Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — 18.1883

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s8. Iahrgang.
Leiträgc

find an j?rof. Dr. C. von
Lützom (Mien, There-
sianunigasse 25) oder an
die verlagshandlung in
teipzig, Gartenstr. 6,
zu richten.

y. August

Nr. -^O.

Inserate

ü 25 ssf. für die drei
Mal gespaltene j)etit-
zeile werden von jeder

t883.

Beiblatt zur Zeitschrift für bildende Kunst.

Erscheint von Mktober bis Ende Iuni jede N)oche am Donnerstag, von Iuli bis Ende September alle Tage, für die Abonnenten der ,,Aeitschrift
für bildende Aunst" gratis; für sich allein bezogen kostet der Iahrgang 9 Mark sowohl im Buchhandel als auch bei den deutschen

und österreichischen j)ostanstalten.

Inhalt: Der ssariser §alon. II. — Die Martinikirche in .Breslau und das v. Rechenbergsche Altarwerk in Alitschdorf. — I. A. Ierichau f;

L. A. Ioerdens f. — Ausgrabungen auf dem Ifthmus von Rorinth. — Z9reisverteilung aus Anlaß der Aunftausstellung in Amsterdam.
— Runstschule in Stuttgart. — Aus Graz. — Makarts „Iagdzug der Diana"; Trauerfeier für Ferstel; Eine englische Aunstakademie in
Athen; Modell zu einer lebensgroßen Statue Schlüters; Semperdenkmal; Denkmälerchronik. — Neue Bücher. — Inserate.

jjM- Kiliistchronik Nr. 41 crschcint am 23. August. "WE

Der pariser 5alon.

II.

Jeneu Jdealisten, welche in diesem Jcchre durch
dic junge naturalistische Schule so kläglich aus deni
Felde geschlagen worden sind, hat sich auch Georges-
Bertrand zugesellt. Vor zwei Jahren hatte dieser
Künstler mit einer etwas melodramatischen Reminiscenz
aus dem Kriege „I'atris" (Ein todwunder Standarten-
träger wird von Kürassieren aus der Schlacht geführt),
einen bemerkenswerten Anlauf zur Malerei großen Stils
genommen. Die Färbung war ungemein kräftig und
dunkel, beinahe im Geschmack Gsricaults gehalten.
Aber er ist nicht lange bei dieser ernsten Tonart ge-
blieben. Jn diesem Jahre hat er eine riesengroße
Leinwand mit einem Heere von nackten Amazonen zu
Pferde unter der Devise „Der vorüberziehende Früh-
ling" ausgestellt, welche in jener lichten Manier ge-
malt ist, die den Franzosen nicht bloß bei Gemälden
dekorativen Charakters sür das Jdeal malerischer Aus-
drucksweise gilt. Die französischen Kritiker gewähren
allen Bildern Generalpardon, an welchen nur dieses
„luminoux" der Malerei zu bewundern ist, und deshalb
erklärt es sich auch, weshalb neben ihrem snlLnt oberi
Max Liebermann, den wir ihnen von Herzen gern
abtreten, von deutschen Bildern nur ein Gemälde von
dcm Münchener Fritz Ilhde, einem Schiiler Munkacsy's,
Gnade bei ihnen gefunden hat. Dasselbe ist nämlich,
die neueste Manier Munkacsy's noch weit übertreibend,
in einem so lichten Tone gehalten, daß sich auf eine
gewisse Entfernung die Kleider der Frauen und Kinder,

das Fleisch der Köpfe und Hände, der Himmel und
die Landschaft nicht mehr von einander unterscheiden
lasien. Jn der Nähe sehen wir ein Gewirr von harten
Lokaltönen, die ohne jede Vermittlung neben einander
und auf einen eben so lichten Hintergrund gesetzt sind.
Das Bild behandelt ein Mvtiv aus den Niederlanden:
eine Schar von Mädchen und Frauen, welche voller
Freude von ihrer Arbeit hinwegstürzen, weil sich jen-
seits des Zaunes ein Orgelspieler mit seinem Jnstru-
mente nähert. Selbst Makarts „Sommer", welcher
doch zu den lichtvollsten und sonnigsten Gemälden des
Künstlers gehört, erschien den Franzosen nach ihrem
Geschmack noch zu warm, zu schwer, zu sehr venezia-
nisch im Ton, obwohl ein unglucklicher Zufall oder
eine boshafte Absicht diese freundliche, idyllische Ver-
hcrrlichung eines heiteren Lebensgenusics neben das
grausameSpektakelstückvon Rochegrosse placirt hatte.

Wenigstcns in Bezug auf die Wahl des Stoffes
entsprach dagegen ganz dcn Neigungen der Franzosen
ein übrigens recht solid und ernst gemaltes Bild von
dem Wiener Rudolf Ernst, einem Schüler von Feuer-
bach, welches die Schrecken eines Theaterbrandes mit
großer Lebendigkeit schildert und zwar den Moment,
wo die Ersten, Zuschauer, Beamte, eine Tänzerin im
Bühnenkostüm, aus der Ausgangsthür das Freie ge-
winnen, durch und über einander stürzend und mit
dcm Ausdruck der höchsten Tvdesangst auf den ent-
stellten Gesichtern. Die Franzosen, welche doch sonst
im Zugreifen nach dem Aktuellen uicht schllchtern sind,
haben dieser „Aktualität" nichts Ebenbürtiges an die
Seite zu setzen, am ehestcn noch die „Gerichtliche Kon-
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