Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — 18.1883

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KunjMteratur.

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gewagt; uud fast möchte ich besürchten, daß sie eine
Herabsetzung des Florentiners involvire. Rossetti's
Phantasniagorien machen freilich auf jeden einen un-
vergeßlichen Eindruck. Seine Typen, insbesondere die
überlebensgroßen weiblichen Jdealgestalten, sind nach
den einen ebenso widerwärtige Excentricitäten, wie nach
den anderen wahrhaft göttliche Jnspirationen, und
kaum wird man hier sagen dürfen, daß die Wahrheit
in der Mitte liege. Darin sind sich indes Bewnnderer
und Gegner einig, daß Korrektheit der Zeichnung von
Rossetti weder erreicht noch beabsichtigt war. Eine
zusammenfassende Schilderung seiner Kompositionen
kann um deswillen hier nicht gegeben werden, weil diese
nur nach den allegorischen Beziehungen gewürdigt
werden können, welche wohl niemand herausbrächte,
wenn sie ihm nicht mit ausführlichen Texten bekannt
gemacht würden. Eine Analyse Rossetti'scher Bilder,
wie wir sie vielleicht in Worten geben könnten, dürfte
leicht den Verdacht einer absichtlichen Karikirung er-
wecken, und wir sind leider nicht in der Lage, durch
Beigabe einer getreuen Abbildung den Leser in die
Lage zu versetzen, nach Betieben sein Urteil sich selbst
zu bilden. Ein längeres Berweilen bei Rossetti könnte
uns auch leicht in den Berdacht bringen, als wollten
wir diesem Sonderling anf seinem Holzwege ein Vor-
recht beimessen, gegenüber der Schar wahrhaft ver-
dienstvoller und hochbegabter Künstler, welche auf
legitimen Wegen die höchsten Ziele der Kunst ver-
solgen und als die wahren Repräsentanten der mvdernen
Kunst Englands betrachtet werden dürfen. —

Wir wenden uns zu den Werken alter Meister.
Unter den Jtalienern sind diesmal uur sehr wenige
Bilder als hervorragend zu bezeichnen. Um so mehr
ließe sich aber von diesen wenigen hier sagen. Die
Bilder sind bekanntlich von Privatbesitzern eingesandt,
und so kann man ihre Benennungen auch nicht für
beglaubigt hinnehmen. Die Besitzer haben ja in der
Regel von interessirten Bilderhändlern die Namen sich
geben lassen, und die guten Geschäfte, welche solche
Händler in diesem freien Lande machen, lassen sich be-
greiflicherweise prinzipiell gar nicht vereinigen mit
jener skrupnlösen Gewissenhaftigkeit, welche der wiß-
begierige Laie in den offiziellen Katalogen von Landes-
und Staatsgalerien als selbstverständlich voranszusetzen
ein Recht hat.

Jn dem kleinen Bilde der Verkündigung im Be-
sitz von Lady Selina Hervey (Nr. t76) verbirgt sich
unter dem Aushängeschild „Raffael" ein sehr charak-
teristisches, wenn auch nicht bedeutendes, Werk des
Giovanni Spagna. Die Falten im Gewande des
Engels zeigen jenen bei dem Meister immer wieder-
kehrenden Bausch, welcher an ein im Profil gesehenes,
vom Winde aufgeblähtes Segel erinnert. Unter den

Quattrocentisten dürfte ein venezianisches Bild im Be-
sitz von Edward Kennard, Esq. wohl das größte Jn-
teresse erwecken. Es stellt eine ausgedehnte und in den
Details sehr sorgsältig ausgeführte Landschaft dar. Jn
der Mitte des Vordergrundes kniet der heil. Hierony-
mus, umgeben von kleinem Getier, wie Schlangen im
Kampf miteinander, eine Eidechse, zwei Perlhühner
und anderes. Die Benennung Basaiti ist gewiß nur
geraten. Das Bild zeigt vielmehr alle charakteristischen
Zeichen eines srühen Werkes von Catena, von dem
auch die National Gallery mehrere echte und schvne
Bilder besitzt (freilich offiziell zur Zeit unter anderen
Namen). Es genüge hier der Hinweis auf die eigen-
tümlich hochstämmigen Bäume, die Detailausführnng
des Blattweikes und des Gesteins ini Bordergrund,
die wollige Erscheinung der Wolken. Das Perlhühner-
paar finde ich auf fast allen Bildern Catena's, in
England wenigstens. — Das beinahe lebensgroße Brust-
bild des Uoos bcnno (Nr. 182) im Besitz des
Baronet Sir W. W. Knighton geht unter Tizians
Namen, ist aber nach der ganzen farbigen Behandlung,
insbesondere aber nach der Zeichnung der Hand zu
schließen vielmehr von Tintoretto. Lady Audley
stellt ein Halbsigurenbild der Madonna zwischen den
Heiligen Hieronymus (rechts) und Johannes dem
Täufer (links) aus (Nr. 183) nnter Giovanni Bellini's
Namen. Der letztgenannte Heilige ist offenbar eine
dem Cima da Conegliano entlehnte Figur. So be-
deutend das Bild ist, so zeigt es doch starke Ab-
weichungen von den Stilformen der bekannteren Bellini-
Schüler.

(Schluß folgt.)

Aunstlitteratur.

Mittelalterliche Baudenkmäler im Negierungsbezirk
Rassel, herausgegeben von dem Berein für hessische
Geschichte und Landesknnde. I. Lieferung: Die Pfarr-
kirche und die Marienkapelle in Frankenberg, be-
arbeitet von H. v. Dehn - Rotfelser und F.
Köberlein. Kasset, A. Freyschmidt. 1882. Fol.

Es ist eine bemerkenswerte kunstgeschichtliche That-
sache, daß die Hallenkirche — so nennen wir bekannt-
lich den Ban mit gleich hohen Schiffen — in den
westfälisch - hessischen Landen zuerst aufgetreten nnd
künstlerisch durchgebildet worden ist. Für die roma-
nische Epoche und die Zeit des sogenannten Übergang-
stils scheint Westfalen die Priorität gehabt zu haben,
wie ich dies vor dreißig Jahren in meinem Buche über
die westfälische Kunst nachgewiesen habe. Denn dort
entwickelt sich der Grundriß dieser Kirchen aus der
Anordnung der Basilika bis zu jenen freieren Raum-
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