Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — 18.1883

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Kunstlitteratur.

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Aunstlitteratur.

I>S8 tÄpisssriss äs 1-r LLtllöärLls äs Hsims. "Isxts
pur N..6K. I/oricjust, liÄioZruvurss ä'upros les
ässsins äs Nrs. NurAust st Ouuxliillot. ?uris,
tjuuntin. 1882. k'ol.

Der Vorliebe, mit der sich die französische Kunst-
fvrschung in dcn letzten Jahren dcm bisher zicmlich
vcrnachlässigten Stndium der Geschichte der Kunst-
weberei zugewendet hat, ist cs zu verdanlen, daß wir,
während die großen Werke Guiffreh's, Müntzs und
Pinchards (Ilistoirs Ovnsrals äs Is. lapisssris) sowie
Gnicharts nud Dareels (6ss lapisseriss äu Osräs-
Nsubls) erst tcilweise zum Abschluß gediehen sind,
tvicder über eine schöne Publikation zu berichtcn haben,
dcren Gegcnstand dem gleichcn Zweigc künstlerischer
Thütigkeit enlnommen ist. Es ist bekannt, daß die
Kathedrale von Reims als Überrest größerer Schätze,
die in den Stürmen der Revolution ihrcn Ilntcrgang
gefunden haben, eine Reihe von gewirkten Teppichen
(Arazzi) bewahrt, von denen zwei, Scenen aus dem
Leben Chlodwigs darstellend, dcm 15., die übrigen, niit
Darstellungen aus dem Leben Mariä, der ersten Hälfte
des 16. Jahrhunderts angehören. Jhrer Geschichte
und Würdigung ist gegenwärtigc Publikation gelvidmet.
Bkr. Loriguet, Bibliothekar der Stadt Reims, giebt im
Text vorerst eine Übersicht der Geschichte dieses Kunst-
zweiges im Mittelalter, wendet sich sodann zu den
Reimser Teppichen vom 13. bis zum 18. Jahrhundert,
wobei er die gedruckten und handschriftlichen Qucllen
der Lokallitteratur, soweit sie auf den Gegenstand Be-
zug haben, mit vieler Sorgsalt und, wie es scheint, in
größter Voltständigkeit heranzieht und geht endlich zu
einer detaillirten Beschreibung und Prüfung der noch
vorhandenen Teppiche über. Was die Geschichte der-
selben anbelangt, so wird gezeigt, daß speziell sür die
Kathedrale in Reims der Gebrauch ähnlichen Wand-
schmuckes sich in die frühesten Zeiten zurückdatirt, in-
dem schon Gregor v. Tvurs bei der Erzählung der
Taufe Chlodwigs hervorhebt, die Pracht der Teppiche,
womit Straßen und Kirchcn behangen gewesen seien,
habe Liesen zn der Frage an seinen Begleiter, den
heil. Remigius, veranlaßt, ob sie denn schvn in dns
himmlische Reich eingetreten seien? Was jedoch die
bisherige Annahme betrifft, die Könige von Frankreich
hätten die bei ihrer Salbung zum Schmuck der Kathe-
drale verwcndeten Arazzi jedesmal diescr geschenkt, so
kann der Verfasser dasür keinen Bcweis beibringen.
Jm Gegenteil, die Schenkungen stammten zumeist von
kirchlichen Würdenträgern. So stiftete der Erzbischof
Jehan Canard, laut einer invcntarischen Aufzeichnung,
im Jahre 1419 sünf Teppiche mit Scenen aus dem
Lebm des heil. Renngins, Erzbischof JacgueS Iuvönal

des Ursins sechs Stücke im Jahre 1456, und aus dem
16- Jahrhundert hat man Nachricht von zwei großen
Schenkungen des Erzbischoss Robert v. Lenoncourt
nnd des Kardinals von Lothringen. Überreste dieser
Stiftungen sind es, dic uns in unserem Werke vorgc-
sührt werden, denn dic Gobelins des 17. und 18.
Jahrhunderts, deren dcr Schatz dcr Kathedrale eine
Anzahl besitzt, sind davon ausgeschlossen. Nach den
Schicksalen, die dieselben während der Revvlution mit-
znmachen hatten, von dercn Phasen nns der Verfasser
cinen genancn Bericht crstattct, mnß cs uns wundcr
nchmen, daß sie sich iiberhaupt nvch in präsentablem
Znstandc crhalten haben. Dics gilt freilich »ur vvn
der späteren Reihe; denn die zwei Stücke ans dem
Leben Chlodwigs, die nicht blvs als Knnstwerkc,
sondcrn mehr noch als historische Dokumente von
unschätzbarem Wertc gewescn wären, sind leider arg
niitgenvmmen, die Beischriften jedoch glücklicherweise
crhalten und lesbar. Dem Stil nach sind jene zweifel-
los flämischen Ursprungs; sie erinncrn den Verfasser
an eine Suite von Teppichcn aus dem Lebcn Mariä,
welche, nach Zeichnungen der van Eycks gewebt, gegen-
wärtig in Madrid aufbewahrt werdeu. Auf einem
der Reimser Teppiche sindet sich die Bezeichnung:
„ckob. 6s Aairs inv." Anf Grund dicser stettt nun
der Verfasscr die Annahme auf und verficht ihre Be-
rechtigung mit vielem Geist, der Genannte sei kein
anderer, als der gleichnamige flamische Dichter und
Schiitzling Margaretha's von Burgund, der Tochter
Kaiser Maximilians und Statthalterin der Niederlande
(1506 —1530), der sie in einem jüngst neupublizirten
Gcdicht „6g, Oouronns NarAuritigus" besang. Dies
Gedicht nun — cine Art flämischcr Reimchronik Giov.
Santi's — feiert die gleichzeitigen Künstler der Nieder-
lande nnd führt die berühmtesten davon namentlich
an, und so schließt nun der Verfasser, Le Maire hätte
sür einen oder mehrere derselben den Cpklus unserer
Darstellungen in Gegcnstand und allgemeiner Anvrd-
nung der Scenen angegeben, und sie hätten hiernach
die Zeichnungen und Kartvns zu fertigen gehabt.

Was das Formale unserer Publikation betrifft, so
bietet sie ein Beispiel mehr für den Geschmack und die
Solidität, mit der französische Verleger ähnliche Unter-
nehmungen ins Werk setzen. Freilich bedingt dies auch
ein gleiches Entgegenkommen von seiten des Publi-
kums; daß dieses aber vorhanden ist, daß sich ein be-
deutendcr Leserkreis für die künstlerischen Monumente
des eigenen Landes interessirt, dafür sind die in den
letzten Jahren in schneller Folge erschienenen Pracht-
publikalionen, insbesvndcre auch dcs Ouantinschen Ver-
lags der beste Beweis. — Auch unsercm Werke hat
dieser ein des Gegenstandcs würdiges Kleid gegeben.
Wcnn tvir daran etwas aussetzen sollen, so wäre es
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