Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — 18.1883

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Die Wiener Säkularfeisr.

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Heute zur Mittagstunde folgte die Schlußstein-
legung im neuen Rathause. Die Leser kennen
aus unserer früher gebrachten Abbildung den stolzen
Bau Friedrich Schmidts mit seinem cypressenartig
emporsteigendeu Hauptturm inmitten der Fassade, mit
den vier ihn begleitenden Trabanten und der Doppel-
reihe offener Hallen, durch welche der große Festsaal
und die unter ihm sich hinziehende „Volkshalle" nach
außen fich manifestiren. DerFestsaal mit der daranstoßen-
den Turmhalle bildete den Schauplatz der Schlußstein-
legung, zu welcher der Kaiser in Begleitung des zu
längerem Besuche hier anwesenden Königs Alfonso von
Spanien, des Kronprinzen Rudolph, sämtlicher Erz-
herzöge und einer glänzenden Suite sich unter dem
Jubel der Bevölkerung eingefunden hatte. Unten auf
dem im Festschmucke prangenden Platz vor dem Rat-
hause hatten die Gewerkschaften und Jnnungen mit
ihren Abzeichen Aufstellung genommen; oben im Saal
und auf dessen Galerie harrte das nach Tausenden
zählende geladene Publikum. Die ganze Feier, welcher
ein solennes Hochamt im St. Stephansdome vorauf-
gegangen war, trug jenen Stempel schlichter Herzlich-
keit, welcher hier überall zu Tage tritt, wo der Monarch
mit seinem Volk unmittelbar verkehrt. Die Rede, mit
welcher der Bürgermeister den Kaiser begrüßte, war
von echtem Bürgerstolz und zugleich von edlem Patrio-
tismus und Loyalitätsgefühldurchdrungen. „Von Patrio-
tischem Geist erfüllt" — so lauteten die Hauptsätze, —
begehen wir die Feier der baulichen Vollendung unseres
Rathauses an jenem ruhmvollen Gedenktage, an welchem
vor zwei Jahrhunderten die Macht des Feindes vor
den Mauern Wiens dauernd gebrochen und in den
Geschicken der Stadt und des Reiches ein entscheiden- !
der Wendepunkt herbeigesührt wurde. Seither erwuchs
durch das Gefühl der Zusammengehörigkeit der Völker
unter der weisen Fürsorge der Fürsten des Hauses!
Habsburg-Lothringen ein mächtiges Österreich, in Lem
Wien, seiner historischen Mission getreu, die Vormauer
deutschen Geistes und deutscher Kultur, der Mittel-
punkt des staatlichen Lebens wurde. Jn mächtigen
Formen und in reicher Pracht erhebt sich durch die
Opferwilligkeit der Bürger und die gewaltige Schaffens-
kraft vaterländischer Kunst das neue Rathaus zum
bleibenden Denkmal unseres Gemeinwesens, das unter
dem mächtigem Schutze Eurer Majestät den freiheit-
lichen Jnstitutionen seine Entwickelung und Blüte ver-
dankt." Von der mit Begeisterung aufgenommenen
Antwort des Kaisers erregten besonderen Jubel die
Worte, in welchen der persönlichen Huld und Anhäng-
lichkeit des Monarchen an die Stadt Wien Ausdruck
gegeben wurde: „Mit innigem Wohlgefallen" — sagte
der Kaiser, — „nehme Jch Jhre erneuerte Versicherung !
der angestammten Treue zu Meinem Hause und dem ^

gesamten Vaterlande entgegen; denn so tief gewurzelt
und unerschütterlich wie diese ist auch Mein Vertrauen
auf dieselbe und Meine Liebe zu Meiner und Meiner
Väter Residenzstadt." Nach diesen Worte unterzeichnete
der Kaiser als der erste die Urkunde, welche in die
Mauer der Turmnische versenkt wurde, worauf dann
unter den Klängen der vom Wiener Männergesang-
vereine vorgetragenen Festhymne der eigentliche Akt der
Schlußsteinlegung erfolgte. Der Kaiser that mit gol-
denem Hammer den ersten Schlag, den zweiten der
König von Spanien, worauf der Kronprinz und die
übrigen Erzherzöge, sowie die glänzende Reihe der
Würdenträger und Ehrengäste folgten. Als der Kaiser
nach vollzogener Schlußsteiulegung die offene Turm-
halle betrat, brachte ihm die auf dem Platze versam-
melte Menge eine euthusiastische Huldigung dar.

Hieran reihte sich die feierliche Eröffnung der in
den Räumen des Rathauses von der Gemeinde ver-^
anstalteten historischen Ausstellung durch den
Kaiser. Die Ausstellung füllt eine Anzahl von Sälen
in dem nvrdlichen Flügel des Mezzanin, welcher später
zur Aufnahme des städtischen Wasfenmuseums designirt
ist. Sie hat ebenfalls den Zweck, der dankbaren Er-
innerung an die ruhmvollen Tage von 1683 zum
Ausdruck zu dienen, und vereinigt in sich ein reiches,
geschmackvoll geordnetes, aus zahlreichen Sammlungen
des Jn- und Auslandes geschöpftes Material zum
Studium und zur Veranschaulichung jener denkwllr-
digen Epoche. Da sehen wir Pläne und Ansichten der
Stadt Wien aus der Periode der Belagerung, Porträts
der Führer und sonstiger hervorragender Persönlich-
keiten, Kostümblätter, Trophäen, Rüstungen, Waffen,
dann wertvolle Originalbriefe und andere Handschriften,
Gedenkmünzen, endlich eine Zusammenstellung der über-
raschend reichhaltigen auf das Ereignis bezüglichen
Litteratur aus alter und neuerer Zeit. Das Ganze
ist in zwei Hauptmafsen gegliedert, eine christliche und
eine türkische, von denen die erstere ein vorwiegend
historisches, die letztere dagegen auch ein eminent künst-
lerisches Jnteresse beansprucht. Die Überlegenheit der
orientalischen Kunstindustrie, das höher entwickelte
Luxusbedürfnis, der feinere Sinn für zierlichen Schmuck
und edlen Lebensgenuß reden da zu uns aus hunderten
von Zeugnissen, während der europäische Westen, mit
Ausnahme verschiedener Prachtgobelins, welche die
Wände zieren, einiger Skulpturwerke, Medaillen und
Werke der graphischen Kunst, einen recht schlichten,
spießbürgerlichen und oft plumpen Eindruck macht. Um
die Ausstellung hat sich in erster Linie Archivdirektor
Weiß mit seinen beiden Kustoden Uhlirz und Glossy,
dann bei der Bestimmung und Katalogisirung der
orientalischen Gegenstände Prof. Karabacek das größte
Verdienst erworben. Das künstlerische Arrangement
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