Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — 18.1883

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jumstlitteratur.

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sein. Gemeinscunes Arbeiten der bciden genannten ist
überhaupt nicht bekannt. Kvlvrit und Faltenwurf ver-
raten hier deutlich die Hand des Giorgione. Die
Falten zeigen dicselben geknitterten Brüche, wie inan
sie bei dem am besten beglaubigten und zugänglichsten
Wcrke des Meisters, der wunderbaren Venus in Drcsden,
bcobachten kann, verwunderlicherweise bislang niit dem
Aushängeschild Sassoferratv verunglimpft (Nr. 262,
Katalvg 1880). Freilich ist die Hand dcs ältcren in
dem Doppelporträt im Typus nicht Giorgivnesk. Sie hat
ein Tizianisches Aussehen. Wenn also ja eine Kolla-
boration hier stattgehabt hat, sv könnte man neben
Giorgione nur an Tizian denken.

Mit den Giorgivnischen Porträts hat man solche
von Van Dyck in eine Reihe gesteklt, echte sowie
Atelierbilder nnd Werke vvn Nachahmern. Weitaus
das bedeutendste unter diesen ist die sublim aufgefaßte,
ritterliche Gestalt des Marchese Spinola, aus der
Sammlung des Earl of Hvpetown (Nr. 201), eines
jener in Gcnua genialten Meisterwerke, deren England
jetzt mehrere besitzt.

Die Sammlung holländischer Gemälde hat eine
Menge Werke ersten Ranges und vvn bester Erhaltung
aufzuweisen, besonders von Jan Steen, A. Cuyp,
den beiden Teniers, W. van de Velde dem jüngeren,
Paulus Potter, Jacob van Ruisdael und anderen.
Die beiden Seestücke von Backhuysen (Nr. 225 und
Nr. 229), ini Besitz des Dtarguis of Lothian, sind
wahrhaft täuschende Nachbildungen der Manier Willems
van de Velde; in der That so vortrefslich gelungen,
daß man den wahren Meister nur an der unausbleib-
lichen schwarzen Wolkenwand am Horizont und an
der subtilen Behandlung der Figuren erkennt. Back-
huysen hat nicht unterlasien, auf diesen gewiß sehr
frühen Bildern seine Signatur anzubringen.

Die vier Rembrandts der Sammlung sind wohl
bisher niemals vffentlich ausgestellt worden. Um so
ergreifender war der Eindruck, welchen sie auf jeden
Kunstfreund gemacht haben. Drei von ihnen sind
unzweifelhaft echt, und wenn das vierte in dieser Be-
ziehung einige Bedenken erweckt, so ist es darum nicht
minder interessant, denn neben Rembrandt kann hier
nur Karel Fabritius in Frage kommen. Eben dieses
Bild aus der Sammlnng dcs Baronet Sir W. W.
Knighton (Nr. 226) schildert uns einen jungen Mann,
welcher in einem offenen Buch lesend am Fenster
steht. Die etwas seltsame Einrichtung des Gemaches
mit den an dcr Wand hängenden Waffen und den
Büchern auf dem Tisch mag der Anlaß zu der Be-
nennung „Der Student" gewesen sein. Auffassung und
Charakteristik haben einen, sv zu sagen, mehr modernen
Zug als man bei Rembrandt erwarten sollte. Von
den beiden Rembrandts des Baronet Sir E. A. H-

^ Lechmere, N. 1'., stellt daS nicht signirte (Nr. 234) einc
^ Bision Daniels dar (Kap. 8), das andere, ein wahreö
Jnwcl, „Susanna im Bade" (Nr. 236), ist 1647 datirl.
Bcide Bilder sind jüngst Vvn Or. W. Bode in scinen
„Studien zur Geschichte der holländischen Malerei"
(S. 481, 482, 485, 486) treffend charaktcrisirt Ivvrdcn.
Endlich ist das Porträt einer jungen Frau zu nennen,
aus der Sammlung des Baronet Sir H. St. Jvhn
Mildmay (Nr. 235), nut der Bezeichnung: „Rembrandt
166 . " (die letzte Ziffer ist unleserlich). Situation
und Lichteffekt sind dieselben wie in der svgenannten
Danae in Petersburg. Aber das Bild in England
ist Brustbild, uud die im Bett sich anfrichtende hatb-
entblößte Gestalt nimnit die entgegengesetzte Lage ein.
Mit der Linken schlägt sie einen tiefroteu Borhang
zuriick. Profuses Licht in reichen Abstufungen verleiht
dem fast ängstlichen Ausdruck der Physivgnomie cin
drastisches Aussehen, ein Effekt, der ganz unmöglich
wäre, hätte Rembrandt, wie das seine Tadler wünschen,
dcn vulgären Typus mit einem idealen vertauschen
Wvllen. Z. P. Richtcr.

Aunstiitteratur.

Grnamentale Formenlehre. Eine systematische Zu-
sammenstellung des Wichligsten aus dem Gebiete
der Ornamentik zum Gebrauch für Schulen, Muster-
zeichner, Architekten und Gewerbetreibende. Heraus-
gegeben von Franz Sales Meyer, Professor an
der Kunstgewerbeschule in Karlsruhe. Leipzig,
E. A. Seemann. 1883. Heft 1—5. (Vollständig in
300 Tafeln oder 30 Lieserungen ü Mk. 2. 50.) Fvl.

Ein Schulwerk, welches den Fachmann und Lehrer
sofort beim ersten Durchmustern der Blätter durch
zwei Kapitaleigenschaften fiir sich einnehmen muß: klare
Systematik und cinfache Methode. Fiir solche Werke
haben wir immer noch Platz in deni Gedränge der
modernen Publikationen von Vorlagen, Mvtiven,
Formenschätzen u. s. w. Es gilt, aus dcn bahnbrechen-
den Forschungen eines Bötticher und Semper, aus
den kostspieligen Sammelwerken eines Owen Jones
und Racinet, sowie aus der svnstigen Fachlitteratur,
welche teils zu detaillirt oder gelehrt, teils zu kost-
spielig ist, das fiir Schule und Praxis Wichtigste heraus-
zuheben. Jn crster Linie fiir die Schule. Diese muß
auch auf künstlerischem Gebiet vor allem gegen däs
Zuviel des Unterrichtsstoffes gewahrt bleiben; richtige
Wahl ist für sie das Erste; logischcr, dem Wesen des
Gegenstandes entsprechender Vvrtrag das Zweite. Beiden
Forderungen wird dieses Werk in gleich vortrefflicher
Weise gerecht.

Der Verfasser teilt den auf 300 Tafeln mit kurzem
Text (30 Heste zu 10 Tafelu) berechneten Stoff in
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