Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — 8.1873

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Sammlimgen und Ausstellnngen.

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pflegen als die der Männer, und daß sie in Folge dcffen
sich mit niedrigeren Preissätzen zufrieden stellen lassen als
diese, so wie daß wohl auch bei ihnen der unkluge Künst-
lerstolz weniger Boden finden dürfte.

Aus der Münchener weiblichen Kunstschule sind be-
reits viele geschickte Tylographinnen hervorgegangen, man-
che tüchtige Graveurin hat sich dvrt gebildet, und es ist
zu hoffen, daß die Schule jetzt, da sie nach Ablauf der Ferien
als staatliche Anstalt neu in's Leben tritt, Lie praktische
Richtuug nicht verlassen wcrde, welche allein den wahren
und Wohlverstaudenen Jntereffen der Schülerinnen ent-
spricht. Damit soll indeß nicht gesagt werden, man solle
sich auf das Modelliren, Graviren, Malen auf Holz,
Porzellan, Stein, Holzschneiden, Retouchiren rc. beschrän-
ken, sondern es erscheint unzweifelhaft zweckmäßig, nament-
lich auch das Zeichnen uach dem Runden, ja selbst das
Malen danach möglichst zu üben.

Wenn die Staatsregierung ihrerseits beabsichtigt,
dicjenigen Schülerinnen der Anstalt, welche genügende Be-
gabung besitzen und sich ganz der Kunst widmen wollen,
au die Akademie übertreten zu lassen, so ist das an sich
ganz lobenswerth, weil man darin den Beweis sieht, daß
nicht überall bureaukratische Voreingenommenheit gegen
Neues besteht. Vom praktischen Standpunkte aber möchte
man eher wünschen, daß recht wenige Schülerinnen von
dieser Liberalität Gebrauch machten. k.

SaimiiliiiiiM und Äiisstelliiilgrn.

8. 6—r. Wiener Künstlerhaus. Es qebl wieder einmal
recht lebhaft zu im Künstierhause. Der Kunsthändler Plach
hat eine Bildersaat ausqestreut, die unter dem Hammer dcs
Auktionators aufgehen wird; schon schießt die Saat in die
Halme, die Blüthen werden in alle Winde verwebt werden,
die Frucht wird geborgen — in Herrn Plach's Taschen. Neben
der Auktionsausstellung, äußerlich nicht getrennt von ihr, blüht
bescheideu das Veilchen der genosseuschaftijchen Monalsaus-
stellung. Zu den beiden genanuten gesellt sich noch eine britte
Exposition, über welche letztere ich jetzt kurz berichten will,
indem ich mir vorbehalte, auf die beiden erstgenannten
zurnckzukommen. Zu danken ist diese dritte Ausstellung der
besonderen Zuvorkommenheit des bekannten Prager Kenners
und Liebhabers Herrn H. F. Heidl, der einen Tbeil seiner
Kunstschätze (denselben, mit welchen er die „Lxposition lles
smateurs" auf der Weltausstellung beschicken will) der Ge-
nossenschaft zur Ansstellung überließ, mit der Bestimmung,
daß die eingehenden Eintrittsgelder dem Pensionsfonds für
bildende Künstler, deren Witwen und Waisen zu Gute kommen
sollen. Die Sammlung macht im Ganzen einen erfreulichen
Eindruck und legt Zeugniß ab für den vornebmen Kunst-
geschmack ihres Eigenthnmers. Die meisten Bitder sind uns
alte Bekannte, aber gute alte Bekannte; und da mgn gemeinig-
lich einiges Jnteresse für die Schicksale seiner guten Bekannten
zu haben Pstegt, so wird es nicht überstüsstg seiu, hier auch
von einigen solchen zu berichten. — Carl v. Enhuber's
Bildercyklus zu den Erzählungen: Deutsches Volksleben aus
dem schwäbischen Gau „Ries" von Melchior Meyr haben
bereits im ersten Bande der „Zeitschr. f. bild. Kunst" hin-
reichende Würdiguug gefunden. Seitdem hat der Künstler
sowobl wie der Poet der Welt Valet gesagt, und es war eine
schöne Pietät, die den Besitzer veranläßte, unsere Zeit, die so
schnell vergißr, an zwei Geister zu erinnern, die vielleicht der
Welt Manches schuldig geblieben sind, gewiß aber nicht so
viel, wie ihnen die Welt. — Adolf Menzel's wundervolles
Aquareü „Aus der Gesellschast" stammt aus der Gsell'scheu
Galerie, es ist ein koloristisches Meisterwerk ersten Rangss,
wenn es auch durch seinen Preis nicht so viel von sich reden

