Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — 18.1883

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Der Pariser Salon.

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Der günstige Eindruck, den die Anwesenden im
Vestibül empfnngen hatten, steigerte sich noch bei dem
ersten Rundgange durch die Ausstellungsräume, welchen
Prinz Luitpold, vom Präsidenten v. Miller geleitet und
von den höchsten Herrschasten und glänzendem Gefolge
begleitet, unternahm und wobei zuerst die deutschen
und darauf die ausländischen Abteilungen besucht
wurden.

Der Eindruck, daß die dritte internationale Aus-
stellung ihre beiden Vorgängerinnen sowohl in Anzahl
und Mannigfaltigkeit als auch in der inneren Bedeutung
des Gebotenen hinter sich läßt, war ein allgemeiner.

So wenig natürlich heute, wo noch Frankreich
und ein namhafter Teil der deutschen und amerikani-
schen Kunst nicht vertreten sind, ein Gesamturteil mög-
lich ist, so läßt sich doch eines feststellcn, daß die Knnst
allüberall den Weg des Realismus eingeschlagen und
darauf entschiedene Erfolge errungen hat. Solche Er-
folge mögen immerhin eine Neigung zur Einseitigkeit
zur Folge haben; der Kunst, die ja für alle Be-
strebungen Ranm hat, können sie nur zum Vorteil
gereichen.

Der während der Eröffnnngsfeierlichkeit ausge-
gebene offizielle Katalog zählt auf beinahe 7 Bogen
3061 Verschiedene Kunstwerke, als Ölbilder, Glas-
gemälde, Aquarelle, Zeichnungen, Plastische, graphische
wie architektonische und illustrirte Werke auf. (Der bei
der letzten internationalen Kunstausstellung erstmals
ausgegebeneKatalog zähltenur 1929Werke.) EinNach-
trag wird baldigst erwartet.

Zur Lösung der hochwichtigen Beleuchtungsfrage
ist das Mögliche geschehen: auf allen Wänden liegt ein
mildes, ziemlich gleichmäßiges Licht, und sämtliche Räume
tragen einen weihe- und stimmungsvollen Charakter.
Man hat dies dadurch erreicht, daß die mittlere Fläche
des Oberlichtes durch einen dunklen Schirm abgedeckt
und von dessen Rändern bis an das obere Wandkarnies
ein leichter weißer halbdurchsichtiger Stoff gespannt
wurde. Kt.

Der Pllirifer 5alon.

I.

Der Staat hat ein Recht, zu triumphiren. Es
ist das dritte Mal, daß die Künstler ihren „Salon"
selbst arrangirt und geleitet haben, und nie zuvor ist
cine so niederschmetternde Fülle von Mittelmäßigkeiten
in den Räumen des Glaspalastes vereinigt gewesen.
Wenn der Staat im Herbst seinen Elite-Salon, den
8alon trisnnnl, veranstaltet, wird er keine Ursache
haben, auf diesen Salon zurückzugreifen, wie er denn
auch in seinen Erwerbungen sich vorsichtiger als sonst
benommen hat. Ein Opfer mußte freilich dem Moloch

der theatralischen Schauermalerei gebracht werden,
welche man in Frankreich mit der Historienmalerei
großen Stils verwechselt und die jeder hervorragende
Maler wie eine Art Kinderkrankheit durchmachen zu
müssen scheint. Georges Rochegrosse, ein Schüler
von Lefebvre und Boulanger, welcher jedoch die zahme
Eleganz seiner Lehrer völlig verleugnet, hat für eine
riesige Leinwand „Andromache" nicht nur den Preis
des Salons erhalten, sondern sein Bild ist auch vom
Staate erworben worden, um im Luxembourg oder in
einer anderen öffentlichen Sammlung als ein Glied
jener langen Kette hohler Deklamationen aufbewahrt
zu werden, welche von David bis anf die Gegenwart
reicht. Das Drama spielt sich inmitten einer unbe-
schreiblich blntigen Umgebung am Fuße einer hohen
Treppe ab, welche zur Ringmauer von Troja empor-
führt. Oben wartet Odysseus auf den kleinen Astyanax,
welchen ein griechischer Soldat eben den Armen der
Andromache entrissen hat, die den Unhold vergebens
an seinem Mantel zurückzuhalten sucht. Vier andere
Krieger bieten alle ihre Kräfte auf, um das vor
Schmerz rasend gewordene Weib von ihrem Kinde
zu trennen. Um diesen unverhältnismäßigen Aufwand
von Gewalt wahrscheinlich zu machen, ist Andromache
wie ein Hünenweib mit massigen Gliedern gebildet, wie
ein gallisches Weib, die mit Leichtigkeit ein halbes
Dutzend römischer Legionssoldaten mit der Wagen-
runge zu Boden schlägt. Und dem entspricht auch der
Habitus ihrer Bändiger, die nicht wie Hellenen aus-
sehen, sondern nordamerikanischen Jndianern gleichen.
Seltsam phantastisch ist ihre Bewaffnung, ihreKleidung,
ihr Federschmuck. Nichts von jener pseudo-klassischen
Eleganz, welche sich David aus den unteritalischen
und etruskischen Vgsen und geschnittenen Steinen zu-
recht gemacht, sondern jene wilde, Schrecken einslößende
Ursprünglichkeit, von welcher uns die Ausgrabungen
Schliemanns in Mykenä eine Vorstellung gegeben
haben. An der Mauer, ganz links oben, ist eine ganze
Reihe von Leichnamen aufgehängt, und mit Leichen, mit
abgeschlagenen Köpfen, verstümmelten Gliedern und mit
Trümmern von Hausgerät ist der ganze Vordergrund
angefüllt. Rauch und Flammen verstärken noch die
unheimliche Folie des Bildes. Aber das ursprüngliche
Gefühl des Grauens hält nicht lange vor, sondern
weicht bald dem Widerwillen über die grenzenlose Uber-
treibung und das groteske Anhäufen der brutalsten
Effekte. Die Zeichnung und dieModellirung des Nackten
sind durchaus nicht so korrekt und so fesselnd, wie man
es gewöhnt worden ist. Es läßt sich auch an einer
ganzen Reihe von anderen Bildern konstatiren, daß die
Franzosen allmählich von der erstaunlichen Höhe, welche
ihre Technik im Durchschnitt erreicht hatte, herab-
steigen. Ein gewisses Niveau ist im schnellen Wettlauf
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