Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — 8.1873

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Korrespondenzen.

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werden in Brüssel vertreten sein. Besonders die van Eyck'-
sche Schule soll die Ausstellung in bisher noch nie dage-
wesener Vollständigkeit repräsentiren. Daran werden sich
die holländischen und vlämischen Meister der späteren Zeit
bis zum Beginne des 18. Jahrhunderts anschließen.

Wir hoffen demnächst in den Stand gesetzt zu sein,
den Lesern weitere Details mitzutheilen. Vorläufig kön-
nen wir dem großartigen Unternehmen, welches gewiß der
Forschung reiche Früchte bringen nnd der altniederlän-
dischen Kunst neue Freunde zuführen wird, nur das beste
Gedeihen wünschen.

Korrespondenz.

Wien, Mitte Januar.

Den 15. Januar schreiben wir heute, und draußen
weht der Südwind so lau und so lind, als wäre der Lenz
im frohen Anzuge. Ein warmer Regen plätschert gegen
die Scheiben, die Luft ist schwül, und wenn es gut geht,
so kann sich heute noch ein ganz ordnungsgemäßes Gewitter
über unsern Häuptern entladen. Jn diesem Style schleicht
bei uns der Winter durch das Land. Den 15. Januar
schreiben wir heute und noch kein einziges Mal haben wir
rechtschaffenen Frost gehabt oder auch nur einen halbwegs
anständigen Schnee. Aus dieser Einleitung werden die
sinnigen Leser bereits ersehen haben, daß ich ihnen über
denFortgangver Weltausstellungsarbeiten Einiges
berichten will. Je staunenswürdiger die Arbeit ist, welche
während der letzten Wochen zu Stande gebracht wurde,
desto klarer wird es selbst für den llneingeweihten, daß es
geradezu ein Ding der Unmöglichkeit gewesen wäre, die
Ausstellung zur festgesetzten Zeit zu eröfsnen, wenn der
allmächtige Generaldirektor Barou v. Schwarz in den
höchst abnormen Witterungsverhältnissen nicht einen so
gewaltigen Bundesgenossen erhalten hätte. Ja, allmächtig
und allgewaltig ist unser Generaldirektor. Kein Finanz-
minister der Welt hätte das erreicht, was er spielend er-
reicht hat, einen Nachtragscredit, welcher der ursprünglich
gewährten „unter keiner Bedingung zu überschreitenden
Pauschalsumnie" von fechsMillionen nicht nur gleichkommt,
sondern sie noch um eine volle Million überbietet. Was
war zu thun? Man hat ruhig zugesehen, wie sich Baron
Schwarz als Selbstherrscher über alle Ausstellungs-
angelegenheiten etablirt hat, wie er die Möglichkeit der
Ausstellnng überhaupt an seine Person knüpfte, bis es
endlich zu spät und kein Ausweg mehr übrig war, etwas
Anderes zu wollen, als was dem Herrn Generaldirektor
beliebte.

Die meisten Kommissionen führen nur ein Schein-
dasein; es wurde ihnen kein Einblick gewährt in die-
jenigen Angelegenheiten, zu deren Schlichtung sie ernannt
worden waren. Nur so konnte es dahin kommen, daß,
wenn der Herr Generaldirektor nach eineni drohenden
ljncis 6Ko! erklärt, daß er nicht mehr mitspiele, heute das

ganze Spiel überhaupt in Frage gestellt erscheint. Seine
Wünsche und Forderungen müssen nun, so exorbitant sie
auchscheinen mögen, erfülltwerden, da aus einerWeigerung,
sie zu erfüllen, die heilloseste Verwirrung entstehen würde.
Es hat sich bisher noch nicht gerächt, daß man es ruhig
geschehen licß, daß eine Angelegenheit, welche für die Welt
so hohes Jnteresse hat, auf den Schultern eines einzigen
Mannes ruht, und das ist nur den beispiellos glücklichen
Umständen zu danken, unter welchen bis heute fortgearbeitet
werden konnte. Bis auf den heutigen Tag konnte un-
ausgesetzt gemauert, an der riesigen Rotunde gelöthet,
konnten Tausende und aber Tausende von Piloten ge-
schlagen werden, bis auf den heutigen Tag konnten die
Decorateure, sowohl außerhalb wie innerhalb des, selbst-
verständlich nicht heizbaren, Jndustriepalastes ihre Arbeit
mit einer Emsigkeit betreiben, die nur zu deutlich zeigt,
daß sie trotz der unverhofft gewonnenen Zeit nur mit
Mühe doch noch bis znr entsprechenden Frist ihr Aus-
schmückungswerk beendigen können. Von welch riesigen
Dimensionen die Arbeiten sind, davon kann man sich einen
Begriff machen, wenn man sich vor Augen halten will,
daß der Jndustriepalast eine Länge von einer AchlelMeile
hat, und daß sechzehn Seitenhallen die Längenhalle durch-
schneiden. Ebenso lang wie der Jndustriepalast ist die
Maschinenhalle. Dazu kommen noch die ArbeiteN an der
landwirthschaftlichen Halle und an der Kunsthalle. Ueber
letztere läßt sich noch kein definitives Urtheil fällen; doch
fürchten wir, daß sie in den Hauptsälen (mit Oberlicht)
nicht genügend hell sein wird. Die Dekorationsarbeiten
sind meist glücklich angelegt und versprechen nach ihrer
Vollendung auch rigorosen Anforderungen bezüglich des
guten Geschmackes zu entsprechen. Besonders hervor-
zuheben sind die beiden Portale an den Schmalseiten des
Jndustrie-Gebäudes, die, obwohl kleiner, als das Haupt-
portal vor der Kuppel, dieses doch an Schönheit sowohl wie
an Größe in der Wirkung überbieten. Jm Allgemeinen
können wir es jetzt schon mit Befriedigung aussprechen,
daß die künstlerischewiediekunstgewerblicheAusschniückung
der Räume eine würdige sein und dem Wiener Geschmacke
nicht zur Unehre gereichen wird. Daß es nicht noch besser
hätte werden können, sei nicht gesagt; allein bei den großen
Sünden,-oder, was noch schlimmer ist, bei den entschiedenen
Fehlern und Mißgrifsen, deren sich der Generaldirektor
auch nach dieser Richtung hin schuldig gemacht hat, ist es
ein wahres Wunder zu nennen, daß es noch so, und nicht
schlechter wurde.

Jm Kunstleben herrscht jetzt die besonders in den
Journalen so sehr beliebte „ruhige Schwüle vor dem
Gewitter". Jn allen Ateliers rüstet man sich zu einer
möglichst würdigen und imposanten Beschickung der Welt-
ausstellung. Wir haben guten Grund zu hoffen, daß
speziell die Wiener Kunst in glänzender Weise vertreten
sein werde. Die Wiener Künstlergenossenschaft selbst ist
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