Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — 18.1883

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Kunftlittsratur. — Nekrologe. — Kunsthistorisches.

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gelegsn war, das haben wir gethan. Und nun: es ist ein j
alter Brauch, wenn ein Meister sein Haus vollsndet, so hält
er seinen Meisterspruch, und diesen Mersterspruch gestatten :
Sie mir, auch hier an dieser Stätts zu sprechen — denn
man sagt ja, daß die Wünsche, welche der Baumeister schei- j
denv seinem Hause zuspricht, in Erfüllung gshen. — Und so ;
wünsche ich Jhnen denn, daß das höchste Gut, welches der
Bürgerschaft gegeben werden kann, und das ihr gehört,
wenn sie es nur habsn will, die Einigkeit, sie alle vereine,
jene Einigksit, die in dem Jneinanderfügen scheinbar hstero-
gener Elemente begründet ist. Darin liegt das Prinzip jedes
Baues, das ist das Geheimnis aller Architektur, aller mensch-
lichen Gesellschaft."

Am Abend vereinigte der Meister seine Gehilfen
und alle an dem Baue beschäftigt gewesenen Bauhand-
werker zu einem intimen Fest in der Steinmetzhütte
des Bauhofes, und auch dort fehlte es nicht an kerniger
Begrüßung und freudigem Dank für das nun herrlich
vvllendete großc Werk. — So wäre deun die Wiener
Jubiläumsfeier in ungestörter Fröhlichkeit weihevvll
verlaufen! «

Aunstlitteratur.

Kn. Der Katalog dcr Schwcizerischcn Kunstausstcllung
in Zürich (Verlag von Orell, Füßli L Co.) ist diesmal in
der jetzt allgemein üblichen Weise mit einer Anzahl von
Jllustrationen ausgestattet, welche, wenn nicht zu mehr, so
doch zur Auffrischung der Erinnerung an dieses und jenes
Kunstwerk dienen. Die Abbildungen sind mittels Zinko-
typie nach Originalzeichnungen der Künstler ausgeführt, zum
Teil auch nach photographischen Aufnahmen der Original-
werke, in welchem Falls freilich die Technik nicht ausgereicht
hat, um Licht und Schatten in angsnshmer Weise aussin-
ander zu halten und einen klaren Abdruck zu gewinnsn. Eins
zweite Zugabe bildet eine „ästhetisch-kritische Studie über die
Kunst auf der schweizerischen Landesausstellung von vr. Paul
Salvisberg", für welche diejenigen BesucherderAusstellung,
deren Kunsturteil auf schwachen Beinen steht, dem Verfasser
nur dankbar sein können. Jst es doch eine angenehme Sache,
an der Hand eines erfahrenen Cicsrone sich in dem buntsn
Labyrinth einerKunstausstellung zurecht finden und dis Triftig-
keiten seines Lobes oder die Berechtigung seines Tadels mit
eigenen Augen prüfen zu können. Schads nur, daß dem
Ausstellungscicerone in Paris, wo er zufolge einer Ankün-
digung am Schluß des Kataloges eine Präparationsanstalt
für Kunstjünger unterhält, das dsutsche Sprachgesühl ab-
handen gekommsn ist, ohne daß er dafür den sprach-
lichen Esprit der Franzossn eingetauscht hätts. Von den
stilistischen Kuriositäten seiner „Studie", die uns zu dieser
Annahme berechtigen, seien nur zwei statt vieler herausge-
gegrifsen. Die eme betrifft ein Bild von Konr. Grob
„Äutter am Brunnen" und lautet: „Dagegen hätten wir an
dem Fleiße dieser glücklichen Mutter sicherlich auch nicht ge-
zweifelt, wenn der Künstler selbigen durch die auf seinem
Bilde, mehr noch als in der Natur, störenden schwarzen Nägel
anzudeuten unterlasssn hätte, ganz abgssehen davon, daß eins
konseguente Durchführung dieses Prinzips (!) schließlich denn
doch zu ökonomisch angshaucht erschemen dürfte und auch
wohl zu weit ginge." Das andere Curiosum befaßt sich mit
einer Büste der Bianca Capello von Adele Marcello: „Jn
jener BroNzebüste mit dem eisigen, undurchdringlichen (!) Blick
charakterisirt sie mit seltener Tiefs (!) jenes abenteuerliche,
verwegene, ränkesüchtige Weib, das, dem elterlichen Hause mit
einem jungen Menschen entlaufen, von der Maitresse des
Franz von Medicis sich zu seiner Gemahlin, zur Groß-
herzogin von Toskana emporschwang, um (!) alsdann, als
ihr Gemahl statt ihr Schwager (siv), der Kardinal, ihr (!)
Gift aus Versehen zu sich nahm, in wirklich heroischsr Weise

mit ihm zu sterbsn." Dsr ebenso fruchtbare wie furchtbare
Schriststeller kündigt zu guterletzt eine „Serie von kunst-
historischen Studien über deutsche und sranzösische Kunst"
um den billigen Preis von 20 Frs. an, der „angesichts (!)
der Zwecke dieser Publikation" mit Einsendung des ersten
Hsftes erhoben wird. Vor dem Ankauf brauchen wir wohl
nicht erst zu warnen.

