Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — 8.1873

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Der Salon von 1872. III.

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abreism und starb unerwartet auf der Rückreise am ö. Mai
1872 zu Münsterlingen bei Constanz. Seine Leiche wurde
cinige Tage später in der Familiengruft seiner Burg
Aufseß beigesetzt. R. B.

Aer Salon von 1872.
m.

Drei wahrhafte Bijoux, welche vom Publikum wie
von der Jury viel zu wenig gewürdigt wurden, habe ich
mir noch zu eingehender Besprechung vorbehalten; eines
derselben ist ein vlisl ä'osuvra des Jtalieners (und
Schülers vonGärome)Joseph deNittis, die beiden an-
dern rühren von Eugsne Feyen, einem Schüler des P.
Delaroche, her.

Nittis'Bildchen erinnert ein wenig an Pettenkofen,
welcher tüchtige österreichische Künstler hier nicht minder,
vielleicht sogar mehr gewürdigt wird als in seinem Vater-
lande, indem manche französische Amateurs nicht an-
stehen, ihn Meissonier vollständig an die Seite zu stellen.
Der Jtaliener hat auf seiner kleinen Leinwand nicht das
schönste Fleckchen seines sonst so amuuthigen aber warmen
Heimatlandes verherrlicht, er hat das Motiv auf dem
Wege von Neapel nach Brindisi gefunden und nennt es
deßhalb auch einfach „Routs äo Uuplos a Lrinälsi".
Jch glaube kaum, daß das veranschaulichte Stück Weges
zu irgend einer Zeit einen besonderen Reiz bieten dürfte;
höchst unerquicklich dürfte es aber sein, dort zu wanderu zu
der Zeit, welche der Künstler zu seiner Studie wählte. Der
Sommer scheint am Gipfel der Hundstage angelangt zu
sein, Hitze, süditalienischeHochsommer-Mittagshitze strahlt
uns aus einer schattenlosen Gegend entgegen; eiue breite,
weiße Straße führt in eine geringe Erdanschwellung
hinein und verschwindet hinter ihr, um erst in der
Entfernung, am Horizonte wieder sichtbar zu werden.
Dicker Kalkstaub, in welchen Wagenräder bereits Furcheu
eingedrückt haben, bedeckt die Straße; ein leichter Wind-
stoß, und die Luft wäre in Kreidewolken gehüllt. Aber es
regt sich kein Lüftchen; die glühenden Sonnenstrahlen
zehren ungehindert die letzten Saftreste aus den Gras-
halmen am Wege, sie rösten die Pflanzenbüschel und
Stauden, sie schmoren die Disteln auf dem staubgepuder-
ten Felde und verwandeln den ehemals grünen Haide-
krautteppich auf dem Hügel zur Rechten in einen rostfar-
benen. Links von der Straße senkt sich das Terrain, und das
Kiesbeet eines Baches macht sich bemerkbar, in welchem
man jedoch zur Zeit eher Fische braten als fangen könnte;
nur in einer Vertiefung hat sich eine Schlammpfütze
erhalten, aus welcher einige Schilfbüschel noch Leben
zu saugen vermögen. Jn der Ferne strecken ein paar
Pappeln melancholisch ihre mageren Schäfte gegen den
Himmel, und vom Horizonte blenden die weißen Mauern
einiger Häuser herüber; ein leicht blauer Himmel wölbt

sich über der iu Glühhitze schmachtenden Gegend, und ein
paar leicht zerstreute weiße Wölkchen machen durchaus
nicht Miene, sich zu einer Regenwolke zusammen zu ballen.
Jch hoffe nun genug Theilnahme für die lebendige Staf-
sage erweckt zu haben, welche stch zu dieser Zeit auf diesem
Wege befindet; sie steckt zum Theil in eiuer citronengelben
Kutsche, vou zwei fuchsrothen Gäulen gezogen, welche
der mitleidige Kutscher mit Baumzweigen bedeckt hat,
zum Schutze sowohl gegen die stechenden Fliegen als
auch gegen die stechende Sonne. Die Kutsche ist eben die
Anhöhe der Straße hinangerumpelt, von welcher herab
gegen den Beschauer zu einige staub- und schweißbedeckte
armselige Wanderer gegangen kommen. Dies einfache
Motiv ist so glücklich benutzt, die Jntensität des über die
Gegend ausgestrahlten Sonuenlichtes, der Effect der Hitze
aufPflanze, Thier undMensch ist so wahr und wirkungs-
voll dargestellt, dabei ist die Ausführung der Details
sowohl der Landschaft als derStaffage eine so sorgfältige
und doch scheinbar mühelose, die Komposition wie die
koloristische Gesammtwirkung so fein künstlerisch empfun-
den, daß man dieses Bildchen unbedingt zu den besten
Werken des Salons von 1872 zählen kann.

Eugöne Feyen's zwei Bilder: „Dss Alansusss äo
1a msr" und „I/assorndlss än mont I)ö1s" erinnern
durch ihre reiche Bevölkerung mit kleinen Figuren, deren
jede Einzelne gewissenhaft durchgezeichnet, ihr eigenes
Gesicht, ihren eigenen Charakter und ihre eigene Bewe-
gung hat, an manche Bilder des Sammet-Brenghel, nur
daß sie mit weniger Naivetät sich geberden und etwas
gezwuugener sich gruppiren, und daß der landschaftliche
Theil noch nebensächlicher behandelt und nur einen gut
gestimmten Hintergrund für dieFiguren zu bilden bestimmt
ist. Das Kolorit ist zart, duftig, fast zu duftig, es liegt
wie ein dünner Nebelschleier über den Bildern. Feyen
scheint sich erst neuester Zeit in dieses Liliputanerreich,
welches er mit reizendem Pinsel schildert, verloren zu
haben, seine Lieblingsrichtung war bisher das ländliche
Genre, und er wußte in seine einfachen Motive meist einen
sympathischen psychologischen Zug zu bringen, wodurch
er sich dem deutschen Genre näherte.

So sehr die Franzosen in der bis jetzt besprochenen
Richtung des Genre excelliren, so wenig glücklich fallen
zumeist ihre Versuche auf dem Gebiete aus, welches man
wohl mit einigem Rechte das deutsche Genre nennen
kann. Die Darstellung von Scenen aus dem Volks- und
Familienleben, so lebeuswahr und lebensfrisch, so rührend
natürlich, von so unnachahmlicher Charakteristik jeder ein-
zelnen Figur wie des ganzen geschilderten Vorganges, iu
welcher die Hauptvertreter der gegenwärtigen Genre-
malerei in Deutschland, Knaus und Vautier in Düssel-
dorf, dann die Münchener Defregger und Kurzbauer sich
so glänzend hervorthun, diese Richtung des Genre's will
den Franzosen nicht gelingen. Es scheint ihnen die Gabe
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