Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — 8.1873

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Das Siegesdcnkmal zu Berlin. — Ovcrbeck's letzte Kompositiouen.

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Prinzen Friedrich Karl ragt mächtig aus dem Kampf-
getümmel hervor. Zu scincn Füßen licgt ein nieder-
geworfener Franzose. Jubelnd begrüßen Sachsen, Bayern
und Preußen die im ersten Kampfe wiedergewonnene Ein-
heit, die durch den Handschlag des Kronprinzen, welcher
dem Gencral Hartmann die Rcchte bietet, besiegclt wird.
Daran schließt sich, an der Frontseite des Denkmals, die
Proklamation des neuen Kaiserreichs. Ein Herold über-
reicht der hehren Gestalt der Borussia, welche auf den
Stufen des Throncs steht, die Kaiserkrone. Zur Rech-
ten und Linken dcs Thrones gruppiren sich die dentschen
Fürsten nnd Feldherrn, unter ihnen hcrvorleuchtend die
Hüncngestalt Bismarck's mit der Kaiserproklamation.
Dies in allgemeinen Zügen der Jnhalt der Komposition,
welche erst zur vollen Würdigung gelangen wird, wenn
der Eintritt in die Halle gcstattet ist. Die Aufstellung
des Bildes ist ohnehin nur eine provisorische, da es
seinen definitiven Platz in der Nationalgalerie erhalten
soll. An seine Stelle tritt cinc Nachbildung in Glas-
mosaik, die vonSalviati in Venedig ausgeführt wird.

Die Figuren sind durchweg überlebensgroß, bei-
nahe kolossal, und doch ist weibliche Anmuth und WLrde
neben männlicher Wehrhaftigkeit und mannhafter Er-
scheinung mit gleichcr Meistcrschaft zum Ausdruck ge-
bracht. Vortrefflich ist besonders die Gruppe des Kron-
prinzen uud des Generals v. Hartmann. Der Künstler
soll ursprünglich eine Umarmuug der beiden Heerführer
beabsichtigt haben. Was auch für Gründe bei der spä-
teren Aenderung mitgewirkt haben mögen, in Lsthetischer
und künstlerischer Hinsicht ist die gegenwärtige Anordnung
nur zu billigen. Eine Umarmung zu Pferde wirkt immer
unschön und zugleich beLngstigend. Man denkt unwill-
kürlich, die Pfcrde könnten plötzlich die herzliche Um-
armung durch Auseinanderweichcn in unliebsamer Weise
trennen. — Die Darstellung nnd die Komposition ist
korrekt und fließend, der Gesammteindruck erhebcnd und
die Leuchtkraft der Farbe von ungewöhnlichcm Reiz.
Man hat hier zum ersten Male das Gefühl, daß der
Künstler hinter den Ereignissen nicht zurückgeblieben ist,
daß die gewaltigen Thatcn der dcutschen Heere hier an
hervorragcnder Stclle eine würdige Verherrlichung durch
die Kunst erfahren haben. Das Bild v. Werner's möge
uns neben dem Relief Calandrelli's für das minder Ge-
lungene entschädigcn, das uns die übrigen Künstler ge-
boten haben!

Overbeck's letzte Komposltioileii.

Wien, im September 1873.
Den Lesern Jhrer Zcitschrift ist bercits bekannt,
daß ein glücklichcs Geschick, oder vielmehr mit einfachen
Worten, die Gefälligkeit und der Kunstsinn Sr. Excel-
lenz des Herrn Bischofes Stroßmair, den Wiener Kunst-

freunden, sowie den zahlreichen Fremden, die gegenwär-
tig in unsern Mauern weilen, Gelegenheit geboten hat,
Overbeck's letzte Kompositionen in den Originalcntwür-
fen kennen zu lernen. Es sind die im Jahre 1868
vollendeten Kartons für die Gemälde der zu Diakovar
errichteten ncuen Domkirche, jcner glänzenden Schöpfung
moderner Kunst, die im entlegenen Südosten allen kom-
menden Zeiten als stolzes Denkmal deutscher Kultur
dastehen wird. Zum Orte der Ausstellung wurden die
Räume des österreichischen Museums ausersehen, wo sie
auch neben den Sammlungen der Anstalt und der wäh-
rend der Monate August bis Mitte Oktober dort stattfin-
denden Ausstellung von Gemälden alter Meister aus dem
hiesigen Privatbesttz, wie man meinen sollte, einen mäch-
tigen Anziehungspuukt für die Besucher bilden könnten.
Im Getreibe des Weltausstellungswesens gehen indessen
derlei Erscheinungen leichter unbeachtet vorüber als zu
andern Zeiten, und in der That hat die Literatur bis-
her keine eingehendere Notiz von den hochbedeutenden
Schöpfungen des geschicdenen Mcisters genommen; die
Fluth des Modernen und Allermodernsten, die in Folge
der großen Ausstellung über uns hereingebrochen ist,
rauschte leicht begreiflicher Weise an dieseu Werken um
so eher vvrüber, als ihnen der Stempel des Gegentheils
aufgcdrückt ist, als sie in einc andere, verklungene Welt
des Gefühls zurückdcuten und dazu auch das Gewand
der Form aus der Vergangenheü entlehnen.

Mein kurzcr Bericht vermag ebenfalls keine er-
schöpfende Würdigung des Gegenstandes zu Lictcn; denn
ich glaube, daß auch über diese letzten Arbcitcn des
Künstlers nur im Zusammenhangc mit deni Vorausge-
gangenen gründlich geurtheilt werden kann, was hier zu
weit führen würde. Jhre Leser haben vor nicht lang
vergangener Zeit eine so gediegene, im Hinblick auf das
Andenken des verklärten Meisters so edel weihevolle
Würdigung seiner ganzen Bedeutung für die Kunst in
diesen Blättern gefunden, daß ich deßhalb mich um so
mehr auf ein bloßcs Neferat über das Gegenständliche
der Kompositiouen beschränken darf.

Zwölf der Kartons sind zurAusführung in der Kirche
bestimmt, vier von denselben wieder bilden die Entwürfe
für die Zwickel der Pendentifs der Kuppel, zu deren
Gegenstand in hergebrachter Weise die mächtigen Ge-
stalten der Evangelisten, gleichsam als kraftvoller Trä-
ger der Stützen des Domes, gewählt sind. Wir dürfen
in diesen Figuren von vier mit Lesen und Schreiben be-
schäftigten Männern, die auf den ersten Blick vielleicht
sowohl unter einander als insbesondere im Vergleich
mit den älteren Darstellungen derselben ziemlich gleich-
förmig erscheinen möchten, bei' sorgfältiger Bertiefung
in das Wollen des Meisters dessen feinen Sinn für die
Gestaltung und Mannigfaltigkeit der Form mit Recht
bewundern. Dic würdigen Gestalten schweben in sitzen-
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