s Von Julius Meyers Allgemeinen Künstler-Lexikon ist
soeben wieder eine Liefsrung (die einunddreißigste) erschienen.
Auf Wunsch der Verlagshandlung tragen wir dazu die auf
dem Titel aus Versehen unterlassene Notiz nach, daß diese
Lieferung von Herrn Dr. Hugo von Tschudi in Wien
und zwar allein redigirt worden ist. Hoffentlich wird es der
neu gewonnsnen jungen Kraft gelingen, das Tempo des
weiteren Erscheinens der Hefte nun endlich etwas rascher zu
nehmen.

Nekrologe.

G Dcr LandschastSmaler Gustav Engelhardt ist am
17. August in Charlottenburg bei Berlin gestorben. Jm Jahre
1823 zu Mühlhausen in Thüringen geboren, kam er in seinem
19. Jahre nach Berlin, wo er seine künstlerischen Studien
vornehmlich unter dem Landschastsmaler Eduard Biermann
machte Einige Reisen, welche er nach den Tiroler Alpen
unternommen hatts, wurden für seins künstlerischs Richtung
bestimmend. Besonders fesselte ihn die wilde Romantik des
Ötzthales, aus welchem er eine lange Reihe von Motiven
schöpfte. Seine Spezialität war die Darstellung von Ge-
birgsbächen und Flüssen, welche zwischen düsteren Tannen
dahinrauschen. Er verband mit einer stimmungsvollen Auf-
fassung der Natur ein stets kräftiges Kolorit, welches die
ernste Haltung seiner Gemälde unterstützte. Gelegentlich
machte er einen Abstecher in die Schweiz und behandelte auch
Motive aus Thüringen, dem Harz und der Mark Branden-
burg, stets den Hauptaccent auf die Verbindung von Wald,
Fels und Wasser legend.

Der dänische Historienmaler F. L. Storch ist am
2. September in Kopenhagen gestorben. Sein erstes, im
Jahre 1828 ausgestelltes Bild, „Der Tod Oskars" nach
Ossian, wurde für die königl. Gemäldesammlung angekaust und
befindet sich jetzt im Schlosse Kronborg. Die Protektion des
Prinzen Christian Frederik fetzte ihn in den Stand, im Jahre
1832 eine Reise nach Deutschland machen zu können. Nach
mehr als dreijährigem Aufenthalt in Dresden ging Storch
nach München, wo er von dem Umgange mit Cornelius und
Kaulbach so angezogen wurde, daß er bis 1849 in München
blieb. Seine besten hier gsmalten Bilder „Die Entführung
Psyche's" und „Amor lehrt Psyche das Ruder führen" wurden
von dem Kunstverein in Äünchen und dem König von
Württemberg angekauft. Nachdem Storch noch kurze Zeit in
Frankreich vsrlebt hatte, kehrte er 1852 nach Kopenhagen
zurück, wo er Professor an der Kunstakademie wurde. Außer
einer bedeutenden Anzahl von Porträts der hervorragendsten
Männer Dänemarks und gegen 30 Altargemälden, hat er eine
Mengs historischer Bilder gemalt.

Aunsthistorisches.

—x. Ein riesiges vor-assyrisches Relief, eine Löwenjagd
darstellend, wurde vor nicht langer Zeit am oberen Euphrat
durch den Jngenisur Humann entdeckt, welcher, nachdem er
die Schwierigkeiten des Transports und die von der türki-
schen Regierung bereiteten Schwierigksiten glücklich über-
wunden, nunmehr die Einschiffung dss Kunstiverkes bewerk-
stelligt hat. Das Bild soll seine Aufstellung in Berlin
erhalten.

— Ausgrabungen auf Delos. Während der von der
französischen Schule in Athen auf der Jnsel Delos vorge-
nommenen Ausgrabungen wurde eine interessante Entdeckung
gemacht. In der Nähe des Apollotheaters stieß man auf
ein Privathaus, welches wahrscheinlich deni alexandrinischen
Zeitalter angehört. Bis jetzt ist ein von Säulen und zwölf
Gemächern umgebsner Hof bloßgelegt worden. Der Boden
dss Hofes ist mit prachtvollem Mosaik belegt, er enthält
Blumen, Fische, andere Zieraten und in der Mitte eine
Cisterne. Das Thor des Hauses und die zu demselben
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