Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — 8.1873

Page: 259_260
DOI article: DOI Page: Citation link: 
https://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/kunstchronik1873/0135
License: Free access  - all rights reserved Use / Order
0.5
1 cm
facsimile
259

Kunstliteratur.

26»

Lunstliteratur.

Katalog der älteren k. Pinakothek zu München. Von

Prof.Or.RudolfMarggraff. Drittevielfach ver-

besserte, ergänzte und mit neuen Nachträgen ver-

mehrte Auflage. München 1872.

Es ist nicht meine Absicht, hier eine vollständige
Kritik dieser neuen Auflage des Marggrafs'schen Katalogs
zu geben; ich möchte nur einige interessantere Punkte
berühren.

Vor Allem ein Wort über den Sebastiansaltar (No.
16—18), den bekanntlicki der frühere Katalog unter dem
Namen des ältern Hans Holbein, Hr. Marggraff aber in
der ersten Auflage des seinigen (1865) nnter dem des
jüngern aufgeführt hatte. Nicht lange darauf erschienen
Herman Grimm'S Arbeiten, in welchen der jüngere
Holbein als unmöglich dargethan, die Frage nach dem
wirklichen Urheber jedoch in der Schwebe gehalten wurde.
Jetzt ließ Hr. Marggrasf in der zweiten Auflage (1869) den
Bildern zwar den Namen des Sohnes, sügte aber bei,
die Akten darüber seien noch nicht geschlosfen. Jch unter-
nahm nun in verschiedenen Aufsätzen der Zahn'schen
Iahrbücher, den Wunsch des Hr. Marggraff zu erfüllen
und die Akten zu schließen, und darauf hin behauptet er
in der jetzigen dritten Auflage, daß die künstlcrische und
historische Kritik uns zwinge, die Bilder dem ältern Hol-
bein zurückzugeben, der fich (nun blos) möglicher Weise
bei der Ausführung der Hülfe des Sohnes bedieut habe.
Gewiß wird Jeder unter so bewandten Umständen die
zeitliche Folge auch als die ursächliche betrachten; daß
dies aber nicht statthaft sei, erfahren wir aus der Vor-
rede. Hier sagt Hr. Marggraff: „Jch habe den Altar
„muthmaßlich" dem ältern Holbein zurückgegeben und
bin hierin ausschließlich meiner selbständig gewonnenen
Ansicht gefolgt, wie ich sie mit Entschiedenheit bereits im
1.1869 vor den Bildern mündlich gegen namhafte Kunst-
kenner (wer sind diese?), andeutungsweise in der damals
erschienenenzweiienAuflagemeinesBuchesdurchdieBemer-
kung aussprach, daß die Akten über diesen Altar als noch
nicht geschlossen zu betrachten seien." Da nun meine
eigentlich begründenden Artikel erst in den Jahren 187»—
72 erschienen, so ist damit ausgesprochen, daß Hr. Marg-
graff zu dieser Erkenntniß nicht etwa durch meine Stütze,
sondern, wie oben zu lesen, ganz selbständig gelangt
war. Natürlich muß ich nun dem Verfasser abbitten,
daß ich so lange geglaubt habe, er nelnne in dieser Frage
eine ganz unsichere Haltung ein. Wie konnte ich aber
auch beim besten Willen aus der Unentschiedenheit des
schriftlichen Ausdruckes auf die Entschiedenheit des
mündlichen schließen!

Was den vorliegenden Katalog besonders von seinen
Borgängern unterscheidet, das sind die vollständigen
Nachträge, die Bezeichnung des Wichtigeren mit ein-,
zwei- und dreifachen Sternchen und die durchlaufende
Numerirung, die hoffcntlich in aller Bälde an den Bildern
selbst durchgeführt werden wird. Die Sternchen kaun ich
für keine glückliche Neuerung erachten. Selbst der flüchtigste
Besucher hat an ihnen nicht die geringste Stütze. Und
nach welchem Prinzipe soll man dabei verfahren, nach
dem des kunstgescbichtlich Jnteressanten, oder dem des
blos ästhetischen Genusses, die hänfig einander wider-
sprechen? Oder soll man beide zu gleicher Zeit berück-
sichtigen, wie der Katalog meint? Hier sind Willkürlich-

keiten auch beim besten Willen und der besten Kenntniß
nicht zu vermeiden, wie man z. B. ja auch sieht, daß die
Anbetung der Hirten von Rembrandt keine Auszeich-
nung erhalten hat, der Marktschreier von G. Dou da-
gegen eine dreifache.

