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Die Baugeschichte Berlins von Alfred Woltmann.
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Backsteingothik" gehörig. Bon Profanbauten des Mittel-
alters ist nur noch die alte Gerichtslaube übrig, die
kürzlich ,einem übel angebrachten Terrorismus weichen
mußte; sie hat mit Beseitigung der späteren Zuthaten
und mit den nothwendigen Restaurationen eine Stelle
hinter Schloß Babelsberg bei Potsdam gefunden. —
Unter den Hohenzollernschen Kurfürsten nimmt besonders
der Bau des Schlosses an der Spree unser Jnterefse in
Anspruch. An bie Schöpfung der verschiedenen Theile
desselben, die jedoch durch Schlüter eine gänzliche Umge-
staltung erfuhren, knüpfen sich die Namen einzelner Bau-
meister, so des Caspar Theiß unter Joachim II., mit dem
die Einführung der Renaissance in Berlin beginnt, des
Hans Räspell, der eine untergeordnetere Stellung einge-
nommen zu haben scheint, vor allen der des ritterlichen
Grafen Rochus zu Lhnar unter Johann Georg (1578),
welcher als Diplomat, Jngenieur, Feldmarschall uud
Architekt mit gleichem Glücke thätig war. Da man einst
seine Baumeisterschaft als mit der Standesehre nicht ver-
träglich angriff, erwiderte er stolz, daß er sich „solches
zu großen Ehren und Ruhm achte." — Bei seinen Bauten,
die sich durch große Solidität auszeichnen, wendete er
namentlich Pirnaischen Sandstein an.
Die durch den dreißigjährigen Krieg unterbrochene
Bauthätigkeit wurde von dem großen Kurfürsten wieder-
aufgenommen. Er war es, der den Grund zu den Samm-
luugen des jetzigeu Museums legte, er rief Künstler aller
Art nach Berlin, holländische Maler (Honthorst, Zee-
mann), Baumeister (Memhard, den Erbauer des Schlosses
Oranienburg), und Bildhauer (Frans Dusart). Das
Schloß zu Potsdam erbaute der Piemontese Philipp de
Chieze, den Marstall der Holländer M. Smids. Aus
Holland stammte wahrscheiulich auch Johann Arnold
Nering, der bedeutendste Architekt unter dieser Regierung.
Seiue Thätigkeit war äußerst glänzend und ausgedehnt:
er baute den Mühlendamm, die lange Brücke, das Fürsten-
haus in der Kurstraße, Theile des Schlosses und eine
Anzahl andrer Gebäude, welche jetzt verschwunden sind.
Von ihm rührt auch der ?rste Entwurf des Zeughauses
her, welches seine gegenwärtige Gestalt durch Johann
de Bodt, seinen plastischen Schmuck durch den großen
Schlüter erhielt. Von hier datirt sich eine neue künst-
lerische Epoche für Berlin. Jener große, aus seiner öden
und leeren Zeit gigantisch hervorragende Genius verstand
es, der architektonischen Physiognomie Berlins seine ur-
eigenen Züge aufzuprägen. Vielfach mißverstanden und
angefeiudet von einer Zeit, in der das Jnteresse für die
Werke der Kunst noch nicht in der gesunden Masse des
Bürgerthums wurzelte, sondern mehr oder weniger eine
Treibhauspflanze der Hofluft, ein Modeartikel wie chine-
sisches Porzellan war, mußte er endlich einem schlechteren
Mann (Eosander von Göthe) weichen. Doch flocht ihm
die Nachwelt reichlich seine Kränze. Der großartige Ban
des Berliner Königsschlosses, mit Ausschluß des Portals
nach der Schloßfreiheit, der Palast des Grafen Warten-
berg (alte Post) und eine Anzahl anderer Privathänser, die
imponirend aus der Masse der langweiligen Mieths-
kasernen und der überladenen Renaissancebauten der
Gegenwart hervortreten, zeugen für die Größe desMannes
mehr als Worte es vermögen. Besonders lehrreich ist
auch hier der Kontrast mit bedeutenderen modernen Bau-
lichkeiten, z. B. des Stadtschlosses mit dem gegenüber-
liegenden sog. rothen Schloß (von Ende und Boekmann),
welches an einer anderen Stelle seine volle Wirkung
sicherlich nicht verfehlen würde. So aber erscheinen seine
zierlichen, schönen Proportionen, seine stattliche Facade den
gewaltigen und effektvollen Verhältnissen des Schlüterschen
Meisterwerkes gegenüber kleinlich und unbedeutend. Für
uns sind die Werke jenes genialen Künstlers, seine pla-
stischen wie seine architektonischen, ein unwiderleglicher
Beweis mehr für die oft genug verkannte Wahrheit, daß
nicht die große Zeit ihre Männer schafft, sondern daß sich
der wahre Genius entfaltet, auch vhne seinen Jmpuls
von den Regungen einer großen Zeit zu erhalten.
