Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — 18.1883

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Die internationale Kunstausstellung in Amsterdam.

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streckt sich vor dem Eingange eine Vorhalle, über
welche ein riesiges rotes Velarium gespannt ist. An
den Wänden des Vestibüls halten kolossale Elcfanten
und phantastische Sphinxgestalten mit Reitern Wacht,
— es ist ein burleskes Gemisch der abenteuerlichsten
Stilformen, welches immerhin bezeichnend genug für
den bunt zusammengewürfelten Bazar ist, welcher den
Eintreterrden hinter dicsem grotesken Aufbau aus Stuck
und gegipster Leinwand erwartct. Das eigentliche
Kolonialgebäude, welches die Kunst- und Raturerzeug-
nisie der indischen Kolonien Hollands enthält und un-
gefähr den Charakter eines großen ethnographischen
Museums hat, liegt in der Hauptaxe parallel dem
Ausstellungspalast und ist in einem einfachen, aber an-
sprechenden maurischen Stile gehalten. Über den Jnhalt
des Hauptgebäudes ist, soweit er sich auf die Kunstin-
dustrie bezieht, bei der außerordentlich großen Lücken-
haftigkeit des gebvtenen Materials kein Wvrt zu ver-
liere». Es liegt auf der Hand, daß die Fortschritte,
welche die Jndustrie seit 1878 gemacht hat, nicht so
gewaltig seiu können, daß sie die Physiognomie einer
fünf Jahre darauf veranstalteten Weltausstelluug gegen
die frühere erheblich verändern können. Die Leistungen
Deutschlands unterschieden sich in nichts von denjenigen,
welche wir durch die Berliner, die Düsieldorfer und die
süddeutschen Lokalausstellungen kennen gelernt hatten.
Frankreich befindet sich augenscheinlich in einer Periode
des Stillstandes, dessen Vorhandensein durch die ko-
lossalen Spezialausstellungen von Barbödienne und
Christofle und durch die blendende Etalage der Schmuck-
sachen und Prunkgeräte von Fromont-Meurice nicht
widerlegt wird. Belgiens Kunstindustrie hat dagegen
seit 1878 einen sichtlicheu Aufschwung genommen, so-
daß sie eigentlich wenig mehr hinter der französischcn
zurückbleibt. Nur sehlt ihr noch ein selbständiges
Gepräge. Neues und Überraschendes haben wiederum
nur die Japaner zur Schau gestellt, welche namentlich
in der Dekoration der Bronzen und Porzellane eine
Anzahl neuer Kombinationen und Farbeneffekte erzielt
haben. Dementsprechend sind aber auch ihre Preise
noch über diejenigen der Pariser Weltausstellung hin-
aus gestiegen. Eine neue Erscheinung waren auch die
Bronzen der Firma Woerffel in St. Petersburg:
klcine, außerordentlich lebendig und technisch meister-
haft behandelte Typen aus dem Volksleben, Kvsaken,
Bauern mit Pferden und Rindern, Fuhrwerke, Tiere
in Verbindung mit Bergkrystall, welche ebensowohl
ihres nationalen Charakters wie ihrer vortrefflichen
Technik halber sehr schnell verkauft wurden.

Und die Kunst? Man hatte ihr einen langge-
streckten Schuppen am äußersten Ende des Ausstellungs-
platzes angewiesen und ihre Würde auch sonst so wenig
geachtet, daß man keinen Anstand nahm, in ihrcr

Mitte eineu Bazar zu etabliren, in welchem Kleidungs-
stücke, Kurzwaren und Nippessachen für einen wohl-
thätigen Zweck verkauft wurden. Holland hat sich
natürlich am stärksten beteiligt. Wenn wir nur die
Maler berücksichtigen — denn die Bildhauer aller Na-
tionen sind so schwach vertreten, daß eine plastische
Abteilung so gut wie gar nicht vorhanden ist, — so
hat Holland 173, Belgien 129, Frankreich 128
und Deutschland 113 gestellt. Jnsgesamt sind
1207 Kunstwerke zu sehen, welche sich folgendermaßen
verteileu: auf Holland 365, auf Belgien 276, auf
Frankreich 345, auf Deutschland 179, auf Jtalien 28.
Ein paar Russen, zwei Schweden, ein Däne, ein Eng-
länder, ein Spanier und ein Osterreicher sind zu einem
„internationalen" Salon vereinigt, der es Ende Juni
bis auf 15 Nummern gebracht hatte. Der Umstand,
daß Belgien und Holland sehr reich auf der Aus-
stellung vertreten sind, hat natürlich wieder seinen
Rückschlag auf die Münchener Ausstellung geübt. Jn
München sind nur 22 holländische und 45 belgische
Maler anwesend. Also Stückwerk hier wie dort. Eng-
land, deffen Malerei eine so hervorragende und eigen
geartete Stellung einnimmt, hat sich an beiden Aus-
stellungen nicht beteiligt, und Österreich, Spanien,
Amerika und Jtalien haben die Amsterdamer Aus-
stellung ganz oder so gut wie ganz ignorirt.

Frankreich hat sich seine Sache am leichtesten ge-
macht, indem es einfach eine Auswahl von Gemälden
aus den Salons von 1880, 1881 und 1882 — der
1. Januar 1879 war von der Kommission als Grenze
für die Entstehungszeit der zuzulasienden Kunstwerke
festgesetzt worden — nach Amsterdam schickte. Man
sah Bonnats Porträt von Puvis de Chavannes,
Carolus-Durans Grablegung, Gervex' Zivil-
trauung, Laugöe's Tortur unter der Jnquisition,
Leroux' Wunder der Vestalin Claudia Quinta,
Morots Versuchung des heil. Antonius, Rixens'
Tod der Agrippina, Soyers Strike der Schmiede
und den öffentlichen Schreiber von Worms, der ge-
ringeren Werke nicht zu gedenken. Untcr den wenigen
Novitäten waren die bedeutendsten zwei Londoner
Straßentypen, ein junger Kommissionär und eine Blu-
menverkauferin von Bastien-Lepage, zwei lebens-
große Figuren, die in seiner bekannten Manier, zarte
und eingehende Modelliruug der Köpfe bei vollstän-
diger Vernachlässigung des Hintergrundes, behandelt
sind. Die französische Ausstellung bot aber, trotzdem
es auch ihr an hervorragenden Kunstwerken mangelte,
infolge der getroffenen Auswahl immerhin noch einen
geschlossenen und einheitlichen Anblick, welcher den
Charakter der französischen Kunst deutlich erkennen
ließ. Die deutsche Abteilung sah aber so über alle
Maßen erbärmlich aus, daß dem deutschen Be-
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