Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — 18.1883

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Ein Pseudo-Vermesr in der Berlmer Galerie.

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Umstande, daß Sandro sich zuerst an das Paradiso und
das Purgatorio machte, weil er die Hölle schon ein-
mal, fnr Baccio Baldini, behandelt hatte und sich die
Wiederholung deshalb bis zuletzt aufsparen wollte.
Vasari sagt, daß Botticelli bei seinen künstlerischen und
litterarischen Dantestudien viel Zeit vergeudet hätte, was
auch der Grund gewesen, weshalb er in schlechte Ver-
hältnisse geraten wäre. Sollte sich in dieser Mitteilung
nicht ein Nachklang der Erinnerung an jene großartige
Danteillustration erhalten haben, die erst jetzt wieder
an das Tageslicht gekonnnen ist? Die neunzehn Zeich-
nungen für Baldini können ihm unmöglich soviel Zeit
gekostet haben, wohl aber die lange Reihe von Blättern,
mit welchen er die Dantehandschrift versah, die viel-
leicht sein Eigentum gewesen ist und die er deshalb
mit dem Besten und Edelsten ausschmückte, was der
Reichtum seiner Phantasie, die Anmnt seiner Fvrmen-
sprache und die Tiefe seiner Empsindung hergeben
wollten. Sämtliche Zeichnungen sind zuerst mit
Silber- oder Metallstift entworfen und dann, zum
größeren Teile wenigstens, mit der Feder ausgeführt
worden. Ganz vollendet hat er die Arbeit auch in den
erhaltenen Partieen nicht. Denn es lag offenbar in seiner
Absicht, die Zeichnungen nach der Art der Miniatnren
mit Deckfarben zu koloriren. Bei einem Blatte, welches
die Öffnung des Höllenschlundes mit seinen Bewoh-
nern darstellt, hat er diese Absicht auch ausgeführt.
Mochte ihm selbst die Wirkung der bnnten Farben zu
hart, schreiend und unharmonisch erschienen sein, oder
ist er durch einen anderen Umstand von der weiteren
Durchführung seines Planes äbgehalten worden —
genug, dieses Blatt ist das einzige kolorirte geblieben.
Und zum Glück! Denn in keinem seiner Gemälde, weder
in seinen religiösen noch in seinen mythologischen, tritt
uns die künstlerische Jndividualität des Meisters so rein,
so ungetrübt und in so ausgiebiger Beredsamkeit ent-
gegen wie in diesen Zeichnungen. Es bedarf gar keines
äußeren Zeugnisses, um die Autorschaft Botticellis über
allen Zweifel zu erheben. Jeder Federstrich spricht
mit vollster Deutlichkeit für ihn. Wir wollen däbei
von den „fliegenden Gewändern", die man gewöhnlich
als ein Haupt - Charakteristikum des florentinischen
Meisters anführt, gänzlich absehen. Denn es giebt noch
ganz andere Erkennungszeichen, welche auf ihn weisen.
Da ist zunächst die eigentüniliche Grazie der Bewe-
gungen, die hvldselige Anmut der Frauenköpfe, dann
die himmlische Naivität der schwebenden Engelsköpfe
und das tiefandächtige Naturgefühl, welches sich in den
mit nur wenigen Mitteln ausgeführten Landschaften
offenbart. Auf der anderen Seite aber auch das
mangelnde Geftthl sür Einhcitlichkcit nnd Geschlossenheit
der Komposition, ein Mangel, der in diesen Zeichnungen
freilich durch das Bestreben des Künstlers entschuldigt

wird, dem Dichter auf seinen vielfach verschlungenen
Wegen zn solgen, die Höllenkreise nnd die Terrassen
des Purgatorio, kurz die ganze phantastische Geographie
der göttlichen Komödie dem Beschauer zu einer
möglichst klaren Anschauung zu bringen. Wie sehr ihm
diese Jllustration Herzenssache war, beweist auch der
Umstand, daß er stehen blieb, wo ihn eine Situation
besonders reizte. Oft hat er einem Gesange, besonders
Lenen, in welchen Beatrice eine hervorragende Rolle
spielt, mehrere Zeichnungen gewidmet, oft hat er gewisse
Situationen in verschiedene Stadien, nnr leise variirend,
aufgefaßt, während cr andere übergangen hat.

Verschiedene Anzeichen deuten darauf hin, daß er
lange Jahre an dieser Arbeit zugebracht hat. Sie be-
greift eine ganze Periode künstlerischer Entwickelung in
sich, und zwar diejenige, als er sich von feinem Meister
Fra Filippo freimachte, sich von Verrocchio und Polla-
juolo beeinflussen ließ und endlich die Eindrücke Roms
in sich verarbeitete. Es wird die Zeit von 1475—1490
gewesen sein, und aus diesem langen Zeitraum, auf
welchen sich die verschiedenen Zeichnungen verteilen,
erklärt sich ihre Verschiedenartigkeit, das Wachstum
von schüchterner Befangenheit bis zur höchsten freien
Entfaltung einer sicher auf sich selbst ruhenden künst-
lerischen Jndividualität. Waagen, der einzige der dieses
Werk bisher in der Knnstlitteratur, wenn auch nur ganz
flüchtig, erwähnt hat (IrsasnrW cck ^rt in 6rsut
Lritain III. p. 307), ist daher einem ganz richtigen
Gefühle gefolgt, indem er verschiedene Hände annahm.
Auf eine nähere Prüfung konnte er sich nicht einlassen,
weil ihn äußere Umstände zu einer sehr oberflächlichen
Besichtigung der Hamiltonschen Kunstsammlungen
zwangen.

Da wir voraussichtlich in der Lage sein werden,
unsern Lesern Reproduktionen von einer und der anderen
dieser Zeichnungen, welche sämtlich die freigebliebenen
Rückseiten der mit je drei Kolumnen Text beschriebenen
Pergamentblätter füllen, vorführen zu dürfen, wird sich
noch Gelegenheit bieten, auf dieses einzige Werk nach
erneuten Stndien zurückzukommen. — Jn einem zweiten
Artikel werden wir einen Blick auf die eigentlichen
Miniaturen werfen. Udolf Rosenberg.

Ein Ptfeudo-Vermeer in der Berliner Galerie.

Von A. Bredius.

Als die Suermondtsche Sammlung ihren Einzug
in das Berliner Museum hielt, kamen natürlich auch
einige Bilder unter erborgtem Namen hinein. Nach
und nach werden diese Gemälde ihren wahren Urhebern
zurückgegeben, aber ein Bild prunkt noch immer mit
falschen Federn und trägt einen so großen Namen,
wie den des Jan Vermeer, völlig mit Unrecht. Es ist,
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