Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — 8.1873

Page: 87_88
DOI article: DOI article: DOI Page: Citation link: 
https://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/kunstchronik1873/0049
License: Free access  - all rights reserved Use / Order
0.5
1 cm
facsimile
87

KiinMiteratur.

88

Etwas größer im Format als die bisher erwähnten
Bilder, dabei von vortrefflicher Technik und reizender
Frische ist Emile Villa's: „^.ra at Loudrstttz". Josef
Caraud's „Lonbrottk rapassnnt" würde, wenn etwas
weniger affektirt, dem vorigen ebenbürtig zurSeite stehen;
auchFirminGirard verstehtsich aufdieKammerkätzchen,
er hat ein sehr nettes Exemplar in seinem Bilde:
pröksrö" verewigt; ein anderes treffliches Bild desselben
Malers ist die „lilnrodanäs äs tisurs", welche an Frische
und Blüthe niit ihren Blnmen, deren sie einen Karren
voll führt, wetteifert; der Künstler hat hier zugleich eine
treffliche weibliche Studie und ein Blumenstnck von auster-
ordentlicher koloristischer Wirkung geliefert.

G. Guttcnberg.

Lniistliteratur.

C. R. Lepsius, Ueber einige äghptische Kunstformen

und ihre Entwickelung. Berlin 1871. 4.

Es bestand lange Zeit eine tiefgehende Meinungs-
verschicdenheit über Lie Frage, ob die Hellenen die Motive
für die architektonischen Kunstformen, welche sie zu höchster
Vollkommenheit entwickelt haben, aus dem Orient über-
kommen oder selbständig erfunden haben. Diese einander
entgegeugesetzten Ansichten beruhten meist auf nur un-
vollkommener Keuntniß der in Betracht kommenden Ber-
hältnisse. Man kannte nur einige wenige Fragmente so-
wohl der Knnst der alten Aegypter als anch der ältesten
der Hellenen und zog aus ihnen Schlüsse auf das Allge-
meine. Außerdem kamen zuweilen noch Vornrtheile hinzu.
Man glaubte sich an dem hohen Geist der Hellenen zu
versündigen, wenn man ihre Schöpfungen auf fremde,
den Barbaren entlehnte Motive zurückführte.

llnsere in der neuesten Zeit weit vorgeschrittene
Kcnntniß der Geschichte der alten Völker hat den Griechen
aber einen richtigeren Standpunkt angewiesen. Wir er-
kennen jetzt die alte Welt an den Küsten des Mittelmeeres
als ein Ganzes, dessen einzelne Glieder enge mit einander
verbunden waren, volle Kenntniß von einander besaßen
und sich daher gewissen gegenseitigen Einwirkungen nicht
entziehen konnten. Wir kennen jetzt die Verbindungen der
seeknndigen Griechen mit den andern zum Theil hochge-
bildeten Völkern und begreifen nun, wie die ersteren, auf
die Jahrtausende langen Vorarbeiten anderer Bölker sich
stützend, ihre Entwickelung mit so schnellen Schritten zur
höchsten Votlendung führen konnten.

Von besonderer Anziehungskraft für die Griechen
war aber stets Aegypten. Sie kanuten und bewun-
derten die dortigen Kunstschöpfungen. Es liegt demnach
sehr nahe, daß sie sich bei ihren ersten Versuchen in der
Kunst von Liesen imponirenden Anschauungen nicht frei
halten konnten. Und dieser Einfluß ist auch jetzt noch
vielfach zu erkennen und nachzuweisen.

