, wie sie sich bei den Meisterwer-
ken pompejanischer Bronzctechnik oder ctwa bei Donatello's
musizirendcn Engcln im Santo zu Padua findet. Die
Formen sind schlank, mehr knochig als fleischig, der Stil
ist frei von jeder konventionellen Aulehnung. Keine
Spur von der leeren, süßlichen Schönheit der akade-
mischcn Antike; aber auch keine manieristische und äußer-
liche Nachahmung irgcnd eines Meisters der Renaissance.
Man sieht, daß das Ganze aus der innigsten Hingebung
an die Natur hervorgegangen ist, und daß wohl der
Geist der Alten den Künstler erfüllt, nicht aber ihre
Formgebung und Ausdruckswcise ihm seine Eigenart
genommen haben. Der Guß der Statuette ist in Ve-
nedig erfolgt; die Ciselirung besorgte der Künstler selbst.
Um der Oberfläche des Erzes eine dem Auge wohl-
thuende Farbe zu verleihen, nicht aus irgend welcher
falschen Alterthümelei, gab er dem Wcrke durch Aetzung
eine dunkelgrüne Patina, welche allerdings, im Verein
mit der außerordentlichen Feinheit der Modellirung und

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