Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — 18.1883

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Kunstlitteratur.

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straet zu Rotterdam wohnte, die Jacquemyntje Jans-
dochter, „jongeäoolrtor'' vvu Rotterdam. Von 1615—
1620 treffen wir ihn dann in Antwerpen. (Siehe
van den Brandens vorzügliche Arbeit: vo (tssoüis-
äsnis äsr ^ntrvsrpsoüs Loüüäsrsoüool, Seite 843.)
Van der Willigen theilt uns seine zweite Heirat mit:
am 30. August 1622 sührt Jan Porcellis, Witwcr
von Gent, die Janneke Flessiers von Antwerpen heim.
Sie war eine Tochter des Antwerpener Malers Bal-
thasar Flessiers, der sich schon 1587 in dic Haagsche
St. Lucas-Gilde einschreiben ließ. (Lrollist, III.)
Das stimmt alles wunderschön mit dem alten van
Spaan, welcher sagt: „Rotterdam hat den vornehmsten
Schiffs- und Seemaler, Persellus, erzeugt", und Amp-
zing, der in seinem Lobe Haarlems von 1628 ,äsn
Arootstsn LonZtsnusr in Lolispsn^, Porcellis, er-
wähnt. Wenn aber van den Branden noch glaubt,
Porcellis sei erst 1641 zu Lejderdorp gestorben, so irrt
er. Jm Jahre 1627 finde ich als Besitzer eines
Hauses au der Ostseite der Wagestraet im Haag ,äsn
sobiläsr ksroslm". Es war vermietet an Hendrick
Rensevelt. (Oobisr vun Iist IisurästsäsnAslä, 1627.)
Aber schon 1632 war er nicht mehr am Leben. Jni
„Register der Appostillen bei der Waisenkammer" lesen
wir, daß eine Bitte (welche?) der Johanna Flessiers,
Witwe des verstorbenen Johannes Porcellis, ihr am
21. März 1632 bewilligt wird. Am 23. April 1632
bittet „Jvuffe Johanna Flessiers, Witwe des Johannes
Porcellis, in seinem Leben Maler", daß der Haagsche
„Magistraet" ihr Haus entlaste Vvn einer Hypothek.
Sie stellt dafür ihre Besitzungen bei Leiden (in Soeter-
woude) zum Unterpfande. Am 21. März 1634 erklären
die Kinder des verstorbenen Malers Flefsiers, daß sie
aus den Händen der Johanna Flessiers, Witwe des
verstorbenen Malers Johannes Porcellis, ihr Erbteil
väterlicher- und mütterlicherseits erhalten haben.

Porcellis war Vormund seiner unmündigen
Schwäger nnd schickte als solcher am 16. März 1629
den Benjamin Flessiers zu dem Maler Jsaacq Pietersz
in Amsterdam, „uni daselbst die Malerei zu erlcrnen."
Dieser sollte 20 Pfund vlämisch erhalten und Benja-
min Flessiers dafür zwei Jahre bei ihm wohnen.

Porcellis unterschrieb sich: Joannis Porcellis.

Aunstlitteratur.

Bickell, L., Zur Erinnerung an die Elisabeth-
kirche zu Marburg. 40 S. mit zahlreichen
Holzschnitten. Marburg, N. G. Elwert. 1883. 4».
Diese bei Gelegenheit der sechsten Säkularfeier der
Einweihung der Kirche erschienene Schrift enthält eine
große Anzahl neuer Mitteilungen und origineller Be-
merkungen, welche die seltene allseitige Kompetenz des

Verfassers in mittelalterlicher Archäolvgie und Kunst-
technik unverkennbar beurkunden. Während bei der
Mehrzahl solcher Gelegenheitsschriften die Lnst sich ver-
nehmen zu lassen das erste, die Erwägung, was man
nun zu sagen habe, das zweite zu sein Pflegt, gehört
Bickell offenbar zu denen, welche uns viel zu sagen
hätten, aber sich nur langsam zur Mitteilung ent-
schließen.

Von den Dokumenten aus archivalischen Quellen
nennen wir u. a. den Grundriß der alten Franziskus-
kapelle, deren Fundament unter der Nordseite der
Kirche bei der letzten Restauration ausgegraben wurde;
in ihr waren vor dem Ban dcr Kirche die Reste der
Landgräfin beigesetzt worden. Ferner einen Aufriß der
eleganten Kapelle des Hospitals (Firmanei) von 1287,
die 1786 abgebrochen wurde; die alte Disposition der
Grabdenkmäler im Landgrafenchor u. a. Der Ver-
fasser, der nichts Bekanntes wiederholt, erledigt be-
sonders mehrere auf die Geschichte des Baues bezüg-
liche Fragen und zeichnet uns dabei den Anblick der
Kirche bei ihrer Einweihung (1283) mit kundiger Hand.

Unter den neuen Jdeen steht obenan die äußerst
glückliche Vermutung, daß das jetzige Mausoleum im
Nordchor, jener ciboriumartige Überbau der Tumba,
der ursprüngliche Hochaltar der Kirche sei, welcher vor
dem jetzigen, der im Jahre 1290 geweiht wurde, im
Ostchor stand. Bickcll glaubt die Nachricht von der
Stiftung eines Altars durch Heinrich II. von Brabant
zwischen 1247 und 1248 auf diesen Ciborienaltar
beziehen zu dürfen, wozu der Stil paßt; während der
jetzt darunter befindliche, allseitig profilirte Sarkophag
für diesen Baldachin zu groß ist.

Die Kirche, als Bau von seltcnem Wert durch
Einheit der Konzeption und der Ausführung, ist nicht
weniger merkwürdig durch mehrere Ausstattungsstücke
von erstem Rang, nämtich außer dem Hochaltar von
1290 durch den Reliquienschrein, dem Bickell wegen des
guten Verhältnisses von Figuren und Ornamenten und
der geschmackvollen Verzierung mit Metall, Email,
Perlen und besonders Filigran den ersten Platz unter
den vorhandenen giebt. Möge er seine Absicht, den-
selben in Lichtdruck und Farbentafeln herauszugeben,
bald ausführen!

Wenn Bickell scharf aber zutreffend die Rcstau-
rativnen unseres Jahrhunderts als „planmäßige
Fälschungen monumentaler Urkunden" bezeichnet, so
läßt er doch der letzten Restauration unserer Kirche
volle Gerechtigkeit widerfahren. Die gegenüber der
Baubehörde von Lange durchgesetzte Erhaltung, bezw.
Wiederherstellung des Lettners verdient alles Lob, ebenso
die Konservirung der spätgotischen Dekorationsmalereien
der Gewölbekappen im Chor, besonders wenn man
weiß, daß die der Schloßkapelle und der Kirche zu
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