Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — 8.1873

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Korrespondenz.

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Korrespondenz.

Breme», im Februar.

Mehrere Iahre sind bereits verflossen, seit ich dieser
Zeitschrift meinen letzten Kunstbericht aus unserer alten
Hansastadt znsandte. Und welch' ein Stück Geschichte
trugen diese Jahre in ihrem Schooße! Der große Kamps
gegen des Vaterlands alten Erbfeind, der glorreich er-
kämpfte Frieden und die herrliche Wiedergeburt von Kaiser
und Mich nahmen natürlich anch bei uns zunüchst alle Ge-
müther in Anspruch. Dennoch kann ich, zu meiner Frende,
von einer Reihe monumentaler Kunstwerke berichten, die in
unseren Mauern in dieser Zeit entstanden oder noch im
Entstehen begriffen und zum Theil es wohl werth sind,
auch der übrigen deutschen Kunstwelt durch Wort und
Bild bekannt zu werden.

Den nächsten Anlaß dazu gab der Neubau der Rem-
bertikirche durch Heinrich Müller, den Erbauer unserer
prächtigen Börse. Auch diese nüttelgroße Kirche ist ein
äußerst tüchtiges, solides und kraftvolles Werk, ausgeführt
aus gelbem Backstein, mit Sandsteindetails vermischt.
Gleich der Börse gothischen Stils zeigt sie aber auch eben
durch diesen, daß Müller seinem innersten Gefühle nach
kein echter Gothiker ist. Reizvoll, anmuthig und mannig-
faltig erscheint er in seinen Renaissancebauten, während
er in seinen gothischen oft dem Klobigen, Nüchternen nnd
Einförmigen sich znneigt, und so lassen denn auch seine
Börse und Rembertikirche bei allem Verdienst, das sie
haben, doch nur zu häüsig einen größeren Reichthum und
größere Feinheit der Formen lebhaft wünschen. Beide
Bauwerke hatten das Glück, sofort nach ihrer Vollendung
einen Donator zu finden, dessen Freigebigkeit ihnen auch
den Schmnck dcr bildenden Kunst verlieh. Jm großen
Börsensaale ließ den dafür bestimmten Raum der reiche
Kaufherr I. C. Wätjen durch den Düsseldorfer Maler
Peter Janssen mit einer großen historischen Darstellung
ausfüllen, bei der leider vor Allem die unglückliche Wahl
des Gegenstandes zu bedauern ist. Das Bild stellt näm-
lich die Anfänge der Kultur in den Ostseeprovinzen und
die Gründung der Stadt Riga (als Missionsstation)
durch die Bischöfe von Bremen dar. Warum eine
solche Begebenheit, die weder von der Bremer Handels-
macht ausging noch irgendwie bedeutend darauf zurück-
wirkte, berufen war, in der Bremer Börse verewigt zn
werden, begreifen noch heute die Wenigsten. Indeß Herr
Wätjen wählte, weil er zahlte, und kein Anderer hatte drein
zu reden. Und hätte der Donator sich und seine Familie
oder eine Ansicht seines Schlosses zu Blumenthal in die
Manernische malen lassen, wer hätte eS ihm wehren
dürfen? Wie ungleich lieber wünschte nian die Entdeckung
Amerika's oder besser gesagt die Besitznahme der neuen
Welt durch die Europäer gemalt zu sehen, wofür die
lebhafteste Agitation im Gange war! Auch gegen diesen
Stoff war freilich Manches einzuwenden; jedenfalls aber

war er hundertmal passender als der gegenwärtige, denn
erst die Verbindung mit Amerika hatte Bremens Handel
anf die Höhe gehoben, welche jetzt durch diesen Prachtbau
der Börse genugsam bezeichnet wurde, während der Ein-
flnß der russischen Ostseeprovinzen, wohl auf Lübeck, nicht
aber auf Bremen von hervorragender Bedeutung war,
denn dessen Handelswege gingen im Mittelalter vorzugs-
weise nach Norwegen, (Bergen) England und Holland.

Die Darstellung des Gegenstandes ist indeß besser
als die Wahl. Die Bildfläche hat die Form eines breit-
gedrückten Spitzbogens, und die Komposition, ein etwas
an die Kaulbach'sche Art erinnernder reicher Gruppenbau,
erhebt sich in schönem und edlem Linienschwung. Zur
Rechten des Beschauers lehrt ein Mönch einen Trupp
horchender halbwilder Eingeborener, zur Linken entfaltet
sich zwischen diesen und bremischen Schiffern ein reicher
Tauschhandel, während die Spitze ein Kirchenbau ein-
nimmt. Die Zeichnung ist durchweg äußerst korrekt, auch
die Formenbildung zum Theil sehr edel, wenngleich etwas
konventionell, die Farbe dagegen so kalt und grau, daß
einen davor frieren könnte, ob mit Absicht, um an das
eisige Rußland zu erinnern, lassen wir dahin gestellt.

Diesem Bilde gegenüber, am anderen Ende der
mächtigen Halle wird sich nun auf der Brüstung eiuer
hohen Galerie Kropp's kolossale Marmorstatue der
Brema erheben, eine Stiftung der Bremer Kaufmann-
schaft. DieStatue steht noch in derWerkstatt unseresKünst-
lers, naht sich jedoch ihrer Vollendung und dürfte in
kurzer Zeit sich den übrigen trefflichen Skulptnren, mit
denen seine Hand bereits das Aeußere unseres Prachtbaues
geschmückt hat, anreihen; wir wollen hoffen, auf würdige
Weise. Jndessen schon in früheren Berichten haben wir
es wiederholt ausgesprochen, daßKropp's eigentlicheStärke
nicht in den idealen Gestalten, sondern vor Allem im
monumentalenPorträt und in der derb realistischenCharak-
terfigur zum Vorschein kommt, wie letzteres namentlich
die prächtigen Volkstypen: der Maschinenbauer, Land-
mann, Bergmann, Schiffer rc. am Aeußeren der Börse
sbereits besprochen in Heft 10, Jahrgang 1868 dieser
Zeitschrift), auf so erfreuliche Weise bezeugen. Unser
Urtheil über Kropp's kolossale Bremastatue halten wir
überhaupt so lange zurück, bis sie den Platz eingenommen,
für den sie von vorn herein geschaffen und berechnet ist,
und wenden uns lieber einem andern Werke seiner Hand
zu, mit welchem abermals einer unserer Mitbürger und
zwar selbst ein Künstler (der Architekt R.) das Portal der
Rembertikirche schmückte. Es ist ein großes Relief aus
feinem graugelblichem Sandstein, Christus das Volk
lehrend, oder auch, wenn man will, Lie Bergpredigt
und füllt das Tympanon des Haupteingangs aus.
Hier nun zeigt unser Künstler, daß er stch ganz anf dem
Gebiete befindet, auf das ihn seine innerste Natur hinge-
wiesen hat. Dieser Christus, wie einfach edel, menscklich
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