Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — 18.1883

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Kunstlitteratur.

si

vvlle künstlerische Kraft zu entfalten, svndern daß ihm
die einfachste Natnr, das bescheidenste Jdyll geniigte,
wenn er einen Beweis seiner liebevollen Vertiefung in
die Gehcimnissc der Mntter Erde ablegen wvllte. Ans
Rügen, aus dem Harz, aus Helgoland, aus Misdroy,
aus Tirol, aus der Schweiz, von überall her, wohin
er seinen Wanderstab gesetzt, hat er Studien mitge-
bracht, welche zeigen, daß er Wald und Wasser, Berge
und Gletscher, kahle Ebnen nnd liebliche Thäler, dic
Fichte des Nordens, wie die Palme des Siidens mit
scharfem Blick sür individuellen Charakter und eigen-
tümliche Erscheinung darzustellen wußte. Auf sieben
Ansichten aus der Umgebnng von PotSdam, welche in
Wasserfarben ausgeführt sind, tritt wieder mehr der
Architekturmaler in den Bordergrund. Diese Blätter,
deren Entstehung wohl auf den Verkehr mit den dem
Maler freundlich gesinnten krvnprinzlichen Herrschaften
zurückzuführen ist, sind auch in Farbendruck reproduzirt
worden.

Nicht an letzter Stelle ist eine Anzahl von Figuren-
studien in Aguarell nnd Bleistist zu erwähnen, die
Wilberg sowohl von seinen itnlienischen Reisen, wie
von seiner großen Reise nach Pergamon mitgebracht hat.
Er unternahm die letztere auf die Einladung des Direk-
tors Conze im Jahre 1879. Während eines Aufenthaltes
von acht Wochen hat er mehr als hundert Studien
in Wasserfarben und Bleistift gesammelt, welche ge-
wissermaßen eine bildliche Geschichte der denkwürdigen
Ausgrabungen repräsentiren und zu dem lebensvollen
Berichte Humanns die schönste Ergänzung liefern. Er
hat nicht nur das Ausgrabungsterrain und seine Um-
gebung von allen Seiten aufgenommen, sondern auch
die verschiedenen Stadien der Ausgrabungen, den
Transport der grvßen Reliefplatten n. a. m. darge-
stellt. Es wäre zu wünschen, daß diese Sammlung
in den Besitz der königlichen Museen überginge, da-
mit diese Zeichnungen dermaleinst die Wände des zu-
künftigen Museums der pergamenischen Altertümer
schmllcken können.

Daß Wilberg die lange Zeit vernachlässigte Kunst
der Panvramen- und Prospektmalerei wieder gehoben
und veredelt hat, ist eines seiner größten Berdienste.
Eineni Panorama galt auch die Reise nach Frankreich,
auf welcher ihn der Tod ereilte. Mit Anton v. Werner
beabsichtigte cr die Schlacht von Sedan in einem
großen Rundbilde zu schildern, für welches er den land-
schaftlichen Teil übernommen hatte. Zu diesem Zwecke
wollte er mit seinem Kunstgenossen an Ort und Stelle
die nötigen Studien machen. Zuvor begab er sich
aber zum Besuche des „Salon" nach Paris, wo er
stlötzlich erkrankte und nach zwei Tagen starb. Er hatte
noch nicht sein 43. Lebensjahr vollendet.

Adolf Diosenlieig.

Aunstiitteratur.

Die Burgkapelle zu sZben in Nheinhessen. Aufge-
nommen von Studirenden der Architektur an der
Technischen Hochschule zu Darmstadt unter Leitung
von Prosessor E. Marx. Darmstadt, Verlag von
A. Bergsträßer. 1882. Fol. u. 8.

Das vcrdieustvolle Bestreben eiuer im erfreulichen
Wachstum begriffenen Anzahl von Lehrern der Bau-
kunst an den Technischcu Hochschulen, graphische Auf-
nahmen vaterländischer Baudenkmäler zum Mittelpunkt
kuustwissenschaftlicher Studien auf Ausflügeu mit ihrcn
Schülern zu machen, hat durch die obengenannte Ver-
öffentlichung eine schätzbare Bereicherung erfahren. Nur
auf diesem Wege, nicht aber wenn die Aufnahmen in
den Mappen verborgeu bleiben, gewinnen dergleichen
Arbeiten einen wirklichen Wert.

Die Publikation besteht aus neun autvgraphirten
Großfoliotafeln mit erläuterndeni Text in Großoktav,
welcher niit sachgemäßer Gründlichkeit und in gewandter
Diktion über die kunstgeschichtlicheu, stilistischen und
technischen Beziehungen der Kapelle und der daniit in
Berbindung stehenden Burganlage des Hofes Jben sich
verbreitct.

Wenu es erlaubr ist, Kleines mit Großem zu
vergleichen, so läßt sich ohne Bedenken sagen, daß der
Jbener Kapelle in kunstgeschichtlichem Betracht siir
Rheinhessen die gleiche Rolle zukommt, wie der St.
Elisabethkirche zu Mnrburg für das althessische Stamm-
land, der Cisterzienserkirche zu Marienstadt bei Hachen-
burg sür die Gegenden des Westertvaldes und der
Liebfrauenkirche zu Trier für die Mosellande. Der
Vergleich genügt zur Andeutung, daß wir es hinsicht-
lich der Zeitstellung der Burgkapelle zu Jben mit
einem frühgotischen Bauwerk aus der Mitte deS
13. Jahrhunderts zu thun haben. Dehnen wir den
Vergleich auf speziell innerhalb des Großherzogtums
Hessen gelegene Monumeute des ältern Stadiums der
«Gotik aus, so wird Jben annähernd gleichalterig zu er-
achten sein mit dem Ostchor der St. Katharinenkirche
zu Oppenheim, mit dem Chorhaupt der Pfarrkirche zu
Dieburg und mit der Stiftskirche St. Peter zu Wimpfen
im Thal. Die Analogie mancher Formen mit dem
letztgenannten Werk ist so groß, daß der mit diesen
Erscheinungen vertraute Beobachter den Eindruck er-
hält, auch der Jbener Meister müsse sich tüchtig in
Frankreich umgesehen und das opn.8 krg.noiAsnuin in
persönlicher Übung kennen gelernt haben, um an eine
Stelle des Wimpfener Bauberichts vom Schluß des
13. Äahrhunderts zu erinnern.

Es ist von dem Baudenkmal leider kaum mehr
als der Chvr mit Dachreiter erhalten. Allein das
Vvrhandeue ist iu sv hohem Grade geeignet, das kunst-
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