Unter Friedrich Wilhelm I. herrschte der absolute
Nutzbau vor: Kirchen, Kasernen, Verwaltungsgebäude
und brauchbare HLuser für Spießbürger, nur sehr ver-
einzelt Paläste für adlige Bewohner, in denen sich noch
die Traditionen der Schlüterschen Schule äußerten, —
darauf beschränkten sich die Produktionen dieser nüchternen
streugen Zeit, in welcher der Zopf sein Regiment führte,
während bereits in Dresden das Rococo in dem Zwinger,
dieser „Champagnerlaune der Baukunst", seine phanta-
stischen Blüthen trieb.
Mit Georg Wenzeslaus von Knobelsdorff, feierte
das Rococo seinen Einzug in Berlin. Er beschränkte es
jedoch mehr auf die Jnnendekoration: hier ließ er es in
überwuchernder Fülle schrankenlos und doch stets geschmack-
voll walten. Jn ihrer äußeren Gestaltung zeigen die
Bauwerke Knobelsdorfs's eine edle Schlichtheit. Seiner
Neigung für die klassische Kunst vermochte er gegenüber
dem herrschenden Zeitgeschmack am reinsten im Opernhause
(1743 vollcndet) Ausdruck zu geben. Der Neubau des-
selben nach dem Brande von 1843 (ausgeführt vou Lang-
hans) hat den ursprünglichen Plan Knobelsdorfs's im
Wesentlichen nicht alterirt. Nur die inneren Räume
wurden gänzlich umgestaltet, leider ging damit auch der
glänzende Rococoschmuck Knobelsdorfs's verloren. Wie
die äußere Ausstattung beweist, wagte es Knobelsdorsf zu-
erst wieder in seiner Zeit zu den einfachen Formen des Alter-
thums zurückzukehren. Vielleicht wäre er auf dieser Bahn
siegreich fortgeschritten, wenn ihm nicht sein königlicher
Bauherr, welcher selbst „Facaden imZeitgeschmacke leidlich
zu entwerfen verstand," hindernd in den Weg getreten
wäre. Diese Widersprüche zeigten sich bei dem Bau des
Potsdamer Schlosses, dessen Jnnendekoration dem franzö-
Die Baugeschichte Berlins von Alfred Woltmann.
412
Backsteingothik" gehörig. Bon Profanbauten des Mittel-
alters ist nur noch die alte Gerichtslaube übrig, die
kürzlich ,einem übel angebrachten Terrorismus weichen
mußte; sie hat mit Beseitigung der späteren Zuthaten
und mit den nothwendigen Restaurationen eine Stelle
hinter Schloß Babelsberg bei Potsdam gefunden. —
Unter den Hohenzollernschen Kurfürsten nimmt besonders
der Bau des Schlosses an der Spree unser Jnterefse in
Anspruch. An bie Schöpfung der verschiedenen Theile
desselben, die jedoch durch Schlüter eine gänzliche Umge-
staltung erfuhren, knüpfen sich die Namen einzelner Bau-
meister, so des Caspar Theiß unter Joachim II., mit dem
die Einführung der Renaissance in Berlin beginnt, des
Hans Räspell, der eine untergeordnetere Stellung einge-
nommen zu haben scheint, vor allen der des ritterlichen
Grafen Rochus zu Lhnar unter Johann Georg (1578),
welcher als Diplomat, Jngenieur, Feldmarschall uud
Architekt mit gleichem Glücke thätig war. Da man einst
seine Baumeisterschaft als mit der Standesehre nicht ver-
träglich angriff, erwiderte er stolz, daß er sich „solches
zu großen Ehren und Ruhm achte." — Bei seinen Bauten,
die sich durch große Solidität auszeichnen, wendete er
namentlich Pirnaischen Sandstein an.
Die durch den dreißigjährigen Krieg unterbrochene
Bauthätigkeit wurde von dem großen Kurfürsten wieder-
aufgenommen. Er war es, der den Grund zu den Samm-
luugen des jetzigeu Museums legte, er rief Künstler aller
Art nach Berlin, holländische Maler (Honthorst, Zee-
mann), Baumeister (Memhard, den Erbauer des Schlosses
Oranienburg), und Bildhauer (Frans Dusart). Das
Schloß zu Potsdam erbaute der Piemontese Philipp de
Chieze, den Marstall der Holländer M. Smids. Aus
Holland stammte wahrscheiulich auch Johann Arnold
Nering, der bedeutendste Architekt unter dieser Regierung.
