Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — 8.1873

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Em Madonnenbild von F. v. Overbeck. — Sammlungen und Ausstellungen.

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Wir schließen unsern Bericht überdie illustrirteKriegs-
literatur mit dem im Verlag von Velhagen-L Klasing
erschienenen Werke: „Der französische Krieg von 1870 und
1871. Nach den besten Quelleu persönlicher Mitthei-
lungen uud eigenen Erlebnissen geschildert von Georg
Hiltl. Jllustrirt von Woldemar Friedrich." (Vier
Abtheilungen mit zahlreichen Jllustrationen.) Wer kennt
uicht den thätigen Mitarbeiler des „Daheim" und die
ihm gewordene Naturgabe anziehender, anschaulicher
Schilderung. Sie hat in der Geschichte der Kämpfe von
1870 und 1871 eine Aufgabe gefuuden, ganz wie für sie
gemacht, uud zugleich in den Jllustrationen von Friedrich
eine Ergänzung für das Auge, ja haufig mehr noch als
das, das heißt einen Dolmetscher für Herz und Gesin-
nung, einen pshchologischen und technisch-historischen Er-
läuterer, wie der Geschichtschreiber ihn sich nur wünschen
kann, um seinen nur mit dem Material des begrifflichen
Wortes, des mehr oder weniger abstrakten Gedankens aus-
geführten Schilderungen auch die Form natürlicher Ge-
staltung zu geben und sichtbares Leben einzuhauchen.
Es möchts für jeden Jllustrator schwer sein, mit Friedrich
in Reichthum undMannigfaltigkeit derMotive, natürlichem
Leben der Gestalten, geschickter Composition, charakte-
ristischer Durchdringung und sinniger Auffassung der
Stofse, eleganter Leichtigkeit in der Ausführung, sei es
in den größern Bilderu, welche die eigentlichen historischen
Ereiguisse schildern, sei es in den kleinern, welche einzelne
Vorgänge aus dem Volksleben und dgl. mehr eigenarkig
darstellen, zu wetteifern. Dasselbe gilt von den unzähligen
Porträts, den häufig überrascheud, immer aber passend
verzierten Anfangsbuchstaben und den geistreichen und
bezeichnenden Schlußvignetten ; alle sind immer lebensvoll
und doch elegant, neu und sinnig. Der große Borzug
einer durchaus einheitlichen, nur in der ersteu Abtheilung
eine abweichende Hand zeigenden Illustrationsweise fällt
beim Durchblättern des leider auf allzugrauem Papier ge- j
druckten Werkes wohlthuend in's Auge. Die Deütlichkeit ^
der Situation bei den kriegerischen Episoden hat zwar nicht
überall mit den für den Künstler maßgebenden Rücksichten j
vereinigt werden können und auch die Fiauren mitunter ^
zu einer gar zu liliputanischen Kleinheit verurtheilt, doch
das sind llebelstände, die nicht zu vermeiden waren, wenn,
wie hier mit vollemRecht, aufWahrheit und Anschaulichkeit ^
der Accent gelegt werden sollte. Der Anfangsbuchstabe !
unseres Berichts, die Schlußvignette und die Bertheidi-
gung von Schloß Mömpelgard, die unserm Text ein-
gedruckt ist, sind der auch in typographischer Hinsicht
(Druck von Hundertstund & Pries) vortrefflichen Publi- ^
kation entnommen. 0.

Ein Madonnenbild von F. o. Ovcrbeck.

Wer längere Zeit in Rom war, wird sich erinnern,
wie jedeu Sonntag um die Mittagsstunde sich eiu kleiner,
aber ausgewählter Kreis von Künstlern und Kunstfreunden
in der anmnthigen Villa versammelte, in welcher der
greise Overbeck seine Wohnung und sein Atelier aufge
schlagen hatte. Hier wandelte der freundliche Wirth mit
anspruchsloser Grazie zwischen seinen Gästen, die seine
Kompositionenbetrachteten undbewunderten; Jedem wußte
er, auch wenn er ihn das erste Mal sah, etwas Ge-
diegenes mit edler Nuhe zu sagen, kurz, eine Pilgerfahrt
nach dem Monte Esquilino war ein wahrer Gottesdienst
sür jeden echten Freund der Kunst. Im Jahre 1852
sah mau im Atelier des Küustlers ein Staffeleibild voll-
endet, das sich allgemeiner Auerkennung erfreute; es
stellte die Madonna mit dem Kinde in einer Landschaft
dar und erinnerte in seiner künstlerischen Vollendung an
die schönsten Zeiten des Cinquecento. Bald nach sei-
ner Vollendung wurde das Gemätde dem Künstler von
einer englischen Familie abgekauft und wanderte nach
Boston; es schien, daß es für immer dem großen kunst-
liebenden Publikum ferne gerückt bleiben sollte.

Zum Glück ist es anders geworden. Als der Be-
sitzer des kostbaren Bildes starb, sandte es die Familie
zum Berkauf an den Kunsthändler Arnold nach Dresden,
der es dort und in Leipzig zur Ausstellung brachle. Das
Bild hat nun wieder seinen Besitzer gefunden, und zwar
einen, dem mau es am meisten gönnen muß, nämlich seine
Vaterstadt Lübeck, die, wie so manche deutsche Sammlung,
noch kein Werk des großen vaterländischen Künstlers besaß.
Lebte doch Overbeck über ein halbes Jahrhundert (seit 1810)
in Rom nnd war ja doch die ganze Zeitströmung Lerart
gewesen, daß man den Künstler ignoriren zu müssen
glaubte; wie sollte man Werke seiner Hand zu besitzen
trachten! Das erwähnte Bild, um welches die Stadt
Lübeck im edlen Sinne des Wortes zu beneiden ist, möge
in seiner neuen Heimat den Ruhm seines dem Vaterlande
so früh entrissenen Schöpfers verkllnden.

Noch ein Blick auf das Bild selbst sei uns gestat-
tet. Es ist ein Rundbild. Maria hält in ihrem Schooße
das sanft scblummernde Kind; die Mutter betrachtet es
mit einer Miene, in welcher Liebe und Audacht gepaart
erscheinen; der Oberkörper ueigt sich gleichsam schützend
über den Kleiuen, auf dessen Hand sie ihre Linke sanft
gelegt. Die ganze Situation scheint ein fortgesetztes Ge-
bet zu sein; aufgeschlagen liegt das Andachtsbuch neben
der Madonna. Jm Grunde breitet sich ein von Bergen
umsäumter See aus, an dessen Ufer sich ein alter verwit-
terler Thurm erhebt. Rechts, mehr gegeu den Vvrber-
grund hin, hindert die Ruine eines antiken Tempels den
Blick in die Ferne. Wer sich eine lebendigere Borstellung
von dem Bilde machen will, dem dürfte, da dasselbe noch
nicht gestochen wurde, eine nach dem Original verfertigte
vortreffliche Photographie von I. Nöhring (im Verlag von
F. W. Kaibel in Lübeck erschienen) gute Dienste leisten.

J'. C. Wessely.

Sammiuilgcn mid Äusstcllnngrn.

* Oesterreichisches Museum. Das Wiener kunstge-
werbliche Museum hat unler anderen Acquisilionen, durch
welche >n letzterer Zeil seine forlwährend wachsenden Samm-
lungen bereichert wurden, auch ein in seiner Art einzig zu
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