Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — 18.1883

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Beiblatt zur Zeitschrift für bildende Kun

Nr. 2-is.
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ü 25 ff. für die drei
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zeile werden von jeder
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s88Z.

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Laokoonstudien.

H. Bliiiiiner setzt seine „Untersuchungen über
Fragen aus Lessings Laokoon" in einem zweiten Heste*)
fort und bringt dadurch in dankenswerter Weise Fragen
zur Besprechung, welche Lessing, den Hanptzweck seiner

') H. Blümner: Laokoonstudien. Zweites Heft. Über den
fruchtbaren Moment und das Transitorische in den bildenden
Künsten. Freiburg i. B. und Tübingen 1882. I. B. C. Mohr
(Paul Siebeck) 8". VI und 99 S. — Jn dein Vorwort S. V
erwiihnt H.Blümner ineine in der Kunstchronik Nr. 37 (8. Juni
I882)erschienens Besprechung seines ersten Heftes der „Laokoon-
studien", indem er erklärt, daß er sie durch diese Anführung
in seinem Vorwort („hiermit") für seine Leser „etwas niedri-
ger hänge" — eine Anschauung von dem Niveau seines Vor-
wortes, gegen welche sich gerechterweise nichts einwenden läßt.
Daß aber „Laokoonstiidien" ein irresührender Titel sei, leuchtet
auch dann ein, wenn man gutmütig genug ist, ihn gleich-
bedeutend mit „Studien zu Lessings Laokoon" aufznfassen:
er ist unlogisch, weil in „Laokoon" noch keineswegs ausge-
drückt ist, daß es sich dabei um „Lessings Laokoon" handelt.
So entspricht die vorgebrachte Erklärung an Wert nicht ein-
mal dem in der Schlußfrage als erlösendes Opfer vorge-
schlagenen „Kälbchen". Dnher lautet (nicht etwa des „Herrn
Rezensenten", sondern der von diesem ganz unabhängigen
Logik, welche ebenso unerbittlich ist wie der Orkus) auf die
Frage: Ns »otvst tensr vitntii»? niit desselben Dichters
Worten die Antwort:

bion, si tisosnis, guotguot euut üiss,

Vniios, plauss illaoriinabiisin
klntoua tauris. . .

Denn nur in diesem Sinne kann ich den vitulus solveus
verstehen. Anders, gelehrtere Leute wollen sreilich darin eine
zarte Anspielung aus einen nicht ferne liegenden Vornamen

Untersuchung verfolgend, nur streifen kvnnte und welche
daher die nachfolgende Ästhetik vielfach beschäftigt haben.
Blümner will diese Fragen nun „weniger von rein
ästhetischem Gesichtspunkt als vielmehr vom kunsthisto-
rischen aus beleuchten" (S. 9 f.), ohne jedoch vorher
zu fragen, ob ein solcher Weg zum Ziele sühren kann.
Auf ihm kann nur nachgewiesen werden, wie ein be-
stimnites Problein bis jetzt gelöst worden ist, nicht ob
diese Lösung dem Wesen der Kunst entspricht oder
nicht: es ist durchaus nicht ausgeschlossen, daß neue
Schöpfungen etwas als möglich erweisen, dessen Lösung
früher vielleicht schon versucht, aber nicht gefunden worden
ist. Ein zweiter Übelstand dieses Weges besteht aber

finden. Jch kann dies nicht glauben. Diese Anspielung wäre
erkaust auf Kosteu der Quantität (vitnlns und Vitus), und
eineii solchen Preis zahlt kein feinsimiiger Philologe; sie be-
stände in einein Klaugwitze, von wslchem Kuno Fischer in
seinen Vorträgen „Über dis Entstehung und die Entwickelungs-
stufen des Witzes" (Heidelberg 1871) S. 51 sagt: „der ein-
fache Klangwitz braucht von der Mitgift des Urteils die kleinste
Dosis und bildet darum die unterste Stufe des Witzes" -
vor solchem Witze hütet sich aber ein feinsinniger Kops, be
souders wenn ein Name dazu mißbraucht wird: „Je weniger
Urteil und Urteilskraft ein solcher Witz hat, um so ver-
wandter ist er der Dummheit. ... So gehört offenbar sehr
wenig Urteil und Erfindungskraft dnzu mit Eigennamen zu
spielen" (a. a. O. S. 52.) Dieser besondere Witz aber duftete
zu dem ein wenig nach dem Stalle: davor hütet sich eiu
feiiisinniger Mensch. Jch werde atso allzugroßer Gelehrsam-
keit gegenüber wohl recht behalten: so zu witzeln wäre gar
zu klein. Zu klein? Oder sollte Lessings Nathan am Ende
doch recht haben, wenn er sagt: „Was ist für einen Großen
denn zu klein" — ?
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