Seiue Thätigkeit war äußerst glänzend und ausgedehnt:
er baute den Mühlendamm, die lange Brücke, das Fürsten-
haus in der Kurstraße, Theile des Schlosses und eine
Anzahl andrer Gebäude, welche jetzt verschwunden sind.
Von ihm rührt auch der ?rste Entwurf des Zeughauses
her, welches seine gegenwärtige Gestalt durch Johann
de Bodt, seinen plastischen Schmuck durch den großen
Schlüter erhielt. Von hier datirt sich eine neue künst-
lerische Epoche für Berlin. Jener große, aus seiner öden
und leeren Zeit gigantisch hervorragende Genius verstand
es, der architektonischen Physiognomie Berlins seine ur-
eigenen Züge aufzuprägen. Vielfach mißverstanden und
angefeiudet von einer Zeit, in der das Jnteresse für die
Werke der Kunst noch nicht in der gesunden Masse des
Bürgerthums wurzelte, sondern mehr oder weniger eine
Treibhauspflanze der Hofluft, ein Modeartikel wie chine-
sisches Porzellan war, mußte er endlich einem schlechteren
Mann (Eosander von Göthe) weichen. Doch flocht ihm
die Nachwelt reichlich seine Kränze. Der großartige Ban
des Berliner Königsschlosses, mit Ausschluß des Portals
nach der Schloßfreiheit, der Palast des Grafen Warten-
berg (alte Post) und eine Anzahl anderer Privathänser, die
imponirend aus der Masse der langweiligen Mieths-
kasernen und der überladenen Renaissancebauten der
Gegenwart hervortreten, zeugen für die Größe desMannes
mehr als Worte es vermögen. Besonders lehrreich ist
auch hier der Kontrast mit bedeutenderen modernen Bau-
lichkeiten, z. B. des Stadtschlosses mit dem gegenüber-
liegenden sog. rothen Schloß (von Ende und Boekmann),
welches an einer anderen Stelle seine volle Wirkung
sicherlich nicht verfehlen würde. So aber erscheinen seine
zierlichen, schönen Proportionen, seine stattliche Facade den
gewaltigen und effektvollen Verhältnissen des Schlüterschen
Meisterwerkes gegenüber kleinlich und unbedeutend. Für
uns sind die Werke jenes genialen Künstlers, seine pla-
stischen wie seine architektonischen, ein unwiderleglicher
Beweis mehr für die oft genug verkannte Wahrheit, daß
nicht die große Zeit ihre Männer schafft, sondern daß sich
der wahre Genius entfaltet, auch vhne seinen Jmpuls
von den Regungen einer großen Zeit zu erhalten.
Unter Friedrich Wilhelm I. herrschte der absolute
Nutzbau vor: Kirchen, Kasernen, Verwaltungsgebäude
und brauchbare HLuser für Spießbürger, nur sehr ver-
einzelt Paläste für adlige Bewohner, in denen sich noch
die Traditionen der Schlüterschen Schule äußerten, —
darauf beschränkten sich die Produktionen dieser nüchternen
streugen Zeit, in welcher der Zopf sein Regiment führte,
während bereits in Dresden das Rococo in dem Zwinger,
dieser „Champagnerlaune der Baukunst", seine phanta-
stischen Blüthen trieb.
Mit Georg Wenzeslaus von Knobelsdorff, feierte
das Rococo seinen Einzug in Berlin. Er beschränkte es
jedoch mehr auf die Jnnendekoration: hier ließ er es in
überwuchernder Fülle schrankenlos und doch stets geschmack-
voll walten. Jn ihrer äußeren Gestaltung zeigen die
Bauwerke Knobelsdorfs's eine edle Schlichtheit. Seiner
Neigung für die klassische Kunst vermochte er gegenüber
dem herrschenden Zeitgeschmack am reinsten im Opernhause
(1743 vollcndet) Ausdruck zu geben. Der Neubau des-
selben nach dem Brande von 1843 (ausgeführt vou Lang-
hans) hat den ursprünglichen Plan Knobelsdorfs's im
Wesentlichen nicht alterirt. Nur die inneren Räume
wurden gänzlich umgestaltet, leider ging damit auch der
glänzende Rococoschmuck Knobelsdorfs's verloren. Wie
die äußere Ausstattung beweist, wagte es Knobelsdorsf zu-
erst wieder in seiner Zeit zu den einfachen Formen des Alter-
thums zurückzukehren. Vielleicht wäre er auf dieser Bahn
siegreich fortgeschritten, wenn ihm nicht sein königlicher
Bauherr, welcher selbst „Facaden imZeitgeschmacke leidlich
zu entwerfen verstand," hindernd in den Weg getreten
wäre. Diese Widersprüche zeigten sich bei dem Bau des
Potsdamer Schlosses, dessen Jnnendekoration dem franzö-