Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — 18.1883

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Vom Ulmer Münster.

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sucher die Schcimröte ins Gesicht steigen mußte.
Daraus kanu nicht einmal irgend jemandem ein
Vorwurf gemacht werden. Die deutsche Reichsregierung
hätte, da sie offiziell von der Sache nichts wissen
wollte, am besten gethan, energisch von der Beschickung
abzuraten. Unter den obwaltenden Verhältnissen
tvaren aber die Künstler über den Grad der Beteili-
gung im unklaren, und so hat Hinz und Kunz ge-
schickt, was sie gerade übrig hatten. Von Meistern ersten
und zwciten Rauges sind nur die beiden Achenbach,
Alb. Bauer, H. Eschke, R. Jordan, O. v. Kameke,
E. Körner, Chr. Kröncr, W. Lindenschmidt,
C. Ludwig und Fritz Werner vertreten, uud auch
diese nicht durchweg mit Arbeiten, welche auf der Höhe
ihrer künstlerischen Bedeutung stehen. Kein Knaus, kein
Menzel, kein Defregger, kein Vautier, kein M. Schmid,
— also aus dem Kreise der Genremaler nicht ein ein-
ziger von denen, welche den Ruhm der deutschen Malerei
der Gegenwart begründet haben. Das Ktügste, was
bei dieser unglücklichen Geschichte noch gethan worden
ist, war, daß sich die deutschen Künstler üors oonoours
erklärten, daß uns also die Schande erspart wurde, bei der
Medaillenverteilung in Lie letzte Stelle gerückt zu werden.

Die holländische Malerei war durch ihre besten
Namen vertreten, und es ist auch nicht zu zweifeln,
daß die Künstler ihr Bestes hergegeben hatten. Man
sah Bilder von I. H. L. de Haas, Josef und Jsaak
Jsraels, Hermann ten Kate, Koekkoek, Kruse-
man, H. W. Mesdag, Stroebel, Namen, die im
Auslande am meisten bekannt sind. Aber ein erheben-
des Bild gewährte diese Ausstellung nicht. Der platte
Realismus, welcher die geistige Kultur Hollands be-
herrscht, scheint die Kunst an jedem idealen Aufschwunge
zu hindern. Die mythologische, die historische und die
religiöse Malerei sind fast unbekannt. Auch mit der
Porträtmalerei ist es schwach bestellt. Das wenige
Erträgliche auf diesem Gebiete zeigt französische Ein-
flüsse. Sonst nichts als Landschaften, Viehweiden, Tier-
stücke und Genrebilder, die meist nüchterne Abschriften
der Natur sind. Humor ist so gut wie gar nicht vor-
handen, und nur selten giebt sich eine tiefere Empfin-
dung kund, kommt irgend etwas zum Durchbruch,
was das Gemüt des Beschauers ergreift. Am auf-
sallcndsten aber ist, daß sich die modernen holländischen
Maler, ganz im Gegensatze zu den Belgiern, so wenig
um die ruhmvolle Bergangenheit ihrer heimischen
Kunst kümmern. Man sollte nicht glauben, daß
hicr Rembrandt und Frans Hals, Ruisdael und Hob-
bema, Terborch und Dou, van Ostade und van Goyen
gelebt haben. So wenig isf von ihrem Studium in
den Werken der modernen Maler zu spüren. Stroebel
und ten Kate sind so ziemlich die eiuzigen, welche eine
rühmliche Ausnahme machen.

Jn der belgischen Malerei hat die nationale Strö-
mung die von Frankreich abhängige Richtung neuer-
dings wieder in den Hintergrund gedrängt. Jnsbe-
sondere macht sich in der Landschaftsmalerei ein ener-
gisches Streben nach schlichter Naturwahrheit bemerkbar,
welches auf das Studium der altniederländischen
Meister zurückzusühren ist. Die Historienmalerei im
Sinne der glorreichen Tradition der vierziger und fünf-
ziger Jahre scheint dagegen, soweit sich nach dem
Materiale der Ausstellung urteilen läßt, ganz ertoschen
zu sein. Wie überall erfreut sich auch hier die Genre-
malerei einer lebhaften Blüte, welche namentlich da,
wo die Künstler in der koloristischen Behandlnng an
die klassischen Vorbilder der Heimat anknüpfen, auch
recht erfreulich ist. Adolf Rosenberg.

Oom Uliner Acünster.

6. Am 7. Juli sind die letzten Balken des Notdachs
gefalleu, welches mit seinen vier zierlichen Erkertllrm-
chen und in seiner allmählichen Verjüngung in einen
schlanken, mit Knopf und Kreuz gekrönten kleinen
Glockenturm dem riesigen Torso des Westturnies des
Münsters einen verhältnismäßig nicht unschönen Jn-
terimsabschluß gegeben hatte und welches nunmehr seit
etwa vierthalbhundert Jahren das allen Besuchern
der Stadt wohlbekannte, durch alle bildlichen Auf-
nahmen des Münsters tausendfach verewigte Wahr-
zeichen Ulms gewesen ist. Unter den im obersten
Turmknopfe niedergelegten Pergamenten fand sich keines,
das auf die Erbauung dieses Notdaches zurückginge,
wohl aber ein Gedicht vom Jahre 1597, welches ver-
schiedene Reparaturen an demselben erzählt. Ohne
Zweifel war dasselbe um 1529, wo der Weiterbau
ganz und definitiv eingestellt worden ist, aufgesetzt.
Ein Ercignis nun, wie der Abbruch dieses denkwürdigen
Notdaches, welches zugleich den nunmehrigen Fort-
schritt zum Weiterbau, zur Bollendung dcs
Hauptturmes bedeutet, ein solches Ereignis war wohl
würdig, von den Bürgern Ulms durch einen letztcn
Abschiedsbesuch mit Bankett in der Turmstube dcs
neuen Nordchorturmes gefeiert zu werden, und giebt
gegründeten Anlaß, auch in diesen Blättern auf das
I seit dem letzten Bericht in Nr. 7 der Kunst-Chronik in
der Münsterrestauration, unter der Leitung vou Dom-
baumeister Prof. Beyer, Geleistcte eincn Rückblick zn
werfen. — Es wurde damals mitgeteilt, daß nach Ab-
bruch der großen Orgel und Anfstellung einer Jnterims-
orgel, auf einem ins Mittelschiff vorgebauten Holzgerüste,
mit den Verstärkungsarbeiten begonnen wurde,
welche dem eigentlichen Weiterbau am Turme voran-
gehen müssen. Diese Verstärkungsarbeiten betreffen
1) Einbauten in die weiten Fenster der Turmhalle
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