Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — 8.1873

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Künstlerfasching in Wien.

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wurde, nachdem zwei Tafeln „restaurirt", d. h. förmlich
abgeschliffen und ruinirt waren.

Warum führt man nicht mit Konsequenz durch, was
in Florenz so glücklich gelungen?

Sehr wohlthätig bcrühren dort die Reformen im
Klostcr S. Marco und der Kapelle der Medici in S.
Lorenzo, welche beide zu förmlichen Museen umgestaltet
und sehr glücklich eingerichtet sind. Fiesole's Fresken zu
studiren, ist nun sehr erleichtert; wo es irgendwie nöthig
war, wurden Fenster und Blenden in Dach und Wändcn
angebracht, um Bilder zugänglich zu machen, die früher
nur bei hellen Tagen und zu gewisscn Stunden leidlich sicht-
bar waren. Alles ist nett hergerichtet, der Reinlichkeit fiel
zwar manch malerisches Motiv zum Opfer, doch ist für die
Konservirung der Bilder gesorgt und hoffentlich nun auch
dafür, daß sie nicht mehr unter Tünche kommen.

Weniger zu loben ist die Einrichtung bei Lionar-
do's Abendmahl in Mailand, wo cs doch ein Leichtes
wäre, links vom Bilde ein großes Atelierfenster anzu-
bringen, um dem so vielfach gemißhgndelten Werke we-
nigstens Licht in Fülle zuzuführen.

Für die großartige und überaus praktische Jdee
Thiers', eine Galerie von Kopien der ersten Meisterwerke
Europa's anzulegen, wird in Padua auch gearbeitet und
zwar eine der Fresken Giotto's kopirt. Mit der Art und
Weise zu kopiren, wobei das Fehlende vom Kopisten will-
kürlich ergänzt wird, kann ich mich aber unmöglich ein-
verstanden erklären. Es ist dieß ein ganz pietätloses
Verfahren, welches leider auch E. Kaiser leitete, der für
die Arundel Societh Avanzo's Fresken nicht eben sehr
glücklich kopirte.

Der Unfug, der in allen Galerien und Kirchen
Jtaliens mit dem Kopiren getrieben wird, ist bekannt.
Unbegreiflich ist es aber, wie man zugeben kann, daß iu
eiuer der ersten Galerien der Welt, in den Uffizien, talent-
lose Kopisten Angesichts von Bildern alter Meister „ab-
komponiren" d. h. aus den herrlichen Werkcn ohne Ber-
stand Gruppen und Figuren herauskopiren, willkürlich
zusammenstellen und mit respectiven Hintergründen ver-
sehen. Jst denn nicht die Kopienfabrikation und der
Handel damit schon entwürdigend genug? Jm Palazzo
Pitti scheint es doch etwas besser zu stehen, da man wenig-
stens letzterenUnsinn dort nicht antrifft und in den Verkaufs-
buden nur Kopien der Galerie Pitti aufgestellr sich finden.
Die Plackereien, denen man in München ausgesetzt ist,
wenn man in der Pinakothek studiren will, findet man
selbst iu ihrer übertriebenen Pedanterie ganz gerechtfertigt,
ja erwünscht, Angesichts so unwürdigen Treibens.

Gegen die Direktion der Uffizien wäre überhaupt
noch manche Anklage zu erheben; doch sei vorläufig nur
erwähnt, in welch' traurigem Zustande sich das herrliche
große Reiterporträt des Velazquez befindet. Weun nicht
bald Einhalt gethan wird, so wird der Ruin des Bildes

in kurzer Zeit soweit vorgeschritten sein, daß man bedenk-
liche und weitgehende Eingriffe wird unternehmeu müssen,
um es zu retten, während jetzt noch eine einfache Manipu-
lation helfen könnte.

Am liebsteu möchte ich mit Heine schließen, wie ich
mit Goethe anfing und den Direktor derUffizien und alle
schlechten Kopisten gehenkt wünschen; da dieß aber nicht
gut angeht, so will ich wenigstens hoffen, daß diese Zeilen
zur Besserung dcr Uebelstände ihr Scherflein beitragen
mögen. vr. Jsidor.

Mnstlerfasching in Wien.

Das Theater, unstreitig eine der konservativsten
Anstalten in unserer schnell lebenden Zeit, bewahrt neben
hundert anderen Masken, dereu Vorbilder längst aus-
gestorben sind (falls sie überhaupt jemals gelebt haben),
auch die des schwärmerischen Malers mit langen blonden
Locken, breitem über den Sammtrock fallendem Hemd
kragen, einem namenlosen Sehnen in der Brust nnd „ge-
schwollenen" Redensarten auf den Lippen. Die Speziali-
tät kam allerdings vor manchem Iahrzehnt hier und da
vor, aber nie war das Generalisiren weniger berechtigt
als in diesem Falle. Denn auch iu der romantischen
Periode und während der Herrschaft des Weltschmerzes
und als der in Oel frevelnde Jüngling sinnige gemüth-
liche Blümlein auf die Leinwand hauchte, florirte im Leben
der Künstler der Humor. Jacobi's Garten, der Stuben-
voll und so manches andere Lokal wissen davon zu erzählen,
wie die strengsten Meister des Lebens Unverstand zu ge-
uießen wußten, und wo närrisches Treiben gedeiht, da
haben sicherlich Künstler die Hand im Spiele. Jn Wien
insbesondere fristete die Künstlerschaft ein Stück Poesie
und Humor über eine Periode hin, in welcher jede freie
Lebensäußerung mißtrauisch überwacht wurde. Jahre
lang konnten die Maifeste der Künstler auf dem Kahlen-
berge in voller Zwanglosigkeit gefeiert werden, und selt-
samerweise wurden sie nicht von der Polizei, sondern von
dem bloß schauendeu, nicht theilnehmenden Publikum er-
drückt und erstickt. Und dies nämliche Element hat noch
fast jeden Versuch, heiterer, künstlerischer Geselligkeit in
Wien eine Stätte zu bereiten, binnen kurzer Frist wieder
vereitelt; überall drängten sich diejenigen, welche nicht im
Stande sind, sich selbst zu unterhalten, so massenhaft heran
uud hervor, daß die sogenannten Künstlervereine sich in
höhere Singspielhallen verwandelten. Die bildenden
Künstler haben sich diese Erfahrung zur Lehre dienen
lassen. Sie bleiben so viel als möglich unter sich, halten
an dem Prinzip fest, kein „Publiknm" außer Ihresgleichen
haben zu wollen, und darum sind ihre Zusammenkünfte
die einzigen, in welchen ungezwungene, anspruchslose Fröh-
lichkeit sich erhält.

Jn diesem Winter begann der Künstlerfasching schon
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