Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — 8.1873

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Weibliche Kunstschule in München.

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sten scheint mir der Künstler in No. 32 diese Schwierigkeit
überwunden zu haben. Wenn der Kopf erst zergliedern
muß, was der Künstler gemeint habe, wie bei so vielen
Düsseldorfern, wie bei Kaulbach's großen Werken, dann
ist es mit der reineu Kunstwirkung vorbei. Bei aller
Allegorie ist von dem Kunstwerk zu fordern, daß es uns
sofort anschaulich die in ihm enthaltene Jdee zum Be-
wußtsein bringt.

Es scheint, daß die Jury bei ihrem in No. 1 der
„Kunst-Chronik" d. I. mitgetheilten Spruch von dem
Gedanken ausgegangen ist, daß der Architektur in diesem
Falle derVorzug einzuräumen sei vorder bloßenSkulp-
tur, daß aber ein im akademischen Sinne regelmäßiges und
fehlerloses architektonisches Kunstwerk nicht genügen könne,
sonderu daß die besondere Gelegenheit auch ein ganz eigen-
thümliches Denkmal erfordere. Jch gestehe, daß mir sonst
die Ansicht der Jury nicht ganz verständlich ist.

Ein sonderlich erfreuliches Resultat hat diese Kon-
kurrenz eben nicht geliefert; ein zweite wird nöthig sein
und jedenfalls auch ausgeschrieben werden. Dann aber ist
zu wünschen, daß das Komite auf Grund vorangegangener
Ermittelungen seine Anforderungen begrenzt und bestimm-
ter und schärfer zum Ausdruck bringt. Phil. Silvanus.

Weilrliche Lunstschnlc in München.

Es war im Winter des Jahres 1868, als in München
mehrere Damen zusammentraten mit dem Entschlusse,
befähigten Mädchen aus den mittleren Ständen die Aus-
bildung in der Kunst durch Gründung einer Kuustschule
zu ermöglichen. Der Zweck dieser Anstalt sollte nicht bloß
der sein, „Künstlerinnen" im eigentlichen undhöchsteu Sinne
des Wortes zu bilden, ein Ziel, das ja bekanutlich auch
auf den mit großartigen Mitteln ansgestatteten Kunst-
akademien nur wenige erreichen, sondern der bescheideneren
Begabung Mittel und Wege darzubieten, um durch gründ-
lichen und systematischen Unterricht sich für das Lehrfach
(den Zeichen-Unterricht), als Musterzeichnerinnen
für Fabriken und sonstige industrielle Unternehmungen,
als Gehilfinnen in photographischenAteliers rc.
auszubilden.

Nachdem der König zur Förderung des Unternehmens
eine größere Summe bewilligt hatte, konnte dasselbe schon
im Herbste des Jahres 1868 in's Leben treten, und die
junge Anstalt zählte gleich bei ihrer Eröffnung 30 Schüle-
rinnen. Diese Zahl überstieg in der kürzesten Zeit das
Doppelte und wäre schon im Iahre 1870 noch höher ge-
stiegen, hätte nicht auch in diesen Kreisen der Krieg sich
jühlbar gemacht.

Mit demWachsen derSchulewurde auch der ursprüng-
iiche Plan erweitert und als neuer Lehrgegenstand die
Holzschneidekunst eingeführt. Es geschah das im Hin-
blick auf England, Amerika und insbesondere auf Frank-
^eich, wo Hunderte von Mädchen in den xylographischen

Anstalten Beschäftigung und ausreichenden Erwerb finden.
Diese Neuerung durfte um so freudiger begrüßt werden,
als die Jllnstratiou auch in Deutschland einen Aufschwung
nimmt, von dem man sich vor einem Jahrzehnt noch nichts
träumen ließ. Der Stichcl, der nun einmal in der Anstalt
war, erhob sofort weitere Ansprüche, die ihm auch gern
gewährt wurden, denn niemand kann läugnen, daß es
gerade der Stichel ist. dessen Führung dem dcr Sorgfalt
und Sauberkeit zugewendeten Wesen der Fraueu ganz
besonders entspricht.

Daß die eigentliche Historienmalerei bei der vor-
wiegend praktischen Ricktmig der Kunstschule in den
Hintergruud treten muß und wirklich tritt, versteht sich
wohl von selbst. Hat sich doch die gauze Richtung der Zeit
und der Geschmack des großen Publikums nur allzusehr
von dem großen und erhabenen Stile der Historienmalerei
ab- und den leichter faßlichen und gefälligeren Knnst-
gattungen dcs Genre und der Landschaft zugewendet.
Dabei darf auch nicht übersehen werden, daß die Frauen
in der Regel einen lebhafter entwickelten Farbensinn be-
sitzen als die Männer und hiervon in der der Industrie
verschwisterten Kunst den besten Gebrauch machen können,
so wie daß ihnen im Allgemeinen ein feineres Gefühl für
das Angemessene innewohnt. wo Gegenstände der Toilette
in Frage kommen, wie z. B. beim Zeugdruck.

Die Schülerinnen der Anstalt gehören nicht blos
Bayern an; es kanien welche aus Norddeutschland, Eng-
land, ja selbst aus Nordamerika i ein erfreuliches Zeugniß
des stets wachsenden Rufes der noch so jungen Anstalt.

Mit der Zahl der Schülerinnen wuchsen natürlich
auch die Anforderungen an die Anstalt in Bezug auf Lehrer,
Lehrmittel und Lokalitäten; erfreute sich dieselbe aber
auch im Allgemeinen einer freundlichen Unterstützung Sei-
tens der Privaten wie der Stadtgemeinde, so mußte man sich
doch längst sagen, welche Bortheile ihr erwachsen würden,
wenn es gelänge, sie mit den schon bestehenden Kunstan-
stalten des Staates in Verbindung zu setzen. Nur so durfte
man gewiß sein, daß ihr Bestand für alle Eventualitäten
gesichert sei.

Das Kultusministerimn zeigte sich schon früher die-
sem Gedanken nicht abgeneigt, setzte im letzten Budget
einen jährlichen Staatsbeitrag von 6000 Gulden an,
nnd der Landtag genehmigte diese Summe, indem er zu-
gleich den Wunsch aussprach, es möge sich die weibliche
Kunstschule vorzüglich die Pflege des in Deutschland im
Allgemeinen und in Müncken im Besonderen trotz dessen
sonstiger Regsamkeit in künstlerischer Beziehung arg danie-
derliegenden Kunstgewerbes, aus dem unsere westlichen
Nachbarn einen so großen Theil ihrer industriellen Ueber-
legenheit gezogen haben, zur Aufgabe machen.

Hierin nun eröffnet sich den Frauen ein unabsehbares
Gebiet für ihre künstlerische Thätigkeit, wobei nicht zu
übersehen ist, daß ihre Bedürfnisse weniger groß zu sein
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