machte, wie desselben Kllnstlers Ebrendiplom für Bismark.
i Es hatte es eben nicht nöthig, durch Mittel Aufsehen zu erre-
gep, die außerhalb des künstlerischen Bereiches liegen. — Wer
Spitzweg's köstliche „Scharwache" und sein „Ständchen"
kennt, hat sie auch liebgewonuen; außer durch die beiden ge-
nannten, wohl bekanntesten Bildern ist Spitzweg noch vertreten
durch ein treffliches Bild, „Stilles Plätzchen" genannt, ferner
durch einen „Sonntags-Spaziergang" und durch die Dar-
stellung einer Scene aus dem Singspiele „Doktor und Apo-
theker". — Ein vortreffliches Bildchen ist Lindenschmit's
„Klosterfreuden", das uns einen in Bücher und Manuscripte
vertieften Klosterbruder zeigt. Hier hatte der Künstler Ge-
legenheit, sich von seiner besten Seite zu zeigen, weil ihm
keine Gelegenheit ^eboten war, seine Schwächen hervorzu-
kehren. Lindenschmit verfällt im Ringen nach drainatischern
Ausdruck leicht in die Karrikatur, wie sein Gemälde
„Die schottischen Mlderstürmer" aus der gegenwärtigen
Ausstellung in Berlin nur zu deutlich zeigt. Dieser sinnende
Bruder denkt nun gar nicht daran, Leidenschaft zu entwickeln,
laßt sich's vielmehr in dem meisterhaft behandelten Helldunkel
wohl sein und hat zudem Niemanden neben sich, dem er
äbnlich sehen könnte. Lindenschmit verfügt nämlich, wie
schon viele Meister vor ibm, eigentlich nur über ein Ge-
sicht, es ist das Normalgesicht, ein Tbema, das zwar in
vielen Variationen behandelt wird, doch immer so, daß es
noch herauszuerkeniien ist, wozu das typischc Auge nicht wenig
beiträgt. — Eine ansprechende Dichtung in Oel ist v. Bam-
berg's „Stickrahmen", an welchem eiii junges Mädchen sitzt,
der ein junger Mann Gesellschaft leistet. Vrele halten es mit
den Bildern so wie mit den Frauenzimmern, und 'ich rniißte
lügen, wenn ich mich von diesen Bielen ausnehmen wollte:
viel Geist und viel Gefühl wird hochgeschätzt. aber das Fleisch
darf dabei nicht zu kurz kommen und verkümmern. Ein ge-
sunder Realismus bält in der Nalur und in der Kunst das
Leben zusammen. Bei Ramberg's Bild ist das Fleisch ent-
schieden zu kurz gekommen, und die psychologischen Vorzüge
können doch nicht entschädigen für die malerischen Mängel.
Das Malerische bleibt aber nun einmal die Hauptsache für
den Maler. — Fortuny (vom Kataloge Fortuno getauft),
dieses junge spauische Malergeuie, dessen Erfolge Meister
Meissonier nicht schlafen lassen sollen, ziert die Ausstellung
! mit einer prächtigen Federzeichnung, mit welcher er schon vor
zwei Jahren auf der hiesigen Jahresausstellung Aussehen er-
regt bat. Das Blatt zeigt eine gravitätisch dasitzende männ-
liche Figur, die nicht ohne Selbstbewußtsein (die Zeichnung
heißt „oon ßrauäeWri") den ausgestreckten Arm auf einen
Stock stützt. — Von Schleich dürfte kaum Besseres zu sehen
seiil, als die Landschaften, die in Heidl's Besitz sind; sie zeigen
uoch den Künstler auf der Höhe und in der Vollkraft seiner
Leistungsfähigkeit. — Daß in einer so vornehmen Versammlung
die Gebrüder Achenbach nicht fehlen dürfen, versteht sich
fast von selbst; ihnen schließen sich mit talentvollen Arbeiten
Munthe, Berisch, Schindler u. A. an. Die stilistische
Landschaft hat in Rottmann ihren würdigen Repräsantenten
gefunden. Die Plastik ist durch Hellnier's reizvolle An-
dromeda vertreten.

8. Düsseldorf. Auf der Ausstelluug von Ed. Schulte
begegneten wir wieder interessanten Neuigkeiten, unter denen
zwei Genrebilder von Vautier sich durch die feine Cbarak-
teristik und meisterhafte Durchbildung besouders auszeichneten.
Das eine zeigt cinen Landmann, der dem Advokaten einen
schwierigen Rechtsfall eindringlich zu erläutern suckt, wobei
der Ausdruck in den beiden Figuren von wahrhaft bewun-
derungswertber Lebenswahrheit erscheint, und das andere stellt
vier liebliche Bauernmädchen dar, die von dem Pfarrer freund-
lich angesprochen werden, dadurch aber in nicht geringe Ver-
legenheit gerathen. Es ist schwer, einem der beiden Gemälde
den Vorzug zu geben, da jedes in seiner Art wohl allen An-
forderungen genügt. Ein konäer-vous in Venedig von A.
de Cramer macht dagegen nicht nur einen höchst theatra-
lische» Eindruck, sondern ist auch ganz fehlerhaft in der Zeich-
nung, was um so mehr zu bedauern ist, als der Künstler
entschiedenes koloristisches Talent besitzt. „Die Falkenjagd"
von A. Norlhen ist auch nicht korrekt gezeichnet, wenn auch
delikater behandelt als seine früheren Bilder. „Ein Jnfanterie-
gefecht" desselben Malers verdient ungleich wärmeres Lob durch
die höchst lebendige Darstellung, erscheint aber für den Gegen-
stand etwas zu klein. Jacobsen's„Mondschein in Venedig"
ist wirkungsvoll und ansprechend, und das Genrebild „Die
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