Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — 8.1873

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Von Gotrfried Kinkel,

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reducirt haben. Viel Beifall fand bei dem italienischen
Publiknm der „Genius des Bcnjamin Franklin", vom
Cavaliere Giulio Monteverde in Rom (Nr. 64): in
deutscher Kunst miichten wir eiuen lustigen Burscheu, der
auf einer marniornen Kirchthurmspitze hockt und spottend
den Wetterstrahl am Blitzableiter hinablodern sieht, doch
für ein wunderliches Sinnbild des pennsylvanischen
Philanthropen halten. Zwei Bildhauer hatten die Ehreu-
Plätze: Magni mit einem kolossalen auferstaudenen
Christus als Gypsmodell, im blosten Mantel, sehr inipo-
sant (Nr. 31), und der verstorbene Caval. Giulio Ber
gonzoli von Canobbio mit einer Gruppe in Marmor,
der Engel, welcher die Peri in's Paradies trägt, nach
Moore's berühmten Gedicht („Ali umori äoAli unAioii",
Nr. 89). Letzteres Werk zeigte vielleicht am glänzendsten
die virtuose Seite der modernen Mailänder, nämlich die
unvergleichlich zarte und meisterliche Behandlung der ver-
schiedenen Oberflächen im Marmor, auf welche hier selbst
die Hilfsarbeiter des Bildhauers so einzig eingeübt sind.
Es ist dieß das Erbtheil der Schule von ihren großen
Vorgängern in aller Marmorarbeit aus dem 15. und 16.
Jahrhundert. Jn der Bildergalerie läßt sich auf den
ersten Blick ein verwandtes Streben bemerken. Alle ita-
lienischen Schulen sind jetzt realistisch und koloristisch ge-
sinnt. Jm Lande scheint die katholischc Religion für die
heilige Knnst nicht einmal soviel übrig zu haben, wie bei
uns die protestantische. Die Zahl religiöser Bilder ist
ganz auffallend klein, und nur gan; vereinzelt tritt wohl
eine Madonna auf, welche in die starke Farbe und den
strengern Stil der alten Schulen sich zu kleiden wagt.
Es fiel mir auf, daß die Jtaliener, die sonst ihre reiche
Natur von den Ausländern bewundern und malen ließen,
jetzt anfangen, stark in der Landschaft zu werden. Sie
sind dabei ganz naturtreu und malen Veduten: Achille
Formis in Mailand z. B. giebt neben einander die
Rückkehr einer fröhlichen Gesellschaft mit Kahnen vom
Lago di Varese, eine Scene im Abenddunkel aus Aegypten
und die Meeresküste bei Nizza, alle streng, wie das Auge
sie sieht, und es treten Bilder aus der Arbeit des Bolkes
in Feld und Weinberg auf, die eben so anheimelnd als
der Wirklichkeit treu sind. Die Geschichtsmalerei giebt
neben Scenen aus dem letzten Kriege auch vielfach Ge-
schichte Ler Vergangenheit. Daß ein Mailänder mit der
Erinnerung an unsern Barbarossa sich nie versöhnt, wird
Man begreifen; daß man aber in Jtalien eine Scene
seiner Grausamkeit gegen eine einzelue Frau malt, ist
entweder unhistorisch oder jedenfalls verspätet. Uud wenn
der Cavaliere Eleuterio Pagliano, Mitglied des Rathes
der Mailänder Akademie, iu einem Bilde, das deni könig-
iichen Hausbesitz angehört, die Oesterreicher bei der Er-
stürmung des Kirchhofs von Solferino als Feiglinge hin-
stellt, die ihrem Befehlshaber den Dienst versagen, so
haben wir ein Recht, uns zu beschweren; denn die Oester-

reicher haben sich in jenem Feldzuge uuglücklich, aber sie
haben sich anerkannter Maßen sehr tapfer geschlagen, und
der ruhmredige Patriotismus gehört allenfalls auf die
Tribüne, wo der Demagog seiuem Auditorinm schmeichelt,
aber in die Kunst gebildeter EuropLer gehört er nicht.
Gelegentlich greift die italienische Malerei dasür in sehr
neue und malerisch sehr verwerthbare Geschichtsmomeute
hinein. Cavaliere Tullo Massariui von Mailand hatte
im großen Lulons ein großes und höchst wirksames Bild
aufgestellt, die Zerstörung der Bibliothek von Alexandria
durch die Araber im Jahr 649 (Nr. 163). Jn einem
prachtvollen Therinensaal werdcn von cinem Jmam, neben
welchem cirkassische und turkomanische Krieger steheu, die
Bücher auf den Boden geworfen, um verbrannt zu iverden.
Besser sollten es wohl Papyrusrollen sein; gebuudene
Bücher brennen uicht, und man kann mit ihnen keine Bade-
stube heizen. Ncben der Zerstörung geht das alte Leben
des Lokales fort: eine byzantinische Fürstin mit ihrem
Pageu, eiue nur mit einem Flor bedeckte Hetäre, von Ne-
gern auf einem Tragsessel getragen, konimeu zum Bade;
eine Perseriu verkauft Früchte; christliche Gefangene be-
jammern den unersetzlicheu Verlust. Der Künstler hat
aus der Unwaudelbarkeit der Sitten im Orient den Vor-
theil gezogen, die schönen, jetzt dort noch bestehenden
Kostüme in jene Zeit übertragen zu dürfen, und so gelang
es ihm, eiue brillante uud fesselnde Scene hinzustellen.
Sehr wirksam war auch ein Bild von dem obengenaunteu
Pagliano (Nr. 512), wo eine junge Italienerin von
Stande auf einem Hofball zu Urbino dem wilden Mara-
maldo den Tanz abschlägt, weil er ein Mörder sei. Die
zeitgetreue Tracht und der Ernst des Mädchens, ihre
Mutter, die schöne italienische Matrone, der wilde Be-
werber — alle diese Gegensätze hoben sich gläuzend von
dem spiegelnden Boden ab, ohne daß doch die lebhafte
Farbe nnruhig wirkte. Den Ehrenplatz in der Bilder-
galerie, am Schluß der langen Perspektive, hatte Arnold's
von Brescia Zwiegespräch mit Papst Hadrian IV., nach
der Scene einer Tragödie Nicolini's von Alberto Maso
Gilli in Turin gemalt. Jn einem etwas leeren Gemach
— beide Gegner sind gauz allein gekommen — schreitet der
düstere Reformator eben aus dem Bilde heraus uns ent-
gegen, während der Papst ruhig auf dem bcguemen Sestel
verbleibt; jener ein energischer, schwer zn vergessender
Kopf, der Papst aber kaum bedeuteud genug, um die auch
geistige Macht jener priesterlichen Wahlmonarchie zu be-
zeichnen, der doch selbst die Hohenstaufeu erlegen sind.
Am tiefsten ergriffen das Gemüth zwei intime Scenen aus
dem Privatleben des letzten Jahrhunderts, von Alessandro
Rinaldi in Cremona. Auf dem eineu dieser Bilder sitzt
der Dichter Giuseppe Parini und erklärt als Hauslehrer
zwei feinen Junkeru cine Stelle des Horaz, während die
Mutter mit einem Autheil zuhört, der über den Horaz zu
dem jugendlichen Abbate hinausschweift. Die kleidsame
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