Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — 8.1873

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Beiblatt zur Zeitschrist für bildende Kunst.

VIII. Jahrgang.

Äeiträge

sind an vr. C. v. Lützow
(Wien, Theresianumq.
25) od. an die Berlagsh.
(Leipsig, Königsstr. 3)
zu richten.

Nr. 21.
Inscrate

L 2^ Sgr. für die drei
Mal gespaltene Petit-
zeile werden von jeder
Guch- und Kunsthand-
lung angenommen.

1873.

Dies Blatt, jede Woche am Freitag erscheinend, erhalten die Abonnenten der „Zeitschrift sür bildende Kunst" gratis; für sich allein bezogen
kostet der Jahrgang 3 Thlr. sowohl im Buchhandel wie auch bei den deutschen und österreichischen Postanstalten.

Jnhalt: Eine Holbein-Zeichnung. — Korrespondenz aus Bremen. — Kraus, Die christliche Knnst in ihren frühesten Anfängen. — Nekrologe:

I. A. Ames; Ad. P Close; S. C. Stelson. — Archäologische Gesellschaft in Berlin. — Goetbe's Faust von A. Krelin'g. — Moltke-Denk-
mal-Komitö; Eötvös-Monument. — Dnsseldorf: Ausstellun.gen von E. Schulte und Bismeyer ck Kraus; Kölniscker Kunstverein;
Münchener Kunstverein; Hamburger Kunstverein. — Altargemälde für die Kirche zu Heerd von Lauenstein; Naffael's Madonna aus dem
Hause Temvi, gestochen von Prof. Naab; Naffaels Madonna mit dem Kinde und den heillgen Franziskus und Hieronymus, gestochen
von Prof. Hoffmann. — Auktions-Katalog von C. G. Börner. — Inserate.

Eine Holbein-Zeichnung.

Auf einer Bersteigerung im Hötel Drouot zu Paris
hat Herr B. Suermondt für seine Sammlung in Aachen
kürzlich eine der Kunstwissenschaft noch unbekannte Zeich-
nung von Holbein für die Summe von 7050 Francs
erstanden. Der Preis ist außerordentlich hoch, aber die
Arbeit, die mir durch die Güte des Besitzers im Original
vorliegt, ist auch von ungewöhnlicher Schönheit. Sie
zeigt den Kopf eines Mannes, dreiviertel lebensgroß, das
Gesicht zu drei Vierteln, gcgen rechts lvom Beschauer)
blickeud, mit ziemlich plumper Nase, blanen Augen, kasta-
nienbraunem Haar und hellerem braunem Bart. Die
Züge erinnern mich, soweit ich meinem Gedächtniß trauen
darf, an Charles Wingfield auf Kimbollon Castle in
Huntingdonshire, der in der Windsor-Sammlung vor-
kommt und da von dem Künstler mit entblößter haariger
Brust gezeichnet worden ist. Aber das bedarf noch ge-
nauerer Prüfung; ich habe keine Photographie des Wind-
sor-Blattes zur Hand. Das Suermondt'sche Blatt ist
aber keine leicht angelegte Stndie, sondern zeichnet sich
durch ungewöhnliche Durchführung in Deckfarben, wenig-
stens in Gesicht und Haaren, aus. Nur das Ohr ist
etwas flüchtiger behandelt, der Anzug bloß durch einige
Striche angedeutet. Zeichnungen von dieser Sorgfalt
der Durchführung kommeu höchst selten von Holbein's
Hand vor. Nur bei dem Bildniß von John Godsalve
in Windsor ist das wenigstens annähernd der Fall. Mit
inimer neuer Bewunderung muß man auf die unerreichte
Plastik der Modellirung, die vollendete. scharfe Zeichnung
des Mundes, der Angen u. s. w. blicken, und doch sind
die Flächen wieder mit voller malerischer Breite durch-

geführt, und Alles ist mit den einfachsten Mitteln erreicht.
Bei aller Sorgfalt in Haar und Bart sind doch auch hier
die Ausläufer mit ächt malerischem Gefühl behandelt.
Dabei hebt sich der Kopf mit einem breiten, energisch mar-
kirten Kontour vom Hintergrunde ab. Einigemale, an
Stirn und Wange, ist mit der Farbe über den Umriß
hinausgefahren, auch am Obertheil des Kopfes kommen
einige Pentimenti vor. Bei aller Schlichtheit des Aus-
druckes kommt doch das Jndividuelle in seltener Energie
und Macht des inneren Lebens zur Geltung. Der Ton
des sonnenverbraunten Gesichtes ist, bei sehr hellen Lich-
tern, von wuuderbarer Kraft. Diese Arbeit muß aus
Holbein's letzten Iahren stammen.

Die Zeichnung kam nnker Glas und Rahmen in
einer Sammlung von Antiquiräten und kunstindustriellen
Gegenständen des verstorbenen M. Le Roy Ladurie vor,
die am24. und25.Januar versteigert ward und figurirt im
Katalog unter ^Obsets vnriös 177. — övnn ässsin
reknussä, par Holbvin. — Dtztv ä'Iiowms äs trois (juarts
st touruäs ä äroito." Als der Auktionator im Begriff
stand, die Zeichnung um 700 Francs einem Herrn zuzu-
schlagen, von dem Herr Suermondt später erfuhr, daß er
einer der oousorvntours näsvints der Handzeichnungs-
sammlung im Louvre sei, begann der jetzige Eigenthümer
mitzubieten. Im Nu hatie man sich zu 5000 Francs
gesteigert. Daß der Gegner eines der ersten Museen der
Welt vertrat, spornte Herrn Suermondt noch mehr, er
stieg in kleinen Summen bis 6500 Francs. Da wollte
der Gegner einen starken Schlag führen und sagte 7000,
aber seine Grenze war erreicht, um 50 Francs mehr wurde
die Zeichnung dem deutschen Sammler zugeschlagen.

Alfred Woltmann.
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