Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — 8.1873

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Aus Straßburg.

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Kupitel zur Klärung noch so uiancher Frage auf dem
Gebiete der optischen Täuschungen und wäre sowohl für
den Anatomen als auch für den Künstler von großer
Wichtigkeit. So wie der Dichter sein Drama auf dem
Papier entwirft und die Wirkung der Darstellung be-
messen muß, so muß auch dcr Architekt die Gcheimnisse
seiner Formcn kenncn, die erst in der plastischen Ge-
staltung zu Tage treten.

Es sei ferue, mit diesen Zeilen schon cine maß-
gebende Hypothese aufgestellt haben zu wollen. Aber
der Weg sei damit eröffnet zu Untersuchungen auf einem
Felde, das gewiß die Lösung noch manches Räthsels
birgt, und nur eines glücklichen Finders bedarf, um unser
Wissen in der Kunst zu erweitern und dadurch die Kunst
selbst der Vollkommenheit näher zu führen.

Wien. I. Langl.

^us Straßburg.

Die „Vossische Zeitung" vom 28. Mai bringt eine
Mittheilung aus der Universitätsstadt des Reichslandes,
welche die drohende Verwaisung des unlängst dnrch
Springer's Fortgang erledigtcn Lehrstuhls der Kunst-
geschichte zum Gegenstande hat. Wir. haben früher be-
reils wiederholt auf die Bedeutung dieser Angelegenheit
hingewiesen und glauben derselben nicht besser diencn zu
können, als indem wir die Mitthcilung des Berliner
Blattes vollinhaltlich reproduciren. Dicselbe lautet:

„Unsere junge Universität ist — kaum gegründet —
schon von schweren Verlusten betroffen und bedroht.
Die Auswahl, welche man zur Constituirung des hiesi-
gen Lehrkörpers getroffen, war eben eine so treffliche,
daß sich bei neuen Berufungen an andere Universitäten
die Blicke fast von selber hierher richteten; nnd da mit
ben Dotationen der Straßburger Lehrkräfte weder im
Allgemeinen noch gar im einzelnen Falle eine schwere
Konkurrenz zu bestchen ist, auch ältere Universitäten im
Herzen Deutschlands mcist ein weiteres und ansnahms-
los ein geebneteres Feld der Wirksamkeit darbieten, so
wurde es nicht schwer, diesen und jenen, unter ihnen
Zierden ersten Ranges für jede Universität, wie beispiels-
weise Anton Springer, der neuen Reichsuniversität
ungetreu zu machen.

Es ist das nun übrigens nichts, was — vorausge-
setzt, daß alle Verluste mit Umsicht uub Aufmerksamkeil
aus dem reichen Schatze Deutschlands an tüchtigen nnd
thatkräftigen Vertretern jeder Wissenschaft alsbald wieder
ersetzt,werden, — zu Besorgnissen veranlassen könnte.
Auch geht es mit unserer Hochschule stetig und erfreu-
lich vorwärts, so daß, wenn bei gleichmäßig ruhigem
Fortgange noch vier bis fünf Jahre verflossen sein wer-
ben, Straßburg an Freqnenz mit den blühendsten unter

den ihm benachbarten deutschen UniversitLten, mit Bonn,
Heidelberg, Tübingen u. s. w. wird wetteifern können.

Jenen gesicherten Fortschritt aber zu befördern und
vor allen Störungen zu bewahren ist um so mehr die
unabweisliche Pflicht der Reichsregierung, als es sich die
französische Regiernng angelcgen sein läßt, mit allen nur
möglichen Mitteln — vorläufig allerdings noch mit ge-
ringem Erfolge — die Straßburg gegenübergestellte
neue Universität zu Nancy zu hebcn.

Die Gründung der Straßburger Universität ist aus-
gesprochenermaßen zu dem Zweckc erfolgt, eine Vorburg
deutschen Geisteslebens auf dem neugewonnendn Gebiete
im Angesichte des gegen den Wasgenwall als seine un-
willig angenommene Grenze anstürmenden Franzosen-
thums zu haben. Soll die junge Pflanzstätte deutscher
Geistesart zu dieser ihrer Bestimmung nicht unfähig
werden, so darf kein Grund als stichhaltig zugelassen
werden, um nicht Alles, was irgend wünschenswerth und
möglich ist, ferner und unablässig für Straßburg zu thun.

Es wäre aber eitel Selbsttäuschung, wollte man
glauben, daß jener schönen und erhabenen Aufgabe die
reichlich und bequem dargebotenen Mittel zu den ge-
wöhnlichen Brodstudien schon genügten. Daß die charak-
teristische Eigenart und die besondere Ueberlegenheit
deutschen Geistes in seiner Jdealität beruht, wer möchte
das zu leugnen unternehmen?! Und so muß gerade an
dieser Stelle ein Hauptgewicht auf die Vertretung der-
jenigen idealen Disciplinen gelegt werden, welche zu je-
dem Brod- und Fachstudimn die in wahrhaft deutschem
Sinne unentbehrliche Ergänzung bilden.

Unter diesenDisciplinen aber steht dieKunstgeschichte
obenan. Sie konnte hier nicht würdiger und besser ver-
treten werden als durch einen Mann wie Anton Springer;
und mit Recht wurde in eineni Aufsatze der „Deutschen
Warte" (Bd. II, Heft 11), welcher den deutschen Uni-
versitäten die der Kunstwissenschaft im Allgemeinen zu-
gemuthete „Aschcnbrödelstellung" zum schweren Vorwnrfe
machte, und welcher — wie Schreiber dieses weiß —
bei den gcsammten Fachmännern einmüthige Zustimmung
gefunden hat, auf die Ausrüstung Straßburg's mit einer
kunstwissenschaftlichen Lehrkanzel als auf ein Gutes ver-
heißcndes Präcedens hingewiesen. Bald folgte Leipzig
diesem Vorgange, und gegenwärtig ist auch der Berliner
Universität ein ordcntlicher Professor der Knnstgeschichte
zugedacht; — und in demselbcn Momente ist es für
Straßburg zweifelhaft, ob es im Besitze dieses ihm be-
sonders nöthigen Vorzuges verbleiben wird.

Leipzig hat bekanntlich seinen Bedarf nicht anders
als durch die Berufung Springer's zu decken gewußt
und dieser hat den Ruf angenommen und uns zu Ostern
verlassen. Nun aber verlautete auS den verschiedensten
Quellen — und die bisher ausgebliebene Kunde von
einer neuen Berufung an Springer's Statt scheint das
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