H.ck voesm Dou! Marggraff und Andere schreiben
den Namen des Künftlers Oov, weil er sich selbst auf seinen
Bildern VOV zu bezeichnen pflegte; sie bedenken aber
uicht, daß diese römische Majuskel bei anderer Schrift in
17 oder u umgesetzt werden muß. Die Majuskel begreift
ja bekanntlich den Konsonanten- und den Bokallaut in
sich; da aber hier offenbar der letztere gemeint ist, so darf
man nur Oon und nicht Oov schreiben.

Die Nachträge sind sehr reichhaltig; sie umfassen
die Nrn. '1282—1433, also 151 Bilder, die alle in den
letzten Jahren aufgestellt worden sind. Jn anerkennens-
werther Weise hat sich der Verfasser auch hier bemüht,
die biographischen Daten nach den neuesten Forschungen
zu geben; auf dieser Seite liegt überhaupt der bcste Theil
des Buches. Auffallend und beeinträchtigend ist es nur,
daß Crowe's und Cavalcaselle's Forschungen blos über
die niederländische Malerei benutzt worden sind, und nicht
über die italienische, worin doch ihre Stärke liegt, und sie
überhaupt mehr veröffentlicht haben. Daß Joris van
Son im 1.1622 (No. 1429) gestorben sei, kann nur ein
Schreibfehler sein, indem der Verfasser selbst die Geburt
seines Sohnes um 1648 ansetzt; 1622 wird vielmehr
als das Jahr seiner Geburt angegeben. Die angebliche
Kopie nach Michelangelo, No. 1387 (795), Maria
mit dem Jesuskind, welches den knienden kleinen Johannes
umarmt, ist eine mittelmäßige Malerei ganz in der Art
Turchi's. Die Ruhe auf der Flucht, No. 1367 (775),
angeblich von Dürer im I. 1524 gsmalt, ist blos eine
spätere und nicht einmal besondere Kopie. Die Alde-
grever's, No. 1359 (767) nnd 1362 (770), und die
Heemskerk's, N°. 1354 (762) und 1355 (763) sind
mehr als bedenklich. Jch begreife nicht, wie die beiden
Maler dafür verantwortlich gemacht werden können.
Daß No. 1405 (813) den Marquis de Mirabella vor-
stellt und von A. van Dyck gemalt ist, habe ich in der
Beil. zur Augsb. Allg. Zeit. No.299, Jahrg. 1872 nach-
gewiesen. Mit Recht dagegen hat der Berfasser das
prächtigeFrüchtestückNo. 1376(784)demJanDavidsze
de Heem zugewiesen, trotzdem es die Bezeichnung ck. vo
kloom k. 1653 trägt, und man also zuerst an den an-
geblich von I. D. unterschiedenen Jan de Heem denken
könnte. Jch meinerseits fand noch keine Spur eines Jan
de Heem, den man bald für den Sohn, bald für den
Neffen, bald für den Bruder des I. Davidsze gehalten.
Offenbar ist der Jrrthum durch die verschiedene Bezeich-
nung von Jan Davidsze, der stch bald 1. bald 1. v.
schrieb, entstanden. So hat man einen Jan David nnd
einen Jan de Heem zu Stande gebrackt, während doch
das v der vollen Bezeichnung (I. D. De Heem) einfach
unsern Jan als den Sohn Davids erklären will; darum
konnte es der Künstler auch bald setzen, bald weglassen.
Gerade die Hauptwerke Jan Davidsze's in Wien (von
1648) und in Berlin (1650) führen nicht das v; und
umgekehrt ist das „ausführlich bezeichnete Prachtbild" im
Dresdener Mnseum, das der Katalog dem „Sohne Jan
de Heem" beimißt, nicht 1. Os vsom sondern 1. v.
(verschlungen) vs vssw ts. 1650 bezeichnet, also auf
alle Fälle dem „Vater" zuzuschreiben. Ebenso trägt ein
loading ...