Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — 18.1883

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j8. Iahrgang
Beiträge

stnd an frof. Dr. L. von
Lützow (Mien, There-
sinnumgasse 25) oder an
die verlagssiandlung in
Leipzig, Gartenstr. 6,

20. 5eptember

Nr. H5.

Inserate

d 25 ssf. für die drei

Buch- u.Kunschandlung
angenommen.

s883.

Veiblatt zur Zeitschrift für bildende Kunst.


Lngechardt f; L. L. Storch f. — Lin riesiges vor-assyrisches Relies; Ausgrabungen..auf Delos; Aufsindung eines dorischen Tempels bei
Lpidauros; Mosaik des t2. Iahrhunderts. — Die historische Bronzeausstellung im Gsterreichischen Museum; Das ^edanpanorama in
Berlin; Das „Ladinet cles Lstampes" der j)ariser..Rationalbibliothek; Neue Gemäldegalerie in Roni; Neues archäologisches Museum in

LM" Kunstchronik Nr. 44 crschrint am 4. Octobcr. "WW

Die Wiener Läkularfeier.

Wien, 12. September 1883.

Tage voll ernster Erinnerungcn und frohcr Feste
sind fiir uns angebrochen. Der Monat ist nicht nnr
geweiht durch das Andenken an zwei unserer edelsten
deutschen Künstler; auch zwei Ereignisse von weltge-
geschichtlicher Bedeutung, welche jedem Deutschen das
Herz bewegen, finden in diesen Wochen ihre Weihe
und Verherrlichung durch die Kunst: in Wien legte
mau soeben, am Gedenktage der Befreiungsschlacht
vom 12. September 1683, den Schlußstein des neuen
Rathauses; auf den Höhen des Rheingaues wird sich
daran die Enthüllung des Niederwald-Denkmals knüpfen,
des nationalen Siegeszeichens von 1870—71.

Zum Glück fügt es sich durch den Gang unserer
öffentlichen Dinge, daß wir die beiden Gedenktage des
Ruhms und der Knnst im Geiste miteinander ver-
knüpfen können ohne jedwede Bitterkeit. Ganz Deutsch-
land feiert den Sieg Lothringens über Kara Mustapha
mit! Brachte er doch nicht Wien nnd der deutschen
Ostmark allein die Rettnng vor der türkischen Länder-
und Bentegier! Was wäre aus ganz Mitteleuropa
geworden, wenn der Osmane dem Entsatzheere die
Stirne geboten hätte? Bor unseren Mauern entschied
sich damals das Schicksal des Weltteils.

Es war ein schöner Gedanke, den Tag vor allem
durch die Einweihung des neuen Rathauses zu feiern,
wohl des Prächtigsten Denkmals kommnnaler Größe,
dessen nnsere Zeit sich rühmen kann. Gestern, am 11.,

ging diesem Fest ein von der Stadtverwaltung arran-
girter Ansslng auf den Kahlenberg voraus, bei
welchem über deni Portale der dort oben gelegcnen
kleinen Kirche eine Gedächtnistasel zum Andenken
an das Ereignis des Jahres 1683 feierlich enthüllt
wurde. Bon hier aus hatte sich das vereinigte Heer
der Kaiserlichen, der Sachsen, Bayern und Polen in
Bewegung gesetzt, um dem BelagerungSkorps der
Türken in den Rücken zu fallen. Itnter den Gästcn,
welche an dieser schlichten Feier tcilnahmen, befanden
sich zahlreiche Bürgermeister anderer Städte, an ihrer
Spitze der Sindaco von Rom, Herzog von Torlonia,
ferner die in Wien lebenden Nachkommen der Helden
von 1683, dann die Prälaten der niederösterreichischen
Stifte, sowie eine große Versammlung von Vertretern
der Künstler- und Schriftstellerwelt. Nachdem die vom
Wiener MLnnergesangvereine vorgetragene Festhymne
verklungen war, hielt der Bürgermeister, Eduard U hl,
die Festrede, in welcher er die Tage der Bedräng-
nis Wiens und seiner cndlichen Bcfreiung schilderte.
Unter dem Donner der Kanonen fiel sodann die
Hülle von der Gedenktafel, deren Text in kurzen
Worten der Erinnerung an den rnhmvollen Sicg des
Entsatzheeres Ausdruck giebt und die Namen der da-
maligen Heerführer, des Polenkönigs Sobieski und der
Reichsfürsten, verzeichnet. — Am Abend riefen uns
die Raketen, die von den Höhen aufstiegen und vom
Prater aus durch ein dort veranstaltetes großes Feuer-
werk ihre Erwiederung fanden, den Austausch der
Feuersignale zwischen Starhemberg und seinen Be-
sreiern in die Erinnerung zurück.
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