Aber auch abgesehen von dem Zusammenhange
mit der klassischen Kunst der Hellenen hat die altägyp-
tische Kunst an sich begründeten Anspruch auf ein hohes
Interesse und nähere Betrachtung, deun sie bietet ein eigen-
thümliches und scharf ausgeprägtes Bild von der künst-
lerischen Entwickelung eines Bolkes, welches Jahrtau-
sende lang an der Spitze der civilisirten Welt stand.
Die Geschichte Aegyptens kann man bekanntlich mit l

voller Sicherheit bis über dreitausend Jahre v. Chr.
zurückverfolgen, bis in eine Zeit, wo das Nilvolk räum-
lich wie zeitlich als Oase in der Weltgeschichte erscheint,
ohne Rivalen, ohne Nachbarn, von welchen uns irgend
welche Kunde erhalten wäre. Und zwar bricht der Strom
lehrreicher Zeugnisse von der Kunstthätigkeit der alten
Aegypter gleich von Anfang an so reich und mannigfaltig
hervor, als stünden wir nicht am Beginn, sondern am
Ende einer langen Entwickelung, welche diesen Zuständen
vorausgegangen sein muß. Und so war es in der That.
Aber diese lange Zeit fortschreitender Bolksbildung können
wir in ihrer Entwickelung noch nicht verfolgen; wir er-
kennen sie nur in ihren Resultaten. Damit ist jedoch
nicht gesagt, daß Aegypten die Wiege aller höhern Geistes-
bildung sei. Die Sprache der Aegypter deutet vielmehr
auf Asien zurück, von wo das Volk den Grundstein seincr
Kultur nach Aegypten mitgebracht haben wird.

Die durchgängige Eigenartigkeit der altägyptischen
Kunst, welche in allen ihren Theilen mit der eigen-
thümlichen Natnr des Landes und seines wunderbaren
Stromes auf's Engste verbunden ist, und die rationelle
Ursprünglichkeit der ganzen Kunstbildung lassen darauf
schließen, daß sie eine originelle war.

Und diese altägyptische Kunst wird für immer die
weitaus älteste bleiben, welche unserer Forschung zu-
gänglich ist, weil, selbst wenn die urasiatische Civilisation
sich in Gebilden der Kunst ausgeprägt haben sollte, alle
Reste derselben wegen der klimatischen und anderer lokalen
Verhältnisse in Asien für immcr untergegangen sind. In
z Aegypten dagegen sind alle äußern uud innern Bedin-
: gungen vorhanden, welche nicht nur zur frühesten Ent-
stehung und glücklichen Entwickelung der Kunst, sondern
z auch zur längsten Dauer ihrer Schöpfungen geeignet
sind. Dazu gehörr eine Fülle des mannigfaltigsten
Materials an Stein, Erde, Holz, Papyrus u. s. w. für
Denkmäler jeder Art, dann dasjenige Klima, welches für
Konservation derselben so geeignet ist, wie kein anderes.

Dazu kommt eine ursprüngliche, innere Bcfähigung
der Aegypter znr Künst, welche aus keinen äußern Ver-
hältnissen abgeleitet werden kann, sondern dem Volke
angeboren ist.

Jn der angedeuteten Weise schildert R. Lepsins,
der berühmte Berliner Aeghptologe, der auch die politische
Geschichte des alten Aegyptens zuerst auf ein festes Fun
dament gestellt hat, in dem ersten Theile der vorliegenden
akademischen Abhandlung, welche unter vbigem Titel
vorKurzem erschienen ist, die hohe Wichtigkeit der ägyp-
tischen Kunst als nachweisbar älteste Kunst überhaupt und
als Vorstufe der griechischen Künst, „wclche sür immer
den Mittelpunkt und Maßstab für Kunstgeschichte und
Kunstbetrachtung bilden wird". und ihre Prinzipien, und
erklärt dieselben aus den gegebenen Verhältnissen. Ge-
legentlich einer Charakteristik derselben trilt er mit Ent-
schiedenheit dem Verfahren derjenigen Forscher entgegen,
welche iinmer nur bemüht sind, zu zeigen, was, im Ber-
gleich mit den Griechen, die Aegypter nicht erreicht haben,
statt — was freilich viel schwerer ist — darzulegen, was
sie Positives leisteten.

Jm zweiten Theile der Abhandlung geht der Verfasser
dann auf sein eigentliches Thema, die Darstellung der
Entwickelung einiger der wichtigsten architektonischen
Kunstformen über. Es istdies ein Gegenstand, welcher
ihn seil Beginn seiner Studien lebhaft interessirt hat.
loading ...