Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — 18.1883

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f8. Zahrgang.

Bciträge

sind an Prof. Dr.L. von
Lützorv (Wicn, Cbere-
fianumgasse 25) oder an
die verlagshandlung in
Leipzig, Gartenslr. 6,
zu richten.

7. Decembcr

Nr. 8.
Inscrate

e'l 25 Ps. sür die drei
Mal gespaltene j)etit-
zeilc werden von jeder
Buch- u.Kunschandlung

s882.

Beiblatt zur Zeitschrift für bildende Kunst.

Grscheint von Oktober bis Iuli jede woche am Donnerstag, oon Iuli bis September alle Tage, für die Abonnenten der „Aeitschrlft fur
bildende Aunst" gratis; für sich allein bezogen kostet der Iahrgang 9 Mark sowohl im Buchhandel als auch bei den deutschen

und österreichischen j?ostanstalten.

Inhalt: Denkmal Zohann winckelmanns (Schluß.) — vom Lhrlstmarkt II. — Das zweite Supplement der kunsthistorischen Bilderbogen; publi-
kation der Societü 6i Lan OiorZio in Llorenz. — Ausgrabungen vor dem parthenon zu Athen. — Aus weimar. — Ausstellung von
Manuskripten aus der yamiltonsammlung. — L,n Palast heinrichs des Löwen; Üier die Restaurationsarbeiten am tübecker Rathause ;
Planer-Denkmal von Lachner. — Neue Bücher und Zeitschriften. — Inserate.

Denkmal Iohann Winckelmanns.

Line ungekrönte Preisschrift Iohann Gottfried Herders
aus dcni Iahre ;778.)

(Schluß.)

Was nun die Preisschrift selbst betrifft, so müssen
wir uns darauf beschränken, einzelne charakteristische
Stellcn daraus mitzuteilen, charakteristisch sowohl für
Winckelmann als auch für Herder selbst, und im übrigen
ihren Jnhalt kurz zu resumiren. Attein man wird
schon hieraus erkennen, daß die Schrift zu dem Schön-
sten zählt, was über Winckelmann veröffentlicht worden
ist. Der Eingang lautet folgendermaßen*):

„Zuförderst erbitte ich nnr die Freiheit, als Deut-
scher über Winckelmann Deutsch schreiben zn dürfen.
Winckclmann war ein Deutscher und bliebs selbst in
Rom. Er schrieb seine Schriften auch in Jtalien
Deutsch und sür Deutschland, nährte die Liebe zu seinen
Landsleuten und zu seinem Vaterlande auch in jener
Ferne; schien endlich nicht sterben zu können oder
zu sollen, bis er die Nation wieder gesehen, die sich im
Grunde so wenig um ihn bekümmert hatte. — —
Die Schreibart seiner Schriften wird bleiben, so lange
die Deutsche Sprache dauert: ein großer Theil ihres
Jnhalts und ihr Geist wird sie überleben, warnm sollte
also Winckelmann, wie ers im Leben war, auch noch
nach seinem Tod verbannt werden und vor einem
Deutschen Fürsten, mitten in seinem Vaterlande, im
Kreise der Ersten Akademie, die seinem Studium in
Deutschland gestiftet worden, eine Lobrede in fremder
Sprache nnd nach einer Weise erhalten müssen, die

') Herders Schreibweise ist im Nachfolgenden beibehalten.

ihm im Leben nicht die liebste war? Jch schreibe
Deutsch. Verdients meine Schrift, so werde sie über-
setzt; wo nicht, so bleibe und daure sie, ein Deutsches
Denkmahl, ein roher ungebildeter Stcin mit Winckel-
manns Name beschrieben und wie ein einsamer Grab-
hügel, dem Andenken eines Helden heilig".

Herder verwahrt sich alsdann dagegen, eine Lob-
schrift im gewöhnlichen Sinne des Wvrtes geben zu
wotten; nur durch ein demütiges Opfer wolle cr
Winckelmann ehren. Er berllhrt zunächst die frühesten
trübseligen Lebensumstände Winckelmanns und fährt fort:

„Jn seiner verschämtesten Armuth und Niedrigkeit,
ohne einige bestinimte Aussicht, wohin er je kommen
und wozu ihn das Glück brauchen würde, strebt er
schon mit dem edlen Stolze, mit dem nnbesriedig-
ten, aber auch unauslöschlichen Gefühl sür Freiheit,
Freundschaft, Einfalt und Sinn der Alten, er
weiß selbst nicht wohin, er weiß selbst nicht wozu?
Welch ein Haß und Abscheu, den er gegen die neuere
Wortkrämerei, gegen barbarische, kriechendstolze und
sich in satter Dummheit blähende Magisterkünste
äußert! — Er dürstet nach dem gesunden Menschen-
verstande und simpeln Sinn der Alten, nach ihrer
einfachen Art des Lebens zu genießen und dasselbe
rühmlich, zn einem edlen Zmecke doch etwas in der
Welt ausgerichtet zn haben nnd nach zu lassen
ein Denkmahl seiner! so sein Leben zu gebrauchen.
Laßet es sein, daß dies ein Traum, daß es Romantische
Jdeen waren; genug, sie waren auch in den solgenden
Zeiten der Geist nnd die Wurzeln seines Lebens; vhnc
sie Wäre nie ein Winckelmann geworden. Mer die
Alten schreiben, sie dollmetschen und kommentiren, ohne
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