Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — 18.1883

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Ausstellung japanischer Malereien im Berliner Kunstgewerbemuseum.

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keit der Schilderung, die künstlerische Formvollendung,
welche wenige Kunstschriftsteller in deni Maße besitzen
wie Kinkel.

So gestaltete sich dies reiche Menschendasein, indem
es ihm vergönnt war, mit der reifen Kraft des Mannes
die unverwüstlich scheinende Frische der Jugend zu ver-
binden. Die sreien Verhältnisse, welche in der Schweiz
dem gcistigcn Schasfen und Wirken keine Schranken ziehen,
waren seiner Natur innerlich zusagend. Die Behörden
crkannten gern seine Verdienste durch Vcrleihnng des
Bürgerrechts an. Zahlreiche Vortragswanderungen durch
allc Tcilc Dcutschlands hielten ihn in fortwährendcr Vcr-
bindung mit dem alten Vaterlande und bezeugten ihm
die warmen Symstathien, deren er sich überall ersreute.
Wenn er dann von solchen Fahrten heintkehrte, und das
liebliche Limmatthal sich öfsnete, rechts von den schroffen
Felshvhen des Uetli begrenzt, während zur Linken die
reich bebanten Halden des Zürichberges mit ihren frcund-
lichen Häusern sich ansbreiteten, dann mochte ein Gefühl
inniger Zufriedenheit seine Brnst bewegcn. Und wenn
er vom Balkvn des schön gelcgcnen Hauses in Untcr-
straß, welches er sich zu eigen crworben hatte, die vvn
der raschen Limmat dnrchrauschtc Stadt mit dem bnn-
ten Gemisch ihrer mittclalterlichen Kirchcn und Türme
nnd der modernen Palästc anfragen sah, dahintcr den
blitzenden See mit seinen unsäglich liichlichen Ufergelän-
den, im Hintergrunde von den Elsriesen des Glnrnerlan-
des tvie von einer schützenden Felsenburg abgeschlossen,
dann stieg cine warme Dankempfindung gegen das Ge-
schick, das zuletzt alles so sreundlich gefügt, wohl in
seiner Seele auf.

Wie lange — nach menschlichem Ermessen — hätte
dieser glückliche Zustand noch dauern können! Schien
doch seine Kraft ungebrochen, seine Frischc unerschöpflich.
Da verhängten die Himnilischen ihm ein jähes Ende.
Mitten aus der lebendigsten Thätigkeit riß der Tod ihn
hinweg. Wohl trauern alle, die ihn kannten und lieb-
ten, über seincn Berlust; wohl muß dieser den Seinigen
gransam hart crscheinen. Aber ihn selbst könncn wir
nicht beklagen; durfte er doch scheiden niitten in der Voll-
kraft vvn Gcist und Körper, nach cincm Leben reich an
Arbeit und Känipfen, aber auch an edelstem Genuß.

W. Lübkc.

Ausstellung japanischer Malereien im Berliner
Aunstgewerbemuseum.

II.

Der gründliche Katalog, welchen Professor Gierke
für das Studium seiner Sammlung versaßt hat, ent-
hält eine vollkommene Geschichte der japanischen Malerei,
die erste, die von eines Europäers Hand, und über-

haupt wohl die erste, welche jemals geschrieben worden
ist. Jn den japanischen Familien, in welchen sich die
Kunstkennerschaft forterbt, sollen zwar nach Prosefsor
Gierke's Beobachtungen geheimnisvolle Manuskripte
epistiren, aus welchen in zweiselhaften Fällen Rat ge-
holt wird; aber eine eigentliche Kunstgeschichte in unserem
Sinne scheint nur in der mündlichen Tradition fort-
zuleben, die allerdings von äußerster Genauigkeit sein
soll. Aus einem alten japanischen Werke Uber Malerei,
welches zu deutsch etwa „Japanische berühmte Bilder-
sammlung" heißt, citirt Gierke übrigens einen merk-
Würdigen Satz, welcher beweist, daß die Kunstkritik
ebenso bctricben wurde wie die Malerei selbst, d. h.
nach bestimmten kanonischen Regeln. Jener Satz lautet:
„Das Bild hat hohe und alte Pinselfiihrung, die Regel
ist weit und tief, so daß es als die Merkwürdigkeit
der Welt bctrachtet werden kann". Bon dem Gemälde,
welches dcn Knnstkritiker zu so hvher Bewunderung
hingerissen, hat sich Gicrke eine alte Kopie verschaffen
können, da das Original, welches um 600 gemalt
worden sein soli, einem reichen, Vvn dem Prinzen
Shotoku Daijin gegründeten Buddhatcmpel angehört
und unverkäuflich ist. Es ist das schon im crsten Artikel
genannte Bild jenes Prinzen, welches ebenfalls von
einem Prinzcn, Namens Asa Daijin, gemalt worden ist.

Asä Daijin, ein Chinese und zwar ein koreani-
scher Prinz, gehörte zu den chinesischen Künstlern, welche
die Malerei seit dem 5., hauptsächlich aber 6. Jahr-
hundert aus dem damals schon hochkultivirten China
nach dem thatkräftigen, aber noch in tiefer Barbarei
steckenden Japan hinüberbrachten. Korea war damals
den Kaisern von Japan tributpflichtig, und dieser Tribut
bestand nicht nur in Erzeugnisien der Jndustrie und
in Landesprodukten, sondern auch in Gelehrten, Künst-
lcrn und Handwerkern, die sich am Hofe von Japan
nützlich erwiesen und sogar Kaiser und Prinzen in
ihrer Kunst unterrichteten. So kani es, daß die Malerei
das Privilegium dcr vornehmsten Kasten und daß sie
Jahrhunderte hindurch ausschließlich vom Adel betrieben
wurde. Erst im 16. Jahrhundert treten vereinzelt
bürgerliche Künstler auf. Nachdem die Buddhapriester
erkannt hatten, welch wertvolles Agitationsmittel für die
Ausbreitung des Buddhismus in der Malerei stecke,
bemächtigten auch sie sich derselben und betrieben sie in
ihren Klöstern ungemein eifrig für ihre Kultuszwecke,
natürlich meist zur Anfertigung von Buddhabildern. Ein
buddhistischer Priester, namens Toba Sojo, der am
Ende des 10. Jahrhunderts lebte, war auch der erste
Karrikaturenzeichner. Er zeichnete mit schwarzer Tusche,
nicht farbig, Scenen aus dem Leben des niederen Volkes
und nieist Tierkarrikaturen. Jener Asa Daijin war
von einem koreanischen Könige an den Hof des Kaisers
Suiku Termo (593—628) nach Japan mit Tribut ge-
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