Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — 18.1883

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Kunstlittsratur.

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dersclben die cntblößte Hatd- uud öiackciißartic dcr
heil. Barbara richtig verstanden. Miiller hat dic
richtigc Mvdellirnng wenigstcnS annähcrnd hcraus-
gefühlt, Mandel hat sie vollkommen wiedergegeben.
Endlich ist anch der Müllersche Stich in seiner Totnl-
wirknng einigermaßen durch den Umstand beeinträchtigt,
daß dcrselbe angesertigt worden ist, bevor der früher
umgeklappt gewesene, obere Teil des Bildes, die Trag-
stange des Vorhangs mit den Schieberingen enthaltcnd,
wieder znm Vorschein gekommen ist.

Wenn wir von dem unleidlich manierirten Stiche
von Desnoyers absehen, der eigentlich eher eine Kari-
katur als eine Jnterpretation genannt werden kann,
so vcrliert keiner so sehr neben dem Mandelschen Stiche
wie derjenige von I. v. Keller, der übrigens schon bei
seinem Erscheinen, so viel ich mich erinnere, herben
Tadel erfahren hat. Seine schwächste Seite ist die
Modellirung. Man kann sich kaum eine flockigere,
verblasenere, slauere Behandlung des Fleisches denken
nls sie Keller beliebt hat. Keine Form kommt klar
und plastisch zum Ausdruck: alles ist verschwommen
und verzerrt. Jn der Zeichnung kommt kein Strich
zu ungetrübter Erscheinung. Und gerade diese Schärfe,
Bestimmtheit und Feinheit der Zeichnung, welche dem
Originale eigen ist, hat Mandel in ihrem ganzen ur-
sprünglichen Reize wiedergegeben. Die lange und ein-
gehende Beschäftigung mit dem Bilde — er hat sechs
Monate lang vor demselben über seiner Zeichnung
gesessen — hat ihn auch mit der malerischen Prozedur
Raffaels noch vertrauter gemacht, als er es schon vor-
her infolge der Stiche nach der Madonna Colonna,
der Madonna della Sedia, der Madonna Panshanger
und dem Jünglingsbildnisse im Louvre gewesen war.
Er hat mit richtigem Blicke herausgefunden, daß Raffael
die Gewohnheit hatte, bei der Untermalung die Kon-
turen mit dem Pinsel fest zu umziehen. Diese Pinsel-
striche markiren sich nnter der Farbe so zn sagen plastisch,
und diese Eigenart, durch welche die Reinheit und
Sicherheit der Zeichnung mit bedingt worden ist, hat
Mandel sehr gliicklich angedentet. Einen besonderen
Fleiß hat er auf die Modellirung verwendet. So sind
z. B. die Hände des hl. Sixtus von einer erstaunlichen
Vollendung, von einer Krast der plastischen Wirkung,
wie sie keiner der übrigen Stecher auch nur geahnt hat.
Alle haben sich damit begnügt, die Figuren und die
Ornamentik an dem Mantel des hl. Sixtus summarisch
zn behandeln, Mandel hnt sich auch hier mit bewun-
derungswürdigem Fleiße in die Details vertieft und
das Muster wiedergegeben, soweit ihm das Original
die Möglichkeit dazu bot. Ebenso getreulich ist er den
Spuren nachgegangen, welche von den Scharen der
Cherubim auf dem Hintergrunde deS Gemäldes noch
übrig sind.

Die Zcichnung, Welche Mandel nach dem Originale
angefertigt hat, ist leider nicht zur Ausstellung gelangt,
wie eS hcißt, weil man befiirchtet hat, die farbige
Wirkung derselben würde den Eindruck des Stichcs
bceinträckitigen. Die lichte Haltung des letzteren scheint
demnach in der Absicht Mandels gelegen zu haben.
Denn daß er mit den Mitteln seiner Kunst die höchsten
koloristischen Effekte zu erzielen verstand, lehren uns
seine Stiche nach Tizian nnd van Dyck, Welche zu den
vollkommensten Jnterpretationen von Gemälden gehören,
welche jemals eines Stechers Kunst hcrvorgebracht hat.
Sie bilden neben der Sixtina den Glanzpunkt der
Ansstellung. Wer Mandel als Zeichncr in dcm vollen
Umfange seines Könnens würdigen will, der muß sich
an seinc Porträtstiche halten, in welchen er mit den
einfachsten Mitteln zu ganz überraschenden Wirkungen
hinsichtlich der Feinheit der Modellirung und der
Lebendigkeit und Wahrheit der Charakteristik kommt.
Porträts wie die von Rauch uud Fr. Eggers sind
Meisterwerke des Grabstichels, die sich trotz ihrer
schlichten Erscheinung mit den rafsinirtesten Produkten
desselben messen können. Adolf Rosenberg.

Aunstiitteratur.

llsnr^ äs tllionnsvierss, llss OsssinZ cku illouvrs.
?aris, 0. Lasollst L Oli. Oillot. I. Bd. 1882. Fol.

Vor kurzem publizirte die Direktion des Berliner
Kupserstichkabinetes eine Anzahl der besten Handzeich-
nungen in heliographischen Nachbildungen. Der Ver-
such glückte außerordentlich, die Reproduktionen waren
vollkommen gelungen und von den Originalen kaum
mehr zu unterscheiden. Von welcher Bedeutung dieser
Erfolg fiir die zeichnenden Künste ist, branchen wir
nicht bcsonders hervorzuheben. Jn der Handzeichnung
eines Meisters offenbart sich weit mehr als in seinem
vollendeten Werke das geheimste Werkstatttreiben seiner
Phantasie; hier können wir seine Jdeen von ihren
ersten Keimen bis zum vollendeten Entwurfe versolgen.
Außer dem rein ästhetischen Jnteresse, welchcs viele
dieser oft in hohem Grade vollendetcn Skizzenblätter
erwecken, ist es eben jener Reiz, durch sie einen Ein-
blick in das geheimste Schaffen des Genius zu erhalten,
der diesen Blättern den Beifall aller Kunstfreunde
sichert. Bis zu dem Berliner Versuche mußte man
sich mit Photographicn behelsen, deren Gesamtton in
vielen Fällen keine richtige Vorstellung von den Ori-
ginalen zu geben vermag; hier aber gab die Helio-
gravüre nun eine Reproduktionsmethode von nie ge-
ahnter Vollkommenheit an die Hand. Zu bedauern
war nur der unverhaltnismäßig hohe Preis, von durch-
schnittlich 4 Mark, den die Verlagshandlung sür ein
Blatt forderte. Jnfolgedessen kvnnte dcr Msatz einer
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