Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — 18.1883

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Ausstellung alt-orientalischer Stoffe im Österreichischen Museum.

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Ausstellung alt-orientalischer 5toffe im Oster-
reichischen A7useum.

(Schluß.)

Bemerkenswert ist ferner das Vorkommen des
sogenannten „lansendes Hundes" sowie die Verwendung
griechischer Bnchstaben im Ornament. Die Formen
des großen Gamma und Eta kommen wiederholt vvr.
Bedeutungsvoll erscheint ein Ornament, welches einen
stilisirten Baum oder ein solches Kraut dargestellt und
dadurch charakterisirt wird, daß die Blüten durch regel-
mäßig gebildete Rosctten dargestellt sind, welche ohne
Vermittelung an dünnen Stengeln sitzen. Meist trägt
ein Stamm drei symmetrisch angeordnete Stengel mit
Blumen. Besonders ist hier auf Nr. 403 bis 405 der
Ausstellung hinzuweisen. Genau dasselbe Ornament
findet sich als stilisirte Pflanze in den Bilderhand-
schriften der Karolingerzeit. Augenblicklich habe ich
als Beispiele in der Erinnerung: die Alkninbibel (Brit.
Mus. und Bamberg) und die Bibel Karls des Kahlen
(Paris). *) Was die Stoffe in der Ausstellung an-
belangt, auf denen das bezeichnete Ornament vorkommt,
so hält sie Karabacek sllr „römisch, in klassischem Stil".
Die auffallende Beziehung zu den Formen in den karo-
lingischen Miniaturen ist jedenfalls interessant.

Jn betreff der Ornamente darf nicht unerwähnt
blciben, daß auf dem Gobelinsschmncke einer reichver-
zierten Leinentunika (Nr. 419) sich in gleichmäßigen j
Abständen elegant geformte Vasen zeigen, aus denen
je zwei Ranken emporsteigen. Das Ganze ist so ange-
ordnet, wie sich dasselbe Motiv auf spätrömischen und
altchristlichen Kunstgegenständen häufig findet. Zwischen
den Vasen erblicken wir Gestalten von Vögeln (Adler?
Hähne?).

Ein Motiv, das den Kunsthistorikern von dem
olavns des Kaisers Justinian auf der Mosaikdarstellung
in Ravenna her bekannt ist, nämlich eine von einem
Ring eingeschlossene Ente, sehen wir auf Nr. 421
und 422.

Noch anregender wird die Betrachtung der Graf-
schen Stoffe, wenn wir auf die zahlreichen Proben
achten, welche sigürliche Darstellungen und Schrift-
zeichen oder beides zugleich zeigen. Eingehende Be-
achtung verdient vornehmlich Nr. 109: „Koptisches
Leinenzeug mit geometrischer Musterung in Weiß-
stickerei.... Als Abschluß des obersten Randes ....
laufcn . . . zwei Zeilen koptischer Jnschrift mit kräftigem
Uncial-Duktus mit blauer Wvlle eingestickt. Das
Stück gehört wohl in das 8. Jahrhundert n. Chr."
Jnteressant ist ferner Nr. 113, „die untcre Hälfte einer
jüdischen wollenen Pracht-Tunika", welche in hebrüi-

I) Vergl. Bastard, ksintnrss st Ornemsnts ckss
Llannsorits.

schen Schriftzügen die Abkürzung eines Spruches ent-
hält. Bild und Wort begegnen wir auf Nr. 401,
dem Reste eines Oberkleides, wahrscheinlich persischer
Provenienz. Auf dem Achselstücke zeigt sich folgende
Darstellung: „Eine mit einem Teufel ringende
Menschengestalt, die beim Ergreifen des Krallen-
süßigen ihre persische Flügelmütze und ihren Krumm-
stab (litrnrs) zur Erde hatte fallen lassen. Links vom
Teufel steht das erklärende persische Wort älvlclr(i)
d. h. Teufelsfänger." Karabacek giebt zn dieser
Beschreibung voch eine erklärende Note: „Aus den
persischen Quellen war wohl zu ersehen, daß man in
alter Zeit sogenannte viivlclri, d. h. teufelsfängerische
Kleider hatte..." Hierauf verweist er auf das ans-
gestellte Stück, welches er zu den „kvstbarsten Textil-
ilberresten" überhaupt rcchnet. Anch in ikonographischer
Beziehung ist diese Nummer wohl von höchster Be-
deutung.

So giebt denn die Ausstellung über manches
Aufschluß, an dessen Erklärnng man sich bis vor kurzem
kaum herangetraut hätte. Nicht zu unterschätzen sind
auch die in den ausgestellten Stoffen gebotenen Er-
klärungen über den Begriff des olavns bei den Römern.
Jch finde darüber im Kataloge auf S. 26 folgendes:
„Es ist bekannt, daß in der Kaiserzeit die hochgestellten
Würdenträger, die Senatoren, Kriegstribunen und
! Ritter, die Befugnis hatten, auf ihren reich verzierten
Tnniken und Mänteln den ihren Rang bezeichnenden
olavns, das zu tragen: der Senator nämlich

einen größeren, latns olnvris, der Ritter aber zwei
kleinere Abzeichen, nnZnsti olavi genannt. Allgemein
hat man bisher angenommen, daß diese olavi aus
einem oder zwei Purpurstreifen bestanden, welche in
der vorderen Mitte der Tunika vom Halse vertikal
zum Saume, resp. parallel, herabliefen. Aus unseren
Fnndstücken geht nun zweifellos hervor, daß nicht diese,
auch über den Rücken gehenden und schon zu Beginn
des 4. Jahrhunderts zur allgemeinen Mode gewordenen
Gewandstreifen die ols-vi vorstellen, sondern daß letztere
je nach der Rangstufe des betreffenden aus größeren
oder kleineren viereckigen oder runden Besatz-
stücken bestanden. Der große, latms olnvns, war
demnach einfach und wurde schief über die ganze Breite
der Brust geheftet; der kleine, nnguskns olavris, war
doppelt und hatte seine Stellung auf der linken und
rechten Brustseite neben den Brustspangen. Aus dem
römisch - byzantinischen ols-vus, beziehungsweise den
Achselabzeichen, haben sich in späterer Zeit, als die
Araber in Ägypten und Syrien die byzantinische Erb-
schaft antraten, zunächst die arabischen mit bezughaften
Jnschriften geschmückten, bandartigen Achsel- und Arm-
abzeichen, die sogen. tirLn, entwickelt, welche sodann
auch in der gesamten orientalischen Kleiderbordirung
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