Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — 18.1883

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Kunstlitteratur.

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in Mailand, woran im Jahre 1825 G. Cattaneo,
Knstos am Medaillenkabinet der Brera, die Bezeich-
nung Uiolleiin ?. entdeckte. Heute sind von den
Fresken der beiden Hvfe nur einige Uberreste mit der
Darstellung einer Gesellschaft von Männern nnd Frauen
bei einer Kahnfahrt im Museum des Grafen Gilbert
Borromeo erhalten, außerdem aber auch noch in einem
an den ersten Hvf stoßenden Raum drei Wandgemälde,
die offenbar demselben Maler nngehören nud nns einen
Begriff davon geben, auf welcher Stufe sich die lom-
bardische Frescomalerei in der ersten Hälfte des 15.
Jahrhunderts befand, ehc sie den Einfluß der Arbeiten
Blasolino's in Castiglivne d'Olona und wohl auch
der von Portinari nach Mailand gezogenen florentini-
schen Künstler erfahren hatte. Die Fresken stellen
Scenen aus dem Gesellschaftsleben der vornehmen
Mailänder dar, und sind nicht bloß als Kunstwerke,
sondern auch als Jllustrationen zur Kulturgeschichte des
15. Jahrhunderts von hoheni Jnteresse. — Das eine
Bild zeigt eine Gesellschaft beim Kartenspiel, das zweite
beim Ballspiel, das dritte stellt einen Contretanz vor;
jede Scene besteht ans fünf bis scchs Personen in natlir-
licher Grvße, in reichen Kostiimen, mit bizarrem Kopf-
schmnck, in mannigfach bewegten Attitüden, etwas lang-
gezogenen Gestalten voll Noblessc nnd Grazie der
Bewegungen und Gesten, mit ansdrucksvollen Mienen.
Die Annahme ist wohl nicht vcrfehlt, der Künstler,
vvn dcr Familie Borromev, zn deren Lehen Besozzo
damals schon gehörte, protegirt und in ihren Dienst
gezogen, habe in diesen Gestalten die derzeit lebenden
Glieder derselben dargestellt. Die Scenen sind ins
Freie verlegt, in Gärten mit immer gleich gestalteten
nnd gleich vielen Bäumen; zackige Bergformen bilden
die Hintergründe. Der Zustand dieser Malereien ist
ein ziemlich verwahrloster, aber von jeder Restauri-
rung unberührt, so daß sich die Ähnlichkeit im Kolorit,
der Zeichnung, den Hintergründen mit dem beglaubig-
ten Werke Besozzv's im Dom mit Sicherheit feststellen
läßt, weshalb auch die Ansicht Mongeri's (s. I'^rts
u Uiluno, S. 164), sie gehörten der Schule der Za-
vattari von Monza an, wenig Wahrscheinlichkeit für
sich hat.

Endlich begcgnen wir einem dritten Mitgliede der
Familie in jeneui Michelino Molinari da Besozzo, der
im Jahre 1446 die Kapelle des heil. Georg im Dom
mit Glasmalereien zu schmücken hatte, von denen sich
Bruchstücke in dem Fenster über dem Altar erhalten
haben (Calvi, Uotims, I.). Ob dieser Michelino
mit unserem Freskenmaler identisch, wie es die Jahres-
zahl vermuten läßt, oder ob er eine von diesem ver-
schiedene Person ist, wie man aus der Verschiedenheit
der Kunstübung folgern möchte, ist heute noch nicht
zu entscheiden. Doch wird ihm von Candido Decenm

brio ein Bildnis des Herzogs Filippo Maria Visconti
(1405—1447) zugeschrieben, so daß auch jene erstere
Annahme möglich erscheint.

Ganz unwahrscheinlich ist die Jdentifizirung unseres
Michelino da Besozzo mit jenem Michele da Milano,
den Vasari als Schüler Agnolo Gaddi's anführt, ohne
irgend Näheres über ihn mitzuteilen (I, S. 642). Da-
gegen sprechen Lomazzo und Orlandi von einem Miche-
lino Milanese und Michele da Pavia, und jener rühnit
den ersteren besonders als Tiermaler, sügt jedoch hinzu,
er hätte auch zotenhafte Karikaturen mit Vorliebe
gemalt (ll'rattuto äsllu pittnru, sä. 1584, p. 359).
Anch der Anonymus des Morelli sührt einen Miche-
lino als Tiermaler an und erwähnt Miniaturen dieses
Gegenstandes von ihni in Casa Bendramin (Ncitims,
x. 81). Lanzi führt an, er hätte 1459 während des
Aufenthaltes Pius' II. in Mantua für den Papst ge-
arbeitet; Borsieri dagegen in seiner Fortsetznng von
Morigia's Ltoria äi Uiluno (1592) läßt ihn im
Verein mit einem Gioannolo eine von Gian Galeazzo
Bisconti im Jahre 1380 gegrnndcte Architekturakade-
mie leiten. Carlo d'Arco (OsIIs urti s äsgli arts-
üoi äi Uantovu, vol. II, x>. 26 n. ff.) ist nun ge-
neigt, jene beiden Maler unter sich und anch mit unserem
Michelino da Besozzo zu identisiziren (s. auch MLntz,
Iws ^.rts ü lu Oonr äss kapsZ, I, p. 265). Doch
möchte im Hinblick auf die beglaubigten Werke dieses
letzteren einerseits, andererseits auf den Nachdruck, mit
dcm Lomazzo die malerischcn Facetien dcs Michelino
Milancse betont (8in§olurs nmestro pittors; mu non
tunto nsl ssrio, gnunto nsl bntkonsseo; nsl Hnule
Aensrs riwuss in sssmpio äsllu snu sonolu: siosonrs
in sssa si vsäono wolts soss olrs xsoouno ä'iAnobils
s äi inolti oonostti bussi s volZnri sto.), ein Aus-
einanderhalten derPersönlichkeiten beider Maler vorder-
hand noch geboten sein, bis uns gegenteilige urkund-
liche Beweise vorliegen. C. v. Fabriczy.

Aunstlitteratur.

August Demmin, Keramik - Studien. Erste bis
dritte Folge (Fayence, Porzellan, Steingut). Leipzig
1881—1883. 8°.

Mit Jntcresse wird jeder Freund der Keramik,
die „Studien" eines Mannes wie Demmin in die
Hand nehmen — in der Voranssetzung, daß diese
„Studien" kleine Beiträge zur Geschichte der Keramik
cnthalten, Resultate, die sich aus der jahrelangen Be-
schäftignng des Verfassers mit einer bestimmten Materie
ergeben haben. Statt dessen findet man in diesen
Studien eine Reihe von Zeitungsartikeln (dievor einigen
Jahren in der Voßischen Zeitung standen) wieder ab-
gedruckt, ich weiß nicht, ob wörtlich oder ein wenig
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