Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — 8.1873

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VIII. Jahrgang.
Gekträge

sind an llr. C. v. Liltzow
<Wie«, Theresianumg.
2S) od.an dieVerlagsh.
lLeip;ig, KönigSstr. S>
zu richten.

8. Ilovember

Nr. 4.
Änscrate

d. Sgr. für die drei
Mal gespaltene Petit-
zeile werden von jeder
Buch- und Kunsthand-
lung angenommen.

1872.

Bciblatt zur Zcitschrist sür liildeude Kunst.

DieS vlatt, jede Woche am Freitag erscheinend, erhalten die Abonnenten der „Zeitschrift für Ltldende Knnst" gratis; für sich allein bezogen
kostct der Jahrgang S Thlr. sowohl im Buchhandel wie auch bei den deutschen und österreichischen Postanstalten.

Jnhalt: Die Konkurrenz-Entwürfe zum National-Denkmale auf dem Niederwalde. — Weibliche Kunstschule in München. — Ausstellungen: Wiener
KünstlerhauS: Düsseldorf. — R. Brend'amour; Aug. Wittig. — Berichte vom Kunstmarkt: Berstetgcrung Durazzo. — Neuigkeiten
des Buch- und Kunsthandels. — Jnserate.

Die Konkurrens-Entwürft pun Mational-
Denkmate aus dem Mederwatde.

Nach Beendigung des großen Kriges war es ein
natürlicher Gedanke, der sich alsbald in den verschieden-
sten Kreisen und Gegenden geltend machte, für ganz
Deutschland eine Erinnerung an die großen, folgeschweren
Ereignisse der beiden gewaltigen Jahde zu stiften. Für
ein zu diesem Zwecke zu erbauendes Denkmal galt es den
geeigneten Platz zu finden. Nach einigen Schwanken einig-
ten sich die Stimmen für den Niederwald, den an-
muthigen Höhenzug zur Rechten des Rheins, Bingen
gegenüber, der mit seinen waldigen Gipfeln und rebenbe-
pflanzten Abhängen jeden Rheinreisenden freundlich grüßt.
Ein Komit6, bestehend aus bekannten und geachteten Na-
men der verschiedensten Gaue Deutschlands, trat alsbald
zusammen, um den Zweck zu verwirklichen; man begann
Geld zu sammeln, (freilich ist erst der vierte Theil der beab-
sichtigten Summe beisammen) und erließ ein Konkurrenz-
ausschreiben, um die Künstler Deutschlands zur Theil-
nahme aufzufordern. Der Wortlaut dieses Ausschreibens
ist in Nr. 12 der Kunstchronik des vorigen Jahrgangs
S. 218 nachzulesen. Die wichtigsten Punkte desselben
sind folgende: Ueber den Charakter des Entwurfs, ob
architektonisches oder plastisches Werk, ist dem Künstler
völlig freie Wahl gelassen; als Standort ist zunächst der
Leingipfel, 500^ über dem Rhein, gedacht. Doch sind
andere Punkte desselben Höhenzuges nicht ausgeschlossen.
Die Kosten des Denkmals, Inol. Aufstellung, dürfen bis
zu 250,000 Thlr. betragen; die Konkurrenz ist anonym.

Das Auffallendste an diesen Bestimmungen ist offen-
bardie gänzlicheUnbestimmtheit des Charakters,
den das Kunstwerk haben soll. Es war möglich und

meiner Meinung nach ganz unerlaßlich, zunächst die Frage
zu entscheiden, ob ein architektonisches oder ein pla-
stisches oder eine Kombination beider, ja vielleicht
aller drei Schwesterkünste gewählt werden solle. Auch
bietet die Entscheidung keine so großen Schwierigkeiten.
Der Standort, der gewählt wurde, beweist schon, daß
das Denkmal nicht nur für den Besucher in der Nähe,
sondern vor Allem für die auf der vielbenutzten Wasser-
straße vorbeipassirenden Reiseuden bestimmt sein soll.
Mag man nun den Leingipfel oder einen anderen Punkt
des Gebirges wählen: ein rein plastisches Kunstwerk in
Erzguß, welches aus der Fernewirkensoll, muß so kolossale
Dimensionen haben, daß die ausgeworfene Summe nicht
genügen würde. Man mußte also wohl, um den Effekt
für die ferner stehenden Zuschauer zu erreichen, zunächst
zur Architektur greifen; dieselbe war indessen allein nicht
im Stande, alle Beziehungen des Denkmals zu der Ver-
anlassung seiner Gründung auszudrücken, und hier mußten
dann die Schwesterkünste ergänzend eintreten; der Effekt,
der durch diese bewirkt wird, wäre natürlich ausschließlich
oder vorzugsweise für die Reiseuden berechnet, die sich die
Mühe nicht verdrießen lassen würden, bei Rüdesheim das
Dampfboot zu verlassen und den steilen Weg zwischen den
Weinbergen hinaufzuklettern. So ergab sich die natür-
liche Theilung: Architektur für die Wirkung in die Ferne,
Plastik, vielleicht auch Malerei, für den nahen Zuschauer.

Jch lasse es ganz dahingestellt, ob diese Bestimmung
der Aufgabe, wie ich sie versucht habe, die einzig richtige
oder mögliche ist, aber ich behaupte, daß das Komitü in
irgend einer Weise die Aufgabe hätte fixiren müssen, ehe
es au die Ausschreibung der Konkurrenz ging. Beran-
lassung zu dieser Nnterlassungssünde scheint auch weit
mehr die Unsicherheit und Unklarheit der Konkurreuzaus-
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