Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — 8.1873

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Aus Tirol.

304

303.

fechtbar waren, jene zwei Sockelfiguren, welche, im Maß-
stabe vielleicht schon etwas zu groß gegriffen, zu hoch über
den Sockel hervorragten und dadurch in einen unschönen
Konflikt mit den Beinen der Statue geriethen, einfach
gestrichen, und ebenso hat er die Rückwand seiner halb-
kreisförmigen Wand um jene ganze Breite des ursprüng-
lich projektirten Reliefstreifens erniedrigt und den Halb-
kreis nur durch darauf gestellte gut proportionirte Kande-
laber belebt.

Jn der Gestalt, die so Piedestal pnd Umfriedigung
gewonnen haben, ist für keinen Tadel mehr Raum, und
jene erhabene Einfachheit, welche schon dem früheren
Entwurfe seinen eigenthümlichen Stempel und seine
unleugbare Ueberlegenheit über alle anderen Konkurr-
enten sicherte, ist dadurch noch schärfer und reiner ge-
worden.

Auf diesem Piedestal befindet sich nun jene sitzende,
besser: thronende Goethe-Statue mit dem wnndervollen
Apvllokopfe nach der Trippet'schen Büste, in jener unnach-
ahmlichen Feierlichkeit der gesammten Haltung, die ich
bereils in meinem früberen Berichte ats eine Leistung
allerersten Rauges gekennzeichnet habe.

Der Künstler hat sich aber auch hier nicht darauf
beschränken wollen, lediglich sein erstes Wort zu wieder-
hoten, sondern er hat versucht, auch hier noch zu bessern,
meiner Ansicht nach aber nur bedingterweise mit Gtück.
Die Abweichungen beruhen wesentlich nur in zwei
Punkten: Die Bewegung der Beine ist jetzt umgekehrt
gegen früher, und der darüber fallende Mantel etwas
anders geordnet, — und die rechte Hand hält keinen Grifsel,
sondern ist in jener Bewegung begriffen, die Goethe selbst
inik einem treffenden Ausdrucke als die unwillkürliche Be-
gleitung der dichterischen Produktion bezeichnet hat, wenn
er in den römischen Elegien sagt, daß er „des Hexameters
Maß leise mit fingernder Hand" taktirt hat.

Der neue Wurf des Mantels kann möglicherweise
ebenso schön werden, wie der frühere, vorläufig aber war
er noch nicht klar und ruhig genug. Glücklicher war
wohl die Veränderung in der rechten Hand. Wenn ich
auch nicht einsehen kann, warum das momentane Still-
sitzen eines Dichters mit dem Griffel in der Hand so aus-
sehen soll, als ob er um einen Reim in Verlegenheit
wäre, — er kann ja ebenso gut auch einem Gedanken
nachsinnen, — so ist doch die freie Bewegung der Hand,
welche nichts hält, lebendiger und somit ausdrucksvoller,
als wenn sie einen Stift festzuhalten hat. Aber in der
Bewegung war ein Moment, namentlich in der Haltung
der beiden mittleren Finger, welches ein wenig an Unruhe
gemahnte, und in die Großartigkeit diesör Statue paßt
nichts von Unruhe hinein.

Jch würde also bei der ursprünglichen Statue bleiben,
aber das vereinfachte neue Postament dazu acceptiren.
Das gibt ein Denkmal, wie es höchstens mit Ausnahme

des Rietschel'schen Lessing in ganz Deutschland von keinem
Dichter oder Denker existirt.

Hoffentlich wissen einmal andere eines Goethe-Denk-
males bedürftigen Städte von diesem Unistande zu profi-
tiren. Jn Berlin hat man sich für das ursprüngliche
Postament von Schaper mit dessen stehender Statue ent-
schieden: — bei Gott und einer Jury ist eben kein Ding
unmöglich. Bruno Meyer.

Äus Tirol.

*r* Carl Justi's großes Werk über Winckelmann
haben auch wir mit großem Genuß und vielfacher Be-
lehrung gelesen. Unter den Zeitgenossen desselben be-
gegnen wir im II. Band, Abth. 2, S. 45 und 46 dem
Tiroler Franz Edmund Weirotter. Justi sagt: „Er hat
nur Zeichnungen und über zweihundert Radirungen hinter-
lassen." Schon der Kanonikus von Lemmen führt in
seinem Tirolischen Künstlerlexikon Weirotter als Maler
auf, auch Nagler bezeichnet ihn in gleicher Weise. Biel
scheint sein Pinsel nicht geschaffen zu haben; indeß besitzt
das Museum zu Jnnsbruck zwei kleine ideale Landschaften,
zumeist im Charakler deutscher Gegend, von ihm. Sie
sind auf hartes Holz in Oel gemalt; ihre Breite mag etwa
3/j, die Höhe 1/2 Fuß betragen. Leicht und geistreich ent-
worfen zeigen sie uns Ruinen, einen Fluß mit einer Bvgen-
brücke, darüber den Himmel mit goldnen Wölkchen: alles
in der Auffassung, wie sie im vorigen Jahrhundert be-
liebt war.

Justi erwähnt auch vorübergehend Martin Knoller
und GrafFirmian. Das Museum besitzt von Knoller
ein Gemälde, welches Firmian im Kreise seiner Freunde
am schönen Gestade Neapels vorführt. Knoller war ein
Freund und Schüler von Mengs, dem er das treueste
Andenken bewahrte. Steht Knvller Mengs auch an ge-
lehrtem Berständniß der Kunst nach, so übertrifft er ihn
doch an Ursprünglichkeit und Phanlasie; sein Einfluß er
steckte sich weit über Süddeutschland und Oberitalien. Auch
zu Winckelmann trat Knoller in nähere freundliche Be
ziehung. Or. Heinrich von Glausen, der verstorbene
Custos des Museums zu Jnnsbruck veröffentlichte 1831
im VI. Band der „Zeitschrift für Tirol und Borarlberg"
eine Biographie Martin Knoller's, — eigentlich die Ueber-
setzung oder Ueberarbeitung eines Effay, den er früher zu
Mailand drucken ließ. Da lesen wir S. 222: „Ein
großer Gewinn, den er in Rom machte, war: daß er auch
mit dem berühmten Winckelmann in Bekanntschaft und
in freundliche Verhältnisse gekommen ist. Mit beiden,
mit Mengs sowohl als mit Winckelmann hat er, als er
Rom verlassen hatte, bis zu ihrem Tode noch einen Brief-
wechsel unterhalten, durch welchen er über manchen Zweifel
und Anstand sich Aufschluß und Belehrung verschaffte."
S. 226 gedenkt v. Glausen dieses Briefwechsels noch ein-
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