Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — 18.1883

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Ausstellung von Werken alter Meister in Edinburgh,

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Künstlers, die Figuren alle um einen geistigen Mittel-
punkt zu konzeutriren, der Kompositivn einen einheit-
lichen Guß zu verleihen, vergessen kann. Aber auch
»ur für Augenblicke; denn sobald der Beschauer sich
vom Einzelnen zum Ganzen emporschwingen will, tritt
ihm das Gequälte der geistigen Gestaltung hindernd
in den Weg, und kein Hauch jener belebenden Unmittel-
barkeit, die das Gepräge jedes aus dem Bollen ge-
schaffenen Kunstwerks ist, hilft ihm das Gebilde des
Künstlers zu neuem Leben erwecken.

Die kolossale Leinwand ist in einen ebenso kolossa-
len, aber wenig geschmackvollen Rahmen eingeschlossen,
in dessen Fries die Devise Svbieski's zu lesen ist: Non
nobis äoinine, non nobis, ssä noinini tno äa Alorium,
während in die Seitentheile rechts und links die Por-
trätmedaillons Jnnocenz' XI. Odescalchi, des glühen-
dcn Türkenfeindes, und Leo's XIIl., des zukünftigen Be-
sitzers des Gemäldes, in wenig organischer Weise ein-
gefügt sind.

Ausstellung von Werken alter Meister
in Ldinburgh.

Jnmitten eines Parkes, welcher das Centrum von
Edinburgh bildet, sind die ^.rt Oallorios gelegen,
ein Gebäude von der Gestalt eines ionischen Tempels,
dessen Jnneres in zwei Reihen von je fünf oktogonalen
Sälen zerfällt. Jn dem einen Flügel ist die schottische
Nationalgalerie nntergebracht, eine höchst bedeutende
Sammlung altitalienischer und altholländischer Bilder,
deren Wert durch einen elenden offiziellen Katalog
nach Möglichkeit mystifizirt wird; in dem anderen
Flügel finden die jährlichen Frühlingsausstellungen der
schottischen Malerakademie statt. Dieser Teil des Ge-
bäudes steht in der Regel von Jnni bis Januar leer.
FUr diesen Sommer hat man den Versuch gemacht,
hier Gemälde alter Meister aus den Privatsammlungen
des Landes öffentlich auszustellen. Solche Ausstellungen
sinden bekanntlich in London jedes Jahr statt; indes
in Edinburgh hatte man eine lange Reihe von Jahren
hindurch dergleichen nicht gewagt, aus Furcht vor
Mißerfolg. Nicht daß es in Schottland an guten
Bildern fehlte, oder daß die Privatbesitzer abgeneigt
wären, ihre Schätze dem Publikum zugänglich zu machen,
sondern man war wohl besorgt, ein solches Unter-
nehmen werde in wcitern Kreisen keinen Anklang
finden: eine Befürchtung, welche sich sehr bald als un-
begründet erwies.

Der Ausstellungskatalog umfaßt 654 Nummern,
wovon hundert Nummern auf Handzeichnungen kommen.
Unter den Gemälden sind etwa zwei Fünftel Werke
älterer schottifcher Maler, wobei Porträts llberwiegen.
Es möge mir nachgesehen werden, daß ich in dem

folgenden Bericht über die Ausstellung daraus verzichte,
auch nur eines dieser Bilder namhaft zu machen. Wer
sich dafür interessirt, möge die Berichte in englischen
Blättern lesen, welche von der nationalen Kunst mit
ebensoviel Sachkenntnis wie Liebe handeln.

Unter den Bildern alter Meister nenne ich das-
jenige zuerst, welches mir als weitaus das bedeutendstc
und wichtigste der gauzen Sammliing erscheint: ein
großes Madonnenbild von Dürer, nieines Erachtens
das anziehendste Gemälde, welches wir von der
Hand des Meisters besitzen. Es gehört dem Marguis
of Lothian, dessen Gemäldesammlung in Ncwbattle
Abbey bei Dalkeith sich befindet. Jn der Kunstlittera-
tur hat es bisher nur oberflächlich Erivähnung ge-
funden, wohl nur darum, weil es sv weuig Sach-
verständigen vergönnt war, das Bild zu sehen. Es
erscheint daruni angezeigt, hier eine kurze Beschreibung
der Kompositivn zu geben. Die Madonna sitzt, on
kaos gesehen, mit leicht nach rechts geneigtem Kvpse
da. Die Gestalt ist bis zu ^ Längc Les Körpers
sichtbar. Jn ihrem Schvße sitzt das Christkind auf
einem rvtbrannen Kissen. Sein langes weißes Gcwand
hängt lose von den Schultern herab zu den Seiten
des unbedeckt bleibenden Körpers. Jn der Rechten
hält es ein weißes zulpartiges Linnen, an dem zwei
Schellen befestigt sind. Auf dem linken, eingezvgencn
Arm sitzt ein Stieglitz. Jn den Gesichtszügen spiegelt
sich Erschrockenheit über die plötzliche Erscheinung des
Aufdringlings. Die rechte Hand der Madvnna ruht
aus einem Buch; mit der Linken nimmt sie einen Strauß
von Maiglöckchen aus der Hand eines vorn rechts
stehenden Engels entgegen. Ein zweiter Engel, welcher
auf derselben Seite steht, hält das kleine Rohrkreuz,
welches als Emblem des Johannesknaben bekannt ist,
während der erstgenannte Engelsknabe mit jenem Pelz-
gewande bekleidet ist, mit dem die Tradition denselben
Heiligen ausstattet. Zu den Seiten des Madonnen-
hauptes schweben zwei Cherubim, im Begriff, einen
Kranz auf ihr blondes, langherabwallendes Haar zu
setzen. Die Landschast des Hintergrundes wird von
einem hinter der Madonna vertikal hängenden Teppich
von tiefroter Farbe durchschnitten, wie wir dies in
den Madonnenbildern Bellini's und seiner Schule an-
zutreffen gewöhnt sind. Die tandschaftliche Scenerie
besteht rechterseits in Buschwerk, einem hvhen Baum
und jenseits dem Blick auf das Meer, linkerseits in
einer bergigen Landschaft mit der Ruine eines großen
Thorbogens. Links im Bordergrunde liegt auf einem
Tisch ein Cartellino, welcher folgende Jnschrist trägt:
AI1ierl-s durcr ger... alyi
faclebat post Uirgini^
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