Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — 18.1883

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Die Wiener Säkularseier.

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besorgten Prof. LÄllemand und der Bildhauer Coste-
noble. Der sorgfältig gearbeitete, 405 Seiten starke
Katalog wurde den Besuchern bei der Eröffnung fertig
eingehändigt. Wir werden an seiner Hand nächstcns
einen Rundgang durch die Säle machen und dann den
Lesern über deren hochinterestanten Jnhalt genaueren
Bericht erstatten.

13. Ssptember.

Die städtischen Feierlichkeiten haben heute mit dem
im großen Saale des Rathauses veranstalteten Baufest
ihren würdigen Abschluß gesunden. Die Feier, zu
welcher vom Bürgermeister mehr als 600 Personen
eingeladen waren, galt den Meistern und Werkleuten
des Rathausbaues, und deren oberster Führer, Friedrich
Schmidt, nahm denn auch den Ehrenplatz an den
langen Tafelreihen ein, welche die prächtige gvtische
Festhalle fülltcn. Zur einen Seitc des Architekten
hatte der Bürgermeister von Wien, zur andern der
Sindaco von Rom seinen Platz, als denkwürdiges
Zeichen zweier nnn in friedlichem Wettkampfe geeinigter
Staaten und Völker. Aus der großen Reihe bedeut-
samer Toaste, welche das opulente Mahl würzten, seien
hier in diesem Zusammenhange zunächst einige Worte
aus der Begrüßung mitgeteilt, welche der Herzog
von Torlonia, in italienischer Sprache, an die Ver-
sammelten richtete:

„Wien zeigt uns den Weg, rvelchem wir folgen sollen in
der monumentalen Umwandlung unserer Stadt; es bezeugen
dies disse großartigen Monumente, mit welchen Jhre städtische
Verwaltung das Andenken der gegenwärtigen Ära verewigt.
S. kais. kön. Hoheit der Kronprinz sagte, als er die elek-
trische Ausstellung eröffnete, daß diese Metropole ein Meer
von Licht ausstrahlen möge; auch Rom spendete sein Licht
für die Zivilisation und den Fortschritt; ein edler und glor-
reicher Wettkampf der beiden Schwesterstädte! Meine Ge-
danken lenken sich zugleich auf eine für uns alle ruhmvolle
Erinnerung. Bei der Verteidigung von Wien schlug sich der
heldenmütige Eugen von Savoyen an der Seite Karls
von Lothringen. Es sind dies zwei Namen von Ge-
schlechtern, welche uns die Herzen höher schlagen machen, weil
sie ihre steinernen Grundfesten in der Liebe der Völker be-
sitzen, über welche sie herrschen."

Die Beantwortung dicses Toastes übernahm unser
bernhmter Gevloge, Prof. Eduard Sueß, als Mitglied
des Gemeinderates. Er sagte, häufig von Beisall
unterbrochen, ungefähr Folgendes:

„Mein Wort gilt dem Bürgermeister von Rom und der
Stadt Rom. Sie haben gehört, wie er seine schwungvolle
'Rede angeknüpft hat an die glänzenden Worts unseres Kron-
prinzen, Worte, welche mehr dazu beitragen, die Völker
einander näher zu bringen, als manches Ereignis, wsil sie
der Sphäre entnommen sind, in welcher die Denkungsweise !
aller Nationen diesslbe ist. Und wer wäre mehr geeignet,
diese glanzvollen Worte in unserem Kreise zu wiederholen,
als der Träger des stolzen Namsns Torlonia, eines Na-

mens, der geknüpft ist an die Ausführung eines der groß-
artigsten Werke, welches Kaiser vergsblich versucht haben:
der Trockenlegung des Sees von Fucino. Und nicht bloß
als Herzog von Torlonia ist er hier erschisnen, sondern als
„6ivls Uomumw", als Vertreter der größten Bürgerschaft,
welche die Geschichte kennt. Als solcher ist er bei diesem
Bürgerfeste erschienen. Es ist der Mühe wert, daß man ein
solches Ereignis näher betrachtet. Wir haben viel gelernt,
wir haben gesehen, wie Rom wiedererstanden ist; wir haben
gssehen, wie nach der Beseitigung großer Hindernisse die
Wiederherstellung des italienischen Königreiches erfolgte, trotz-
dem zahlreiche Einzelbestrebungen auftraten, die eine große
Vergangenheit zu unterstützen schien; wie aber das stolze
Venedig, das Meer beherrschende Genua, die Stadt der Me-
dici, das glühende Neapel sich gebeugt haben vor der Not-
wendigkeit, daß in einem Staat eine Hauptstadt sei, und wie
der Ruhm Roms der Ruhm des ganzen Staates sein soll.
Und wir haben noch mehr gesehen! Jn dem italienischen
Staate sind Männer entstanden, die den großen Gedanken
der Staatseinheit sesthielten und mit Klugheit und Stand-
haftigkeit verfolgt haben. Sie haben uns damit gelehrt, wie
man einen Staat schafft, und dieselben Grundsätze sind es,
nach welchen man einen Staat erhält, und aus dieser That-
sache ist jenes Selbstbewußtsein erwacht, welches Jtalien
möglich machte, jene großen finanziellen Maßregeln durchzu-
führen, die jetzt vollführt worden stnd. Wir sind Gegner
gewesen. Heute legen wir gemeinsam einen Kranz auf das
Grab der Brüder, welche ehrenvoll im Kampfe gesallen sind,
und heuts nähern wir uns einander in Freundschaft. Die
Staatsmänner an der Donau, an der Spres und am Tiber
können sicher sein, daß sie durch gar nichts so sicher den Dank
der Völker sich erwerben können, als durch die Befestigung
der Grundlagen des Friedens, indem sie den Stützbalken
des Friedens zu verlängern suchen, der quer über Europa
gelagert ist. Was wir wünschen, ist, daß der Besuch des
Bürgermeisters von Rom, auf den wir stolz sind, der Vor-
bote dauernder, inniger Freundschaft sein möge. Durch Jahr-
hunderte sind Jtalien und das alte deutsche Reich im Kampfe
gelegen, aber auch während dieser Zeit haben unsere Künstler
in Rom ihre Jdeale gesucht, haben unsere Schulen dort ihren
Ausgangspunkt gefunden. Wir neigen uns vor dieser Größe,
und wir danken Rom, daß es uns seinen ersten Bürger hieher
gesendet hat."

Auch Schmidt knüpfte, in seiner Dankrede auf
den ihm ausgebrachten .Toast, an die Verbrüdernng
der Bölker an, indem er sagte:

„Für die stilistische Richtung des Baues mag die heutige
Situation bezeichnend sein, daß ich als Erbauer des neuen
Rathauses zwischen dem Bürgermeister von Wien und dem
von Rom an einem und demselben Tische sitze. Wenn wir
diesseits der Berge mit unserer Kraft stets zusammenhalten
mit denen jenseits der Berge, mit ihrer Liebenswürdigkeit
und Foinheit, dann muß etwas Großes entstehen. Das ist
moderne Architektur! Das ist mein architektonisches Glau-
bensbekenntnis. Dieses Gebäuds, es steht vor Jhnen aus
Stein, und damit habe ich Jhnen allen aus dem Herzen ge-
sprochen. Das haben Sie mir bewiesen durch tausendfältigen
Jubel und Zuruf. Jch und die Meinigen, wir sind schwache
Menschen, als Msnschen nicht fähig, Vollkommenes zu leisten ;
absr eines kann ich sagen: was in unserer Macht und Kraft
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