Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — 8.1873

Page: 169_170
DOI article: DOI Page: Citation link: 
https://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/kunstchronik1873/0090
License: Free access  - all rights reserved Use / Order
0.5
1 cm
facsimile
VIII. Jahrgang.

Seitrügc

sind an Or. C. v. Lützow
(Wien, Theresianumg.
25) od.an dieVerlagsh.
(Leipzig, Kö'nigsstr. 3)
zu richten.

27. Drrembcr

Nr. 11?

Inftrate

L 2<l2 Sgr. sür die drei
Mal gespaltene Petit-
zeile werden von jeder
Bnch- und Kunsthand-
lung angenominen.

1H72.

Beiblatt zur Zeitschrist für bildende Kunst.

Dies Blatt, jede Woche am Freitag erscheinend, erhalten die Abonnenten der „Zeitschrift für bildende Kunst" sratis; für sich allein bezogen
kostet der Jahrgang 3 Thlr. sowohl im Buchhandel wie auch bei den deutschen und österreichischen Postanstalten.

Jnhalt: „Die Wiedertaufe im Berliner Museum." — Nottmann's Fresken in den Münchener Arkaden. — Th. Fournier -s. — Münchener Kunst-
verein (Schluß); Hamburger Kunstverein; Düsseldorfer Ausstellungen; Aachen, permanente Ausstellung. — Julius Bayerle. — Zeitschriften.
— Neuigkeiten des Buch- und Kunsthandels. — Inserate.

„Die Medertaufe im Gertiner Museum"-).

Anlaß zu diesen Zeilen bietet mir ein Aufsatz in Nr.
46 der Zeitschrift „Jm neuen Reich", der den obigen
frappanten Titel führt und den Herausgeber derselben,
vr. Alfred Dove. zum Verfasser hat.

Jch hege für letzteren aufrichtige persönliche Hoch-
achtung; um so weniger wird derselbe es mir verargeu,
wenn ich es, so sehr ich mich auch vom Gegentheile zu
überzeugen versucht habe, für meine unumgängliche Pflicht
halte, auf seinen Aufsatz zu erwiedern, und zwar in meiner
doppelten Eigenschaft als Kunstforscher und als Journalist
(ich scheue allen Pedanten zum Trotz diese Bezeichnung
nicht).

Als Kunstforscher kann ich es nicht ohne Rüge mit
ansehen, daß Jemand, dessen schriftstellerische Thätigkeit
die allgemcinste Beachtung verdient und genießt, noch jetzt
fortfährt, das schlechte Beispiel zu geben, die kunstwissen-
schaftliche Domaine als herrenloses Gut und Allerwelts-
tummelplatz anzusehen und zu benutzen. Als Journalist
aber muß ich es bedauern, daß ein hervorragender Schrift-
steller, der Leiter eines unserer angesehensten Blätter, da-
durch, daß er dilettantischer Schnellfertigkeit auf einem ihm
unbekannten Gebiete die Zügel schießen läßt, dem Geschrei

*) Wir bringen diesen Aufsatz noch, obgleich inzwischen schon
die Zeitschrist „Jm neuen Reich" selber in ihrer Nr. 49 einc
Entgegnung Alfred Woltmambs in gleichcm Sinne „Zu Ehren
Waagen's" publicirt hat, weil uns einige der hier aufgestellten
Gesichtspunkte, die in jenem Blatte nicht zu vertreten waren,
immer noch werth erscheinen, geltend gemacht zu werden.
Bemerken wollen wir außerdem, daß sich das Vorliegende bereits
seit dem 20. November in unserer Hand befindet.

Anm. d. Herausg.

der wissenschaftlichen Herrenhäusler über und gegen den
Journalismus willkommeue Nahrung züführt.

Der angezogene Artikel liefert ein Bild, das mit
großem Geschick der Darstellung aus vereinzelten Zügen
zusammengesetzt ist, wie sie in gewissen Kreisen am Bier-
tisch mit Vorliebe wiederholt und weiter übertragen werden,
ohne daß sie dadurch richtiger in ihrem thatsächlichen Jn-
halte und gerechter, berechtigter in der Art dcs Urtheilens
geworden wären. Zielscheibe der eleganten kritischen
Uebung ist nämlich der verstorbene Waagen, seine
Bilderkenntniß und seine Kataloge, insbesondere der
Berliner.

„Die Wissenschaft" — erzählt uus A. Dove— „blieb
weder mit ihm noch bei ihm stehen." Jeder Mensch, der
die Sache kennt, weiß, welches schreiende Unrecht damit
dem alten Waagen angethan wird. Daß ein hervor-
ragender Spezialist nicht allen Erweiterungen und neuen
Wegen der Gesammtwissenschaft vollständig folgt, kommt
ja wohl auch in anderen Disciplinen vor und gilt nicht
als Kapitalverbrechen. Waagen aber war gerade darin
ausgezeichnet, daß er sich überall auf dem Laufenden zu
erhalten strebte, und daß er selbst sür das, was ihm selber
fern lag oder verschlossen war, (beispielsweise für die in
der Kunstwissenschaft immer mehrbetonte Formvollendung
in der Darstellung) Verständniß und Anerkennuug hatte.
Jn seiner Specialität aber besonders ist er nichts weuiger
als stehen geblieben. Das Gegentheil zu behaupten, dazu
gehört jene Unbefangenheit, die stch nur im Stande der
Unkenntniß bewahren läßt. Von Werk zu Werk ist er
gewachsen. Und — da ihm leider Mündler und Bürger
sehr bald in die Ewigkeit nachgefolgt sind — wer konnte
(und ich möchte fast sagen: wer kann) sich denn als Bilder-
kenner mit ihm vergleichen außer Crowe und Cavalcaselle,
loading ...