Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — 18.1883

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Aus den Haager Archiven.

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rinnen auf der Fernie" sowohl wie die junge Bäuerin,
welche im Gemüsegarten Kohl „für die Suppe" (xonr
In souxo) sucht, zeigen, daß Laugöe noch etwas auf
eine gewisse Noblesse der Ausfassung, auf Feinheit der
Linien giebt und daß er der Anmuth nicht ganz kon-
seguent aus dem Wege geht. Bastien-Lepage dagegen
perhorrescirt alles, was anmuthig, HUbsch und elegant
ist, aus dem Grunde seines Herzens. „I/nrnonr nn
villnZs" heißt das Bild des diesjährigen Salons.
Ein Bauernbursche steht an eincm Bretterzaune, wcl-
cher zwei Gehöfte von einander trennt. Er stützt seincn
rechten Ellenbogen anf einen Zaunspfahl und zählt
an seinen Fingern etwas auf, vermuthlich die prak-
tischen Vortheile, die sich aus seiner Verbindung mit
einem jenseits des Zaunes stehenden Mädchen ergeben
würden, dem er kurz zuvor eine Erklärung gemacht
zu haben scheint. Die Köpfe — das Gesicht des
Mädchens ist nnr im verlorencn Profil zu sehen —
sind zwar in breiten Flächcn, aber doch mit großer
Sorgfalt herausmodellirt. Sie sind sogar beinahe
glatt behandelt, etwa wie bemalte Fayencen. Bei den
Stoffen der Kleider und Schuhe ist schon ein mehr
summarisches Verfahren eingetreten, welches in Bezug
anf die landschaftlichc llmgebung, das Beiwcrk, den
Hintergrund und die Ferne vollends einer ganz skizzen-
haften, rohen Behandlung Platz macht. Da die Luft-
perspektive für die Anhänger dieser Richtnng nicht
existirt, erreichen sie nur durch eine rücksichtslose
Aufopferung des Beiwerks, daß ihre Figuren zu einer
einigermaßen plastischen Wirkung gelangen. Zwischen
den lebensgroßen Figuren und ihrerllmgebung, Bäumen,
Pflanzen, Häusern u. dgl., ergiebt sich meist ein empfind-
liches Mißverhältnis. Bei dem Mangel an Perspektive
rucken die Häuser den Figuren so sehr anf den Leib,
daß jene als zu klein erscheinen. So geht trotz der
subtilsten Abschreiberei der Natur das ganze naturali-
stische Exempel am Ende doch in die Brüche.

Bei dem Streben nach möglichster Wahrheit im
Einzelnen bleibt die Wirknng dieser großen Bilder ans
dem Landleben trotz ihres überaus trivialen Jnhalts
nicht aus. Aber man darf billig fragen, ob nicht die-
selbe Wirkung ohne diesen erstaunlichen Auswand vo»
Beobachtungen und Detailstudien mit Hilfe der mecha-
nisch arbeitendenPhotographie erreicht werden kann, wenn
man dic Figurcn zu „lebenden Bildern" gruppirt nnd
nach der Aufnahme mit dem besonders ausgenommenen
Hintergrunde in Verbindung bringt. Es ist nicht zu
leugnen, daß die Malerei auf diesem Wege einen Kreis-
lauf macht, indem sie wieder zur bloßen, sklavischen
Naturnachahmung zurückkehrt, nur mit der unterwegs
gemachten Errungenschast, daß sich ihre technischen
Mittel bis zu einem unbeschreiblichen Raffinement ver-
vollkommnet haben.

Neben Bastien-Lepage ist Lhermitte, welcher
sich bereits den Luxembourg erschlossen hat, der erfolg-
reichste Vertreter dieses Genres. Seine „Getreideernte"
wetteifert an Energie der Charakteristik niit dem Ge-
mälde im Luxembourg, welches einen Bauernhof mit
Mähern darstellt. Die Figuren sind natürlich wie immer
lebensgroß. Lelvirs Jdylle, ein Pflnger, der im Vor-
übergehen eine Federviehhirtin auf die Wange küßt,
ist bei weitem liebenswürdiger und empfindungsreicher
als Bastien-Lepage's stumpfsinnige Arbcit. Außer den
oben Genannten sind noch I. P. Meslö (Die kleine
Bäuerin), Madame Nicolas (Der Arme von Villers),
Pöarce (Wassertrügerin), BordeS(Bretagnische Spin-
ncrin), Gotch (Eine Baucrndirnc auf eincm Wagen in
die Fremdc fahrend), Hawkins (Die Mutter des Fi-
schers), H aguette (Die Frau an der Ankerwinde), I.
Duprö (Der Hirt) und Priou (Die Suppe des Vater
Tigö) zu erwähnen. Nächst den Bauern spielen diese
alten Papas auf den Bildern der Natnralisten eine
große Rolle, seitdem Bastien-Lepage mit seinem „Bett-
ler" und seinem „Vater Jagues" die zahnlosen Greise
in die Mode gebracht hat. Da Suppe wegen der
mangelhaften Beschaffenheit ihrer Kauwerkzeuge ihre
Lieblingsnahrung ist, bekommt man sie selten ohne ihre
gleichfalls lebensgroßen Suppennäpfe zu sehen. Jn
der französischen Abtcilung der Amsterdamer Kunst-
ausstellung ist Goeneutte mit einer solchen „Suppe
des Bettlers" vertreten. Es ist nbrigens bezeichnend,
daß selbst Madame Demont-Breton, welche für ihr
Bild: „Die Küste", eine Mutter mit ihren vier Kindern
am Meeresgestade, eine zweite Medaille erhalten hat, —
das Gemälde ist überdies vom Staate angekauft wor-
den — sich enger an die Naturalisten anschließt als
an die ruhige, vornehme Art ihres Vaters. Henry
Lerolle hat in diesem Jahre für seine mit großer
Delikatesse gemalten Darstellungen aus dem Bauern-
leben eine biblische Devise gewählt. Wenn das Haupt
des Kindleins, das eben im Stall das Licht der Welt
erblickt hat, nicht von einem überirdischen Schimmer
umflossen wäre, würde man die Hirten, Welche in den
Stall treten, eher für neugierige und theilnehmende
Gevattern halten, als für die durch eine himmlische
Offenbarung Begnadigten. Adolf Rosmberg.

Aus den Haager Archiven.

Von A. Bredius.

XI.

Dirck Dalens ssnior.

(Schluß.)

Später scheint es etwas abwärts mit ihm ge-
gangen zu sein. 1662 wird Dirck Dalens, sollitäsr,
jetzt wohnend in Rotterdam vor Gericht angesprochen
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