Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — 18.1883

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s8. Iahrgang.
Beiträge

sind an j?rof. Dr. L. r>on
Lützow (Mien, Tbere-
sianumgasse 25) oder an
die verlagshandlung in
Leipzig, Gartenstr. 6,
zu richteki.

2q>. 7Nai

Nr. 32.
Inserate

ä 25 ssf. für die drei

Buch- u.Aunsthandlung
angenommen.

s883.

Beiblatt zur Zeitschrift für bildende Kunst.


Manet -f; Lnüselli f; Ferd. de Brakeleer f. — i)reisverteilung für Lntwürfe von Bilderrahinen. - verteilung von Medaillen für ver-
dienste um das Bauwesen; Ld. Aumüller; Ruhn; H. Graf; R. ^eitz; A. Mayer; G. Max; A. Liezen - Mayer. — Münchener Aunst-
verein; Französische ^>orträtausstellung; Neue Gemälde wereschagins; Gallaits Geniälde „Die ^)eft von Tournai"; London. — Aus

Heidelberger Schlost; Die ^chillingschen Gruppen in Dresden; Grhöhung des amerikanischen Aolles auf Aunftwerke. — Bersteigerung von
I. G. v. Bandels künstlerischem Nachlaß; Rembrandts j)orträt des vr. A. Tholinr; versteigerung von ^chwanthalers künstlerischem
Nachlaß; 2Iuktion Milani. — Aeitschriften. — Inserate.

Die vierzehnte Ausstellung von A)erken alter
Akeister in Tondon.

Die guten alten Traditionen der Winteraus-
stetlnngcn in den Räumen der Royal Academy in
stondon sind in diesem Jahre ausnahmsweise modifi-
zirt worden. Jnsosern nämlich. als die „Olä Nastsrs"
diesmal, numerisch wenigstens, zurücktreten mußten
gegen die Werke von der Hand verstorbener einheimi-
schcr Maler. Die Landschaften, Geschichtsbilder und
Porträts von John Linnell, welche den Besucher der
Ausstellung in den beiden ersten Räumen begriißten,
dürfen wir hier wohl füglich übergehen, da es nicht
die Aufgabe der Zeitschrift sein kann, den Manifesta-
tionen des modernen Geschmackes in England anders
nls in ihren künstlerischen Spitzen nachzngehen. Grvßeres
Aufsehen als die Bilder von John Linnell erregte die
gleich umfangreiche Sammlung von Gemälden von
der Hand Dante Gabriel Rossetti's. Der Name
deutet auf italienische Abstammung, doch Rossetti war
in Ertgland geboren und hat Zeit seines Lebens Jtalien
nicht gesehen. Seinen litterarischen Verdiensten ist
immer die schuldige Anerkennung gezollt worden, aber
es scheint unmöglich, über seine Kunst ein von Leiden-
schaftlichkeit sreies Urteil zu fällen. Auf der einen
Seite steht Ruskin, der Stilist xar sxosllsnos. Diese
einflußreichste und somit erste Autorität der gebildeten
Masse rnft dem Dahingeschiedenen von seinem Kathe-
der in Oxford die Worte nach: „Rossetti's Name ge-
bnhrt nach meinem Dasürhalten der erste Platz anf der
Liste der Männer, welchen das Verdienst zukommt, den

Geist der modernen (englischen) Kunst umgewandelt und
einer höheren Entwickelungsstufe zngeführt zn haben
(rnissll, in absolnts attninnrsnt; elinnAsä, in äirsotion
ok tsinpsr). Dem gegenüber steht die Thatsache, daß,
so lange Rosietti lebte, die modernen Ausstellungen der
Royal Academy auch nicht cin einziges Bild des
Malers anfzuweisen hatten, daß seine Phantasie-
schöpsnngen nur im engsten Kreis wohlmeinender Lieb-
haber auf Absatz rechnen durften. Wenn es mir ge-
stattet ist, meiner eigenen, einer hier zu Lande vielleicht
isolirt dastehenden Kritik Rossetti's Worte zn verleihen,
so möchte ich vor allem es noch als eine osfene Frage
hinstellen, ob Rossetti's Kunst und der Geschmack an
derselben nicht viel mehr eine Phase der Kulturgeschichte
als der Kunstgeschichte im strengen Sinne des Wortes
bezeichnen. So viel ist gewiß, Rossetti war — um
mit den Worten seines Propheten Ruskin es auszu-
drücken — „die eigentliche centrale Geistesmacht, Vvu
der die Gründung der modernen romantischen Schule
in England ausging." Än gewisiem Betracht könnte
man diese Romantiker mit den Nazarenern der dcut-
schen Schule vergleichen. Sie selbst haben sich den
Namen der Präraffaeliten gegeben; denn — so glauben
sie und so lehrte Rossetti — von Raffael geht der
Schablonenstil aus, und so legte derllrbinate den Grund-
stein zum späteren Verfall der Kunst. Die Früh-
florentiner, insbesondere Lippi und Botticelli, sowie
Perugino, repräsentiren das nachahniungswerte Prinzip
der aufsteigenden Kunst. So ist denn Rossetti, wenig-
stens in den Augen seiner Verehrer, die moderne Jn-
larnation Botticelli's. Die Parallele ist gewagt